Vater und Tochter stehen im Kaffeehaus Hagen gemeinsam an der Spitze
Die dritte Generation sichert im Heilbronner Kaffeehaus Hagen die Familientradition. Die Familienmitglieder pflegen eine lebendige Streitkultur, zuweilen geht es emotional zu.

Um nichts in der Welt möchte Antonia Hagen-Kettemann ihre Selbstständigkeit eintauschen gegen die Abhängigkeit eines Angestelltendaseins. Diese Überzeugung ist nicht das einzige, das sie mit ihrem Vater Hanspeter Hagen verbindet. Für den Senior ist Unternehmer sein "das Allergrößte und Wunderbarste". Seit Ende 2016 sind Vater und Tochter als zweite und dritte Generation gemeinsam Geschäftsführer des Heilbronner Kaffeehauses.
Seniorchef denkt nicht ans Aufhören
Hanspeter Hagen denkt dabei noch lange nicht ans Aufhören, das Hagen ist sein Lebenswerk. Mit 76 Jahren ist er nicht mehr täglich von früh bis spät in der Firma, geht stattdessen auch mal länger auf Reisen: "Ich hole den Urlaub nach, den ich in 50 Jahren nicht gemacht habe." Ein definiertes Datum für den Ausstieg will er sich nicht setzen und orientiert sich an seinem eigenen Vater. Firmengründer Willy Hagen war bis zu seinem Tod 1989 in der Firma aktiv: "Das ist auch mein Modell", sagt Hanspeter Hagen. Loslassen ist kein Thema.
Die gemeinsame Spitze habe sich bewährt, betonen Vater und Tochter. Dass die nachfolgende Generation eingestiegen ist, sei aber in vielen Bereichen spürbar. "Ich kann gestalten und vieles neu ausrichten", sagt Antonia Hagen-Kettemann. Das Unternehmen soll jünger und moderner werden.
Diskutieren und Lösungen finden
Über die Wege sind sich Vater und Tochter aber nicht immer einig. "Wir pflegen eine lebendige Streitkultur und sind manchmal zu emotional", sagt die 32-Jährige. Jeder habe seine individuellen Leidenschaften. Ihre Stärke sei es, alles auf den Tisch zu bringen und auszudiskutieren, um dann einen Kompromiss zu schließen. "Wir finden stets eine Lösung, die alle akzeptieren können", sagt Hanspeter Hagen.
Vater und Tochter ergänzen sich in ihren Schwerpunkten. Bei der Größe der Firma würde es ohne Aufgabenteilung nicht mehr gehen. Antonia Hagen-Kettemann ist als studierte Volkswirtin mehr der Zahlenmensch, sie schaut aufs Betriebswirtschaftliche, kümmert sich ums Controlling, die Personalverwaltung und gemeinsam mit ihrer Mutter Sibylle Mösse-Hagen um den Einkauf, etwa der Accessoires. Der Senior ist für Großhandel, Aquise und Kundenbetreuung zuständig. Er sei mehr "der Intuitive. "Den Bereich Zahlen bei meiner Tochter in besten Händen zu wissen", darüber freut er sich, "es macht mich freier".
Familientradition fortzuführen, ist keine Selbstverständlichkeit
Ein Familienunternehmen über mehrere Generationen zu führen, sehen auch die Hagens nicht als Selbstverständlichkeit. Die Verantwortung empfinde sie nicht als Last, sagt die Tochter. Die einzige Bürde sei, "dem beliebten und geschätzten Vater gerecht zu werden".
Geschichte des Betriebs
Willy Hagen hat die Kaffeerösterei 1934 gegründet, aus einem kleinen Betrieb mit fünf Angestellten auf 100 Quadratmeter Fläche wurde ein Unternehmen mit 50 Mitarbeitern aus zehn Nationen. Die Firma in der Christophstraße beherbergt heute auf 1500 Quadratmetern das Kaffeehaus, die Rösterei und die Verkaufsräume für Kaffee und Tee, Wohnaccessoires, Kaffeemaschinen und Damenmode. Seit dem Umzug ins einst wenig geschätzte Viertel im Heilbronner Industriegebiet 1994 ist die Firma stetig gewachsen. Jährlich werden 30 Tonnen Kaffee vertrieben. Im Kaffeehaus werden rund 44.700 Kaffeegetränke, 5800 Teekännchen und 12.300 Frühstücke serviert.
Dass die 32-jährige Chefin mit dem Kaffeehaus aufgewachsen ist, "das auch sonntags bei uns Thema war", hat sie geprägt - im positiven Sinne. "Für mich ist es heute keine Belastung, die Themen der Firma mit nach Hause zu nehmen." Spaß mache es auch deshalb, weil die Produkte toll seien: "Wir haben nur mit schönen Sachen, mit Essen und Trinken und Kultur zu tun."
Dass das Kaffeehaus sein Spektrum im Bereich Einzelhandel erweitert hat, war die Idee von Sibylle Mösse-Hagen: auch um Kunden mehr Anreize zu bieten, in die Christophstraße zu fahren. Begonnen hat es mit Accessoires für den gedeckten Tisch. Dazugekommen ist vor fünf Jahren eine Modeabteilung sowie ein größerer Verkaufsraum für Kaffeemaschinen. Antonia Hagen-Kettemann, Mutter eines einjährigen Sohnes, hat unlängst noch Baby-Accessoires aufgenommen.
Der Erfolg des vielfältigen Konzepts "gibt uns recht", sagt die junge Chefin. Der Einzelhandel in Innenstädten gehe jetzt oft den umgekehrten Weg und ergänze sein Warenangebot um Gastronomie: "Wir waren die Vorreiter."
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