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Trost per Online-Gottesdienst

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In der Region Heilbronn gehen in Zeiten von Corona einige Pfarrer online - zum Beispiel in Hardthausen-Gochsen. Dort hat an Karfreitag Alexander Köhrer einen Gottesdienst abgehalten, der live auf Youtube übertragen wurde.

von Anja Krezer und Carsten Friese

Gerade in diesen Zeiten und ganz besonders an Karfreitag: "Die Menschen brauchen ein Wort", findet Alexander Köhrer. Ein Wort, das tröstet. Das Halt gibt. Wie aber kann ein Pfarrer seine Gemeinde trösten, wenn Kontaktsperre ist und Gottesdienste in der Kirche tabu sind? Alexander Köhrer macht es wie mancher Kollege: Statt in die Gesichter von Menschen blickt er im evangelischen Gemeindehaus in Hardthausen-Gochsen ins Auge einer Kamera. Sein Abendmahlsgottesdienst wird live auf Youtube übertragen.


Scheinwerfer leuchten den Pfarrer aus

Jonas Harst gibt aus dem Off den Takt vor: "Noch eine Minute." Alexander Köhrer schließt die Augen. Konzentration. "Noch 30 Sekunden", zählt Harst runter. Zusammen mit Timo Zimmermann und Christoph Berger hat er die Technik im Griff. Und los geht's, Pfarrer Köhrer ist online. Mehrere Scheinwerfer leuchten ihn aus. Angespannt sei er, hat er ein paar Minuten zuvor gesagt. Zwar müsse er auch "ganz präsent" sein, wenn er - wie vor Corona - in "seiner" Kirche in Langenbeutingen predigt. "Aber da habe ich keine Zuhörer in New York", sagt der Seelsorger und lächelt.

So übertrieben ist das mit New York nicht mal. "Leute aus Berlin, London und der Schweiz waren uns schon zugeschaltet", sagt Jonas Harst. Der junge Mann ist von Haus aus Veranstaltungstechniker und außerdem kirchlich engagiert. Als vor ein paar Wochen klar war, dass keine Gottesdienste mehr abgehalten werden dürfen, wurde im evangelischen Kirchenbezirk Weinsberg-Neuenstadt überlegt: Wie können die Pfarrer trotzdem den Menschen nahe sein? Innerhalb kürzester Zeit wurde das Gemeindehaus in Gochsen zum Filmstudio. Abwechselnd halten Pfarrer des Kirchenbezirks hier Gottesdienste ab, die live auf Youtube übertragen werden. Der Gottesdienst von Alexander Köhrer ist der fünfte dieser Art, für den Seelsorger aus Langenbrettach-Langenbeutingen selbst ist es Premiere.

Die Technik ist beeindruckend

In Gochsen passt alles: Es gibt eine Akustikdecke, man kann den Saal komplett verdunkeln, es gibt Platz genug für die Technik. Die ist beeindruckend: Unter mehreren aneinander geschobenen Tischen liegt ein Gewirr aus Kabeln. Auf den Tischen leuchtet und blinkt es: Vier Laptops, fünf Bildschirme und ein Mischpult sind im Einsatz.

Punkt 10 Uhr setzt Glockengeläut ein. Es ist eine Tonaufnahme der evangelischen Kirche. Sie wird eingespielt. Pfarrer Köhrer steht vor dem Altar - ein Provisorium, mit schwarzem Stoff verhüllt. Die Altarkerzen brennen, außerdem auf jeder Seite drei weitere. Köhrer hebt den Blick, spricht in die Kamera, hinter der Christoph Berger steht. "Wo auch immer Sie zuschauen, wir sind zusammen. Das ist jetzt gut und wichtig so", begrüßt der Seelsorger seine Online-Gemeinde.

Verständigung per Zeichensprache

Diese besteht zu diesem Zeitpunkt aus 300 Mitgliedern. Jonas Harst hat die Zahlen stets im Blick: Nach 20 Minuten sind es bereits 800 Wiedergaben - man muss ja nicht Punkt 10 Uhr am Start sein. Mindestens zwei Wochen lang kann man alle Youtube-Gottesdienste unter www.kirchengemeinde-gochsen.de abrufen. Im Schnitt machen das weit über 1500 Menschen, sagt Harst. Mit Kamermann Berger verständigt sich Harst per Zeichensprache, in einigem Abstand bewegt Zimmermann die Regler des Mischpults nach oben oder unten.

Was dem Seelsorger Trost spendet

Währenddessen ruft ein paar Meter weiter vorne Alexander Köhrer Gott an: "Weißt du, wie sie ist - die Einsamkeit?" Das Leid in Pflegeheimen und Krankenhäusern, hier genauso wie in Italien oder Ecuador, wo die Corona-Todesopfer in Plastiksäcken am Straßenrand liegen, verknüpft der 56-Jährige mit dem Leiden Jesu. Was spendet dem Seelsorger Trost an diesem Karfreitag? "Heute spüren wir: Es ist ein Gott, der nicht abhaut. Gott leidet mit dieser Welt mit. Und unser Glaube weiß: Das Leid wird verwandelt."

Die Lieder werden eingespielt. Warum keine Live-Musik beim Live-Gottesdienst? Weil das Ganze ohnehin schon ein riesiger Aufwand ist, sagt Harst. Mit Live-Musik wäre er noch viel größer. Harst überschlägt: In eine Stunde Online-Kirche investiert er etwa acht Stunden Vorbereitungszeit. Ehrenamtlich.

