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Heilbronner Innenstadt hat in Sachen Stickoxid fast Luftkurort-Werte

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Flächendeckend sind die Schadstoffwerte klar unterm Grenzwert - trotz zuletzt deutlich gestiegener Verkehrszahlen. Dass die Werte dauerhaft tief bleiben, überrascht Experten. Was genau welchen Einfluss hat, ist noch nicht erforscht.

von Carsten Friese
Blick auf Heilbronn: Jahrelang gab es bedenkliche Schadstoffwerte des Reizgases Stickstoffdioxid über dem Grenzwert. Im Corona-Jahr 2020 gibt es bisher flächendeckend gute Luft - auch bei wieder deutlich steigenden Verkehrszahlen. 
Foto: Ralf Seidel
Blick auf Heilbronn: Jahrelang gab es bedenkliche Schadstoffwerte des Reizgases Stickstoffdioxid über dem Grenzwert. Im Corona-Jahr 2020 gibt es bisher flächendeckend gute Luft - auch bei wieder deutlich steigenden Verkehrszahlen. Foto: Ralf Seidel  Foto: Seidel

Wer jahrelang die viel zu hohen Stickoxidwerte in Heilbronn verfolgt hat, reibt sich verwundert die Augen: Trotz des mit den Corona-Lockerungen wieder stark ansteigenden Kfz-Verkehrs bleiben die für Heilbronn in diesem Jahr so bedeutsamen Stickoxidwerte weiter klar im grünen Bereich.

Nicht nur an der Dauermessstation Weinsberger Straße Ost liegt der Juli-Wert - also vor den Sommerferien - mit 28 Mikrogramm weit unter dem Grenzwert von 40 Mikrogramm. Auch die neu eingerichteten Messstationen mit Passivsammlern, die alle drei Monate ausgewertet werden, zeigen ein klares Bild: An Mannheimer, Süd-, Wilhelm- und Wollhausstraße in der Innenstadt liegen die Werte für das erste Halbjahr bei sehr niedrigen 21 bis 25 Mikrogramm.

Die Stadt Heilbronn, die über Jahre bei dem bedenklichen Reizgas für Lungen und Herz-Kreislaufsystem zu den dreckigsten Städten bundesweit zählte, hat auf einmal fast schon Vorzeigecharakter. Und ein drohendes Fahrverbot für Diesel-Fahrer, über das der Mittelwert am Jahresende entscheiden wird, ist in ganz weiter Ferne.

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Windeinfluss, Nachrüstungen, mehr Radfahrer, Filter am Straßenrand spielen eine Rolle

Wie das? Der Heilbronner Umweltingenieur Matthias Rau beschäftigt sich seit Jahren mit Stickoxiden und Luftreinhalteplänen, hat in Heilbronn für vielbefahrene Straßen Prognosewerte berechnet. Die Verkehrszahlen bewegen sich nach Angaben des Amts für Straßenwesen nur noch um gut fünf Prozent unter denen der Vor-Corona-Zeit. Wo sind die Stickoxide hin?

Das Windniveau sei 2020 ein anderes, ein intensiveres als in den Jahren zuvor, hat Matthias Rau für das erste Halbjahr festgestellt. Die Luft werde stärker ausgetauscht. Dass die Werte aber auch in der jüngsten Hitzewoche mit wenig Luftbewegung in der Weinsberger Straßenniedrig blieben, hat ihn überrascht. Die Flottenerneuerung allein hält er in dem kurzen Zeitraum seit 2019 nicht für den entscheidenden Faktor, wenngleich Soft- und Hardwareupdates bei Diesel-Fahrzeugen eine Rolle spielten. Schadstofffilter in der Weinsberger Straße laufen, können dort einige Mikrogramm weniger bringen. Noch diskutiere man in Fachkreisen, habe noch keine umfassende Erklärung für alles.

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Rau nennt auch mögliche Veränderungen in der Luftchemie, dass sich Sauerstoffatome durch intensive Sonneneinstrahlung eher zu Ozon (O3) statt zu Stickostoffdioxid (NO2) verbinden. Einen großen Anteil des Verkehrs am NO2 habe die Landesanstalt für Umwelt sorgfältig herausgearbeitet. Vor zwei Jahren sei der Diesel "noch Hauptverursacher" gewesen. Und jetzt? Reichen da vielleicht schon wenige Einflüsse, um die NOx-Bildung zu verändern? Rau ist vorsichtig. Für dieses Jahr erwartet er, dass Heilbronn unter dem Grenzwert bleibt. 2021 könnte es ohne Corona-Lockdown aber wieder an den Grenzwert herangehen.

An mancher Stelle liegt Innenstadt um die Hälfte unter dem Grenzwert

Der ist aktuell weit weg. Wenn die Südstraße im ersten Halbjahr bei 21 Mikrogramm liegt, ist das nur rund die Hälfte der als kritisch eingestuften NO2-Menge. Es sind sehr niedrige Werte, die nicht mehr weit von Luftkurorten wie Baden-Baden oder Villingen (beide 13) entfernt liegen.

Harald Lepple freut die Entwicklung. Der Chef der Kreisverkehrswacht wehrt sich gegen einen "Hype ums Elektro-Auto". Er attestiert einem sauberen Diesel nach wie vor sehr positive Eigenschaften. Die Werte zeigten dass "die Motoren sauberer geworden sind". Nur mit E-Autos gehe es nicht, zumal die Frage der Entsorgung der Batterien ungeklärt sei. Der Diesel habe den Vorteil, sparsam im Verbrauch zu sein und weniger Treibhausgas CO2 als Benziner auszustoßen. Sein Diesel-Wohnmobil benötige 11,5 Liter auf 100 Kilometern. Ein vergleichbares Benziner-Fahrzeug "würde 20 Liter brauchen". Der Diesel "wird bleiben", ist Lepple sicher. Der Abgesang auf den Diesel-Motor sei zu früh, weil man einen flexiblen Mix im Verkehr benötige.

Ein Fahrverbot würde einige Diesel-Fahrer überfordern

Dass Heilbronn Ende 2020 voraussichtlich unter dem Stickoxid-Grenzwert bleiben wird, freut Lepple. Ein Fahrverbot hätte einige Diesel-Fahrer überfordert. "Wie soll ein Familienvater in Kurzarbeit sich ein neues Auto kaufen?" Es würden deutlich weniger Menschen in die Stadt fahren, was auch die Einzelhändler spüren würden.

Auch Jens Boysen vom Heilbronner