Vorbild sein: Talheimer Hohrainhof stellt auf bio um

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Die JVA-Außenstelle in Talheim baut jetzt auch Gemüse an. 2024 ist Bio-Zertifizierung geplant. Gebäude müssen saniert und umgebaut werden. Ein Hofladen steht auf der Wunschliste.

Stephan Oppenländer leitet den Bereich Weinbau.
Stephan Oppenländer leitet den Bereich Weinbau.  Foto: Berger, Mario

In Hellgrün und Dunkelrot leuchtet der Salat in der Sonne. Er gedeiht gut, die ersten Köpfe sind schon geerntet. Premiere auf dem Hohrainhof, auf dem erstmals Gemüse angebaut wird. Das ist Teil des Konzepts des ökologischen Landbaus, auf den die Staatsdomäne umstellt. 2024 soll die Bio-Zertifizierung erfolgen. "Wir wollen nicht nur einen Beitrag für die Gesellschaft leisten", spricht Andreas Vesenmaier, Leiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) Heilbronn, von der Resozialisierung in der Talheimer Außenstelle. Ziel sei es auch, sich für die Natur und Umwelt einzusetzen. Deshalb die Abkehr von der konventionellen Landwirtschaft.

Für die Zukunft gut aufgestellt sein

"Wir wollen Vorbild sein", sagt Vesenmaier. Bis 2030 sollen 30 bis 40 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen im Land nach Bio-Kriterien bewirtschaftet werden. Es sei wichtig, dass der Hohrainhof für die Zukunft gut gewappnet sei, nennt Vesenmaier einen weiteren Grund für die Umstrukturierung. Die Weichen für das veränderte Verbraucherverhalten müssten rechtzeitig gestellt werden. "Mir ist es extrem wichtig, eine Verbindung zu schaffen zwischen der Außenstelle und der Bevölkerung", betont der Leitende Regierungsdirektor. Es soll sichtbar werden, was sich hinter den historischen Mauern tut.

Kopfsalat, Radicchio, Rettich, Kohlrabi, Rot- und Weißkraut, Brokkoli, Zwiebeln, Himbeeren und Erdbeeren werden jetzt auf 0,5 Hektar angebaut, zählt Martin Schäfer, Leiter der Landwirtschaft, auf. Sukzessive soll der Gemüseanbau ausgeweitet werden, im Herbst kommt ein Folienhaus dazu. "Der Boden ist extrem schwierig für Gemüse", meint er. "Aber erstaunlicherweise sind die Zwiebeln top."

Biohafer statt Winterweizen

Die Viehhaltung benötigt Futter und Stroh, deshalb wird auf dem Hohrainhof weiter Getreide angebaut. Allerdings Biohafer statt Winterweizen. "Der braucht zu viel Stickstoff", erklärt Schäfer. Weil im Bioanbau zu aufwendig, werden auch die Zuckerrüben aussortiert, dafür auf fünf Hektar der auf dem Markt gefragte Dinkel angebaut.

Der ökologische Landbau ist arbeitsintensiver und bringt weniger Ertrag. "Beim Gras ist es etwa die Hälfte", schätzt Schäfer. Erst wenn der Betrieb zertifiziert ist, können sich Qualität und Arbeitsaufwand in höheren Preisen niederschlagen.

Was passiert mit den Milchkühen?

"Wir wollen schwerpunktmäßig auf die Mutterkuhhaltung hinsteuern, weil da leichter die Bio-Kriterien zu erfüllen sind", gibt Vesenmaier die Marschroute vor. Größere Ställe oder weniger Tiere sind die Alternativen. Deswegen wird überlegt, die Milchkühe auszulagern. An Weideflächen mangelt es nicht.

Bedienstete und Gefangene werden geschult

Ein ungewöhnlicher Anblick auf dem Hohrainhof: Erstmals wird hier Gemüse angebaut. Mit der Umstellung auf Bio-Landwirtschaft soll das wachsen, was der Verbraucher auf dem Teller wünscht, das Sortiment erweitert werden.
Fotos: Berger
Ein ungewöhnlicher Anblick auf dem Hohrainhof: Erstmals wird hier Gemüse angebaut. Mit der Umstellung auf Bio-Landwirtschaft soll das wachsen, was der Verbraucher auf dem Teller wünscht, das Sortiment erweitert werden. Fotos: Berger  Foto: Berger, Mario

Hacken und Mähen unter den Stöcken sowie Kupfer und Schwefel als biologischer Pflanzenschutz gilt für den Weinbau, der 2022 komplett auf bio umgestellt sein wird. "Die Erfahrungen sind gut", berichtet Stephan Oppenländer, der den Weinbau leitet. Die Umstrukturierung, für die die zwölf Bediensteten und 26 Gefangenen geschult werden, sei eine Herausforderung. "Aber es tut gut, neue Wege zu gehen. Das gefällt mir", sagt Oppenländer. Bei Neupflanzungen setzt er auf pilzresistentere Sorten. "Wichtig ist es, neue Produkte auf den Markt zu bringen", sagt Vesenmaier. Alkoholfreier Secco und Glühwein sind der Anfang. Junge Kundschaft soll gewonnen werden.

Letzte Generalsanierung vor 40 Jahren

Damit das Gesamtkonzept gelinge, müsse die Umstrukturierung von der baulichen Seite begleitet werden, macht Vesenmaier deutlich. Die Unterkunftsgebäude seien zuletzt vor 40 Jahren generalsaniert worden. "Sie sind abgewohnt." Wird das Milchvieh ausgelagert, soll einer der Ställe in einen Hofladen samt Weinverkostung und Seminarräumen umgebaut werden, der Kälberstall für Hühnerhaltung. Ein Architekt untersucht bereits die Bausubstanz, erstellt eine Kostenschätzung. Trotz "erster positiver Signale" aus Justiz- und Finanzministerium, bleibt die Frage, ob und wann das Land Geld zur Verfügung hat.

Daten und Fakten

Knapp 105 Hektar umfasst die Betriebsfläche des Hohrainhofs. 53 Hektar sind Ackerflächen, 42 Hektar Wiesen und Weiden sowie 9,5 Hektar Rebflächen. Der Viehbestand beläuft sich auf 37 Kühe sowie 25 Rinder und Kälber der alten und gefährdeten Haustierrasse Limpurger Rind. Die Kühe geben rund 100 000 Liter Milch pro Jahr, etwa 50 000 bis 60 000 Liter Wein werden in der hofeigenen Kelter ausgebaut. Der Ursprung des Hohrainhofs liegt im 16. Jahrhundert. Das älteste Gebäude ist die Kapelle von 1707. Besitzer des landwirtschaftlichen Betriebs ist seit 1918 das Land Baden-Württemberg. Seit 1945 ist der Hohrainhof die Außenstelle der Justizvollzugsanstalt Heilbronn.

 
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