Abendmahl online

Weil Karfreitag ist, wird Abendmahl gefeiert. "Und nun kommt, denn es ist alles bereit", sagt Köhrer in die Kamera und zu Dieter Brucker. Der Vorsitzende des Gochsener Kirchengemeinderats ist vor Ort der einzige, der Brot und Wein empfängt - quasi stellvertretend für alle an Bildschirm oder Display.

Nach einer knappen Stunde ist dieser besondere Gottesdienst vorbei. Jonas Harst atmet durch. Er ist froh. "Wir hatten wenig Patzer heute." Es passiere schon mal, dass der falsche Liedtext eingeblendet wird. Auch Pfarrer Alexander Köhrer ist erleichtert. Die Menschen waren da, auch wenn sie nicht anwesend waren. "Ich habe sie mir vorstellen können." Selbst das Abendmahl war nicht so ungewöhnlich wie befürchtet. "Ich habe mich ganz in den Augenblick reinversetzen können."

Besondere Gottesdienstformen in besonderen Zeiten: Pfarrer Alexander Köhrer während seiner Predigt, die live auf You Tube übertragen wird.
Foto: Andreas Veigel
Besondere Gottesdienstformen in besonderen Zeiten: Pfarrer Alexander Köhrer während seiner Predigt, die live auf You Tube übertragen wird. Foto: Andreas Veigel  Foto: Veigel, Andreas

Nähe zu Kirchgängern ist wichtig

Auch andernorts sind einige Pfarrer online gegangen, um trotz abgesagter Gottesdienste den Gläubigen ein Stück Gewohnheit in bewegten Bildern zu bieten und Kirchgängern weiter nahe zu sein. "Es ist eine überschaubare Zahl", sagt Dekan Christoph Baisch für das evangelische Dekanat Heilbronn. Man habe keine Vorgabe gemacht, weil man auch die analoge Möglichkeit der Kontaktaufnahme zulassen und nicht überall in eine neue Hektik aufbrechen wollte. Andere Pfarrer nähmen mit Briefen, Telefonanrufen oder per E-Mail Kontakt auf. Pfarrer mit Videotechnik wolle man in ihrer Motivation aber auch keinesfalls bremsen. Und auch Kantoren setzten mit musikalischen Grüßen per Video ein Zeichen. Erste Rückmeldungen seien positiv, dass es von lokalen, vertrauten Personen die Kontaktaufnahme gibt und Gemeinschaft "neu gestaltet wird".

Einer, der mit Video-Gottesdiensten richtig tüftelt, ist Pfarrer Thomas Binder (Fürfeld). Er hat schon Musikvideos mit Kamera aufgenommen, sein Sohn hilft in der Technik und am Schnittplatz mit. Zuerst stellte Binder Gottesdienstvideos vom Handy ins Netz. Das Problem sei der Hall und ein Tonverlust gewesen. Binder kaufte eine Webcam und einen neuen Analog-Digitalumwandler. So wird auch ein gutes Übertragen von Live-Musik möglich. Musik und Orgelvorspiele werden vorher aufgenommen, beim Gottesdienst eingespielt. Beim ersten Mal habe das Video fast 1000 Abrufe erzielt. "Die Reaktionen sind positiv." Ältere hätten sich ein Handy gekauft, Familien Fotos geschickt vom Frühstück mit Laptop. Das Signal sei wichtig, dass der Pfarrer "noch da ist".

Resonanz ist überwältigend

Auch Roland Rossnagel, kommissarischer katholischer Dekan und Pfarrer im Heilbronner Deutschordensmünster, bietet Gottesdienste digital an. Er hat es über den Fernsehkanal LTV aufgebaut, weil viele ältere Menschen kein Internet hätten. Gemeindemitglied Markus Billik führt die Kamera. Wenn er die Aufnahme vor leeren Kirchenbänken mache und keine Kommunion austeilen dürfe, sei das ein seltsames Gefühl. Aber: Rossnagel stellt sich dann die Menschen vor, die schon sehr positive Rückmeldungen auf die Video-Gottesdienste gegeben hätten. "Die Resonanz ist überwältigend." Viele Menschen hätten sich bedankt, manche seien zu Tränen gerührt. "Das hätte ich nicht gedacht." Es zeige, dass eine starke Verbundenheit da sei zur eigenen Kirche, zum eigenen Pfarrer. Rossnagel merkt daran aber auch, dass ein aktiver Gottesdienst mit den Menschen "unerlässlich ist". In der Osternacht (Karsamstag) will er vor der Kamera eine Kerze in der dunklen Kirche entzünden.

Weitere Infos

Kirchengemeinden mit Online-Gottesdiensten veröffentlichen den Zugang auf ihren Internetseiten. Im evangelischen Dekanat Heilbronn sind es zum Beispiel auch Christus-, Kilians-, Nikolai- und Matthäuskirche (alle Heilbronn), Leingarten-Schluchtern oder Talheim. In Kooperation organisieren die evangelische Kirchengemeinde Gochsen und der evangelische Kirchenbezirk Weinsberg-Neuenstadt Live-Gottesdienste, die auf Youtube und der Internetseite www.kirchengemeinde-gochsen.de übertragen werden: am Ostersamstag um 20 Uhr, am Ostersonntag und Ostermontag jeweils um 10 Uhr. In der katholischen Kirche laden zum Beispiel die Gemeinden Eppingen, Bad Rappenau, St. Dionysius Neckarsulm (Videostream) oder St. Michael Zabergäu (Youtube, nur Ton) online ein, auch an Ostern. Andere Gemeinden bieten Predigten als Hördatei (Podcast) an oder Impulse/Predigten als Video- oder Textdatei (pdf).

 

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