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Vater gesucht: Durch eine Samenspende zum Wunschkind

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Kinder, die durch eine Samenspende entstanden sind, haben es schwer, den genetischen Vater ausfindig zu machen. Eine betroffene erzählt, was das für sie bedeutet.

Von Heike Kinkopf
Inzwischen gibt es vielfältige Familienmodelle. Das verändert auch den Blick auf Elternschaft.
Illustration: pict rider/stock.adobe.com
Inzwischen gibt es vielfältige Familienmodelle. Das verändert auch den Blick auf Elternschaft. Illustration: pict rider/stock.adobe.com

Anne Meier-Credner hat eine Mutter und zwei Väter. Mit dem einen ist sie von Geburt an verbunden, bei ihm wächst sie auf. Mutter, Vater, Kind. Über den anderen weiß sie nichts. Biologisch ist sie das Kind eines Samenspenders. Die 34-Jährige kämpft für ihr Recht zu erfahren, von wem sie abstammt. Bislang vergeblich.

"Es ist, als würde ich in einen Spiegel gucken, und der bleibt zu einem großen Teil einfach leer." So beschreibt Anne Meier-Credner das Gefühl, nicht zu wissen, wer ihr genetischer Vater ist. "Jeder Mensch kann sich einsortieren in eine Abfolge von Generationen, mit Vorfahren und eventuell Nachkommen." Meier-Credners Familiengeschichte ist unvollständig. Schätzungen zufolge leben etwa 100 000 Menschen in Deutschland, die durch eine Spermaspende entstanden sind.

Bundesregierung richtet Datenbank ein

Zukünftige Spenderkinder sollen es leichter haben als Meier-Credner. Deshalb hat die Bundesregierung die Dokumentation von Samenspenden vor zwei Jahren neu geregelt. Seit dem vergangenen Sommer gibt es ein bundesweites Samenspenderregister, eingerichtet beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information in Köln. Es erfasst Samenspenden ab Juli 2018 und auch nur die, bei denen Ärzte die künstliche Befruchtung begleiten.

Die Gleichstellung von homosexuellen Paaren und die Ehe für alle kreieren verschiedene Partnerschaften, in denen sich der Wunsch nach einem Kind verfestigt. So rechnet Dr. med. Friedrich Gagsteiger damit, dass künftig vermehrt lesbische Paare, aber auch alleinstehende Frauen in die Praxis kommen. "Es entspricht dem Trend der Zeit", sagt der Leiter des Kinderwunsch-Zentrums in Stuttgart.

Mutter, Mutter, Kind

Sylvie und Simone Krassel, 30 und 37 Jahre alt, sind verheiratet. Das Paar lebt in Pforzheim, ihr Sohn wird im Sommer zwei Jahre alt. "Der Kinderwunsch hat sich im Laufe der Zeit herauskristallisiert", sagt Sylvie Krassel. Auf eine private Spende lassen sich die Frauen nicht ein. "Es hat uns überrascht, wie viele Männer im Freundes- und Bekanntenkreis kein Problem damit haben, sich als Spender zur Verfügung zu stellen", sagt Sylvie Krassel. Diese "Dreier-Konstellation" lehnt das Paar ab. Beziehungen können sich verändern, Freundschaften sich auflösen. Vereinbarungen unter Freunden können infrage gestellt werden.

Mit einer medizinisch geprüften Samenspende der Münchener Cryobank erfüllen sich die Krassels ihren Kinderwunsch. Das passiert noch vor der Einrichtung des Samenspenderregisters. Das Paar macht dennoch kein Geheimnis aus der Sache. "Nachdem meine Frau schwanger war, haben wir es unseren Eltern und Kollegen sofort erzählt", sagt Simone Krassel. Den Sohn wollen sie altersgerecht aufklären. "Er soll auf jeden Fall die Möglichkeit bekommen, herauszufinden, wer sein biologischer Vater ist", erklärt Sylvie Krassel. "Jeder hat doch das tiefer liegende Bedürfnis zu wissen, woher er kommt. Wieso er gut in Mathe ist. Woher er die markante Nase hat."

Kein Geheimnis aus der Samenspende machen

"Früher, in den 80er-Jahren, war das Thema tabu. Keiner sollte erfahren, dass das eigene Kind durch eine Samenspende gezeugt wurde", sagt Constanze Bleichrodt, Geschäftsführerin der Spermabank Cryobank in München. Heute sei bekannt, wie wichtig eine frühe Aufklärung des Kindes über seine Entstehung sei. Bleichrodt ermuntert Paare zu einem offenen Umgang mit der Samenspende.

Anne Meier-Credners Eltern weihen ihre Tochter ein, als sie zehn Jahre alt ist. "Meine Mutter sagte, es sei für sie schwierig gewesen, den passenden Zeitpunkt dafür zu finden. Aber den gibt es wohl nur selten." Wer ist der unbekannte Samenspender? Unterlagen müssten noch vorhanden sein. Ein Gericht hat die damals behandelnde Praxis 2017 verurteilt, Auskunft zu geben. Doch Meier-Credner erhält die gewünschten Informationen nicht. In einem nächsten Schritt will sie das Urteil vollstrecken lassen.

Vielfältige Familienformen brauchen neue Regeln

Wer ist der genetische Vater? Für künftige Kinder wird diese Frage durch das Samenspenderregister leichter zu beantworten sein. Damit ist das Thema nicht erledigt. Im Gegenteil: Im Internet finden sich einschlägige Portale für private Samenspenden. Deren Daten werden nicht im zentralen Register hinterlegt.

Handlungsbedarf sieht die Politik bei homosexuellen Paaren. Die Grünen haben dazu in Berlin einen Gesetzentwurf vorgelegt. Bei lesbischen Paaren soll die Ehefrau einer Mutter automatisch der zweite Elternteil eines Kindes sein. Aus dieser Zuordnung könnte sich das Kind später auch nicht lösen. Welche Konsequenzen sich daraus aber auch für schwule oder transsexuelle Paare mit Kinderwunsch ergeben, darauf gibt es momentan noch keine Antwort.

Was im Spenderregister steht

Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information DIMDI registriert ausschließlich künstliche Befruchtungen mit Spendersamen, die nach dem 30. Juni 2018 erfolgen. Es speichert 110 Jahre lang personenbezogene Angaben von Spendern und Empfängerinnen, die ärztlich betreut werden. Die Kinderwunschpraxen liefern die Daten neun Monate nach der Zeugung. "Daher liegen uns erst seit Kurzem zwei Meldungen vor", teilt ein DIMDI-Sprecher mit. Die erste Meldung sei Anfang März eingegangen. "Die Zahl dürfte in den kommenden Monaten natürlich zunehmen."

 

Männer, die Samen spenden, sind oft selbstbewusst

Was treibt Männer an, ihr Sperma einem unbekannten Paar oder einer Singlefrau zur Verfügung zu stellen? "Kinderlosen Menschen den Traum, Eltern zu werden, zu erfüllen, kann eine bereichernde Erfahrung sein", sagt Dr. Roja Barikbin vom Hamburger IRC Institut für Reproduktionsmedizin. Die Klinik gehört zur European Sperm Bank mit Sitz in Dänemark. Wer Samen spendet, handle oft völlig uneigennützig. Ein weiterer Grund sei der biologische Wunsch, seine Gene weiterzugeben.

"Geld ist nie die Hauptmotivation", meint Diplom-Psychologin Constanze Bleichrodt, Geschäftsführerin der Cryobank in München. Etwa zwei Milliliter Ejakulat landen beim Erguss im Plastikbecher, sagt sie. Dafür gibt es 80 Euro. Zwar gebe es in Deutschland keine Grenze, wie viele Kinder von einem Spender entstehen, bei der Cryobank ist allerdings bei 15 Familien, in denen Kinder eines Mannes leben, Schluss.

Es sind nicht alles Narzissten

Viele Männer melden sich Bleichrodt zufolge, weil sie im Familien- oder Freundeskreis ein Paar mit unerfülltem Kinderwunsch haben. "Sie möchten helfen." Es handle sich ihrer Erfahrung nach "tendenziell um etwas selbstbewusstere Männer, was nicht heißen soll, dass alle Narzissten sind". Sie könnten gut damit leben, irgendwo ein genetisches Kind zu haben, zu dem es keinen Kontakt gibt.

Wer Samenspender werden will, durchläuft zunächst ein gesetzlich vorgeschriebenes Prüfverfahren, das die Qualität des Spermas und die Gesundheit des Mannes garantiert. Roja Barikbin zufolge kommen die unterschiedlichsten Männer im Alter von 18 bis 40 Jahren. Im Moment gebe es 400 aktive Spender bei der Europäischen Samenbank.

Lesbische Paare mit Kinderwunsch

Der Anteil lesbischer Paare in den Instituten steigt. Viele seien Anfang 30, wenn sie nach einer Samenspende fragen, sagt Bleichrodt. Die heterosexuellen Paare seien meist Ende 30. Wer eine Kinderwunschbehandlung durchlaufe, verfüge über einen festen Job und ein festes Einkommen. Eine Samenspendebehandlung kostet etwa 1000 Euro und mehr.

Den Paaren ist häufig wichtig, dass der Spender dem Partner ähnlichsieht, stellt Bleichrodt fest. Auch Singlefrauen suchten nach einem Spender, der über ähnliche äußerliche Merkmale verfügt wie sie. Ein Foto des Samenspenders bekommen die Empfänger allerdings nicht zu Gesicht. Äußerlichkeiten sind nicht alles. "Andere Paare legen besonderen Wert auf die medizinische Familiengeschichte des Spenders", sagt Barikbin. Häufig verlassen sich Paare bei der Auswahl des Samens auf die Beschreibung des Spenders durch die Mitarbeiter der Samenbanken.

Wer sein Sperma zur Verfügung stellt, muss damit rechnen, dass in ferner Zukunft das genetische Kind vor ihm steht. Samenspenderkinder haben das Recht zu erfahren, wer ihr biologischer Vater ist. Dass diese Vorstellung Männer abschreckt, stellt Constanze Bleichrodt nicht fest. Sollte dies passieren, "vertrauen Männer darauf, dass die Begegnung gut läuft".

 

 

 

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