Stimme+
Heilbronn

"Transsilvanische Leckerbissen" aus Böckingen

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

Fledermäuse, die die Nacht durchflattern. Und Blut, weingläserweise. Das ist Bram Stokers durstiger "Dracula". Was erwartet den unbedachten Flaneur in Böckingen, wenn er einen Fuß über die Schwelle des Feinkostgeschäfts "Transsilvanische Leckerbissen" setzt?

Von Vanessa Müller
Klaus Stefanie verkauft in Heilbronn-Böckingen "Transsilvanische Leckerbissen". Foto: Vanessa Müller
Klaus Stefanie verkauft in Heilbronn-Böckingen "Transsilvanische Leckerbissen". Foto: Vanessa Müller  Foto: Müller, Vanessa

Inhaber Klaus Stefanie schmunzelt - und sieht dem blutrünstigen rumänischen Nosferatu so gar nicht ähnlich, trotz schwarzem Polohemd. Nur eine Forke, behangen mit Knobi-Zehen, die gibt es hier wirklich. Genau wie bunt bemalte Schüsseln und einen Holzkarren zur Zierde. Seit 2011 bietet der Siebenbürger Sachse im Heilbronner Stadtteil Spezialitäten aus seiner Heimat Transsilvanien an. Krachende Würste, feurige Soßen, süßes Gebäck, Käse oder Wein.

In siebenbürgisch-sächsischer Mundart

Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er noch einen Laden in Ludwigsburg. "Als wir ihn 2001 eröffnet haben, waren wir das erste Geschäft in Baden-Württemberg, das siebenbürgische Spezialitäten verkauft hat", erinnert sich der 57-Jährige. Besonders viele Kunden seien aus dem Heilbronner Raum gekommen - und so entstand die Idee, hierher zu expandieren.

Noch immer stehen Autos mit Mannheimer, Konstanzer oder Nürnberger Kennzeichen vor der Tür. "Gär geschitt", verabschiedet er gerade einen Kunden aus dem bayerischen Hof, in siebenbürgisch-sächsischer Mundart natürlich. Viele seiner Kunden sind Landsleute, die mit seinen Leckerbissen in Erinnerungen schwelgen.

Schweres Leben unter Ceausescu

Seit 1986 lebt Stefanie in Deutschland, ursprünglich stammt er aus dem rumänischen Hermannstadt. Unter der Terrorherrschaft des Diktators Ceausescu von 1965 bis 1989 hatten Siebenbürger Sachsen ein schweres Leben. Mehr als 250.000 deutschstämmige Rumänen, Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben wurden an die Bundesregierung in Bonn verkauft - unter ihnen auch Stefanie. Doch egal, wie viele Jahre er nun in Deutschland lebt, in den Genüssen seiner Heimat schwelgt er noch immer.

Die siebenbürgische Küche schmeckt nach der langen Geschichte des Volkes, das einst Teil des Königreichs Ungarn war, bevor es mit Rumänien vereinigt wurde. Aber auch österreichische und türkische Einflüsse kitzeln den Gaumen.

Specklager im Wehrturm

Die sieben Burgen, nach denen Siebenbürgen benannt ist, beherbergten in ihren mächtigen Wehrtürmen einst Specklager. "Wer ein Schwein geschlachtet hatte, konnte das Fleisch dort aufhängen und sich immer eine Scheibe abschneiden", weiß Stefanie. "Es gab ja früher kaum Konservierungsmöglichkeiten." Eine andere Möglichkeit: gebratene Wurst in Schmalz versenken. Diese Spezialität gibt es auch in seinem Geschäft.

An der Frischetheke lockt Wurst von siebenbürgischen Metzgern aus ganz Deutschland: Knoblauchbacke, geräucherter Preßsack, Sibiu Salami. Blutiger geschlachtet als woanders wird in der Tradition des Dracula-Landes aber nicht. Außerdem liegen der Büffel-Feta Telemea oder der Schafsmilchkäse Burduf in der Auslage. Direkt aus Rumänien kommt etwa Vinete Coapte, gegrillte Aubergine. Eine transsilvanische Veggie-Spezialität, die vielleicht selbst Nosferatu gemundet hätte.

 

Transsilvanien

Siebenbürgen, auch Transsilvanien genannt, ist eine Region in Rumänien. 7592 Rumänen leben in Heilbronn, wie viele von ihnen Siebenbürger Sachsen sind, ist schwer zu ermitteln.
Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben