Tausende Faschingsfans säumen die Straßen in Bad Wimpfen
Helau! Das stürmische Wetter kann ihnen nichts anhaben: Tausende Menschen stehen am Sonntag am Straßenrand und sind bester Laune beim 70. Faschingsumzug in Bad Wimpfen mit über 3200 Mitwirkenden.
Das Passwort ist ganz klar ,Helau"", sagt Sven Merz, lacht und greift beherzt in den Berg aus Bonbons und Zuckertütchen vor sich. Er wirft die Ladung in weitem Bogen Richtung Faschingsvolk am Straßenrand. "Helau! Helau!": Wer laut ruft am Sonntag beim Faschingsumzug in Bad Wimpfen, hat beste Chancen, vom Wurfmaterial der 3200 Mitwirkenden etwas abzubekommen. Allein die Wimpfener Faschingsgesellschaft (WFG) hat acht Tonnen dabei, und Routiniers wie Sven Merz wissen, wie man mit Bonbons und Co. haushält, damit es bis zum Ende der zwei Kilometer langen Strecke für alle Besucher reicht.
An neuralgischen Stellen gibt es kein Mehl
Ein Karton nach dem anderen wird aufgerissen. "Hast du noch Glückskekse?", will Sven Merz von Christina Neuberger wissen. Ja, hat die WFG-Jugendreferentin. Außerdem in rauen Mengen Colafläschen, Popcornpäckchen, Fruchtgummis und Mehlpackungen. Aber letztere rückt sie gerade nicht heraus. Denn der Präsidiumswagen an der Spitze des Umzugstrosses ist an einer neuralgischen Stelle angekommen. Auf Höhe des Bahnhofs tummeln sich viele Jugendliche, einige weit entfernt von Nüchternheit. "Die reißen das Mehl auf und schütten es anderen auf die Haare", sagt Schriftführer Merz. "Es ist kein Spaß, das wieder rauszubekommen."
Alte Hasen im Umzugsbusiness
Merz und Neuberger sind selbst noch jung, aber im Umzugsbusiness schon alte Hasen. Sie wissen: Ab der Tankstelle, also wenn es den Berg hinaufgeht, wird"s hektisch. Die Zuschauerdichte nimmt zu, die Männer von der Security schirmen die Wagen - allein die WFG ist mit sechs vertreten - mit Seilen ab. "Helau! Helau!", ruft die Menge - "Helau! Helau", rufen Sven Merz, Christina Neuberger und die grauen Eminenzen, Präsident Dieter Büchle und sein Vize Rainer Stegmaier, zurück und werfen Glückskekse und Zuckertüten in die Menge. Das ist an diesem stürmischen Sonntag gar nicht so einfach: Die Glückskekse kommen einfach von der Bahn ab. In Windeseile legen sich Merz und Neuberger eine neue Wurftechnik zu. "Helau!"
Apropos werfen: Was schwerer als 200 Gramm ist, darf nicht geworfen werden, klärt Präsident Büchle auf. "Es muss gereicht werden", sagt der 57-Jährige und blickt gen Himmel. Für alles gibt es Vorschriften. Also übergibt er die Mehlpackungen und Brotbackmischungen, die die ortsansässige Frießinger Mühle zuhauf gesponsert hat, von Hand zu Hand ans Narrenvolk. Das ist übrigens zigtausendfach erschienen und hat sich vom windigen Wetter nicht abschrecken lassen.
Vorglüher sind das drängendste Problem
Andererseits ist der Präsident froh um Vorschriften und klare Absprachen. Denn nicht die Frage "Hält das Wetter?" sei mittlerweile das drängendste Problem aller Faschingsvereine, die einen Umzug auf die Beine stellen. Nein, es seien "die Vorglüher" - diejenigen Besucher also, die schon ziemlich betrunken auf dem Umzug ankommen und dort zur Gefahr für sich selbst und andere werden können. Unter anderem deshalb gibt es ein Sicherheitskonzept, deshalb muss die Faschingsgesellschaft Geld für eine Security-Firma ausgegeben, deshalb ist die Polizei an markanten Stellen besonders präsent, und deshalb werden bestimmte Bereiche extra abgesperrt. "Darüber mussten wir uns vor 30 Jahren keine Gedanken machen", sagt Umzugsminister Markus Weyhing. Als er gegen 16.50 Uhr - die letzten der 110 Gruppen sind am Ende angekommen - vermelden kann: "Alles gut gelaufen, keine besonderen Vorkommnisse", atmet er hörbar auf.
Bärenkind wird instruiert
Vorher haben Sven Merz und Christina Neuberger noch viel Arbeit zu leisten - eine Arbeit, die sie gerne machen. "Es ist schön, wenn man sieht, wie die Kinder warten", sagt die WFG-Jugendreferentin. Ein Bärenkind wird gerade von seiner Bärenmama instruiert: "Wenn die Frau in deine Richtung guckt, musst du ganz laut ,Helau" schreien." Christina Neuberger schaut in die richtige Richtung - und das Bärenkind freut sich über ein Päckchen Colafläschchen. "Helau!"
"Das Publikum verändert sich", sagen Merz und Neuberger. "Die Leute sind wählerischer geworden", findet die Wimpfenerin. "Ich hab" schon erlebt, dass einer zu mir gesagt hat: ,Das kannst du behalten"." Auch ein "Danke" hört sie nicht mehr so oft - außer bei Familien und älteren Menschen. "Die bedanken sich eigentlich immer." Helau!
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare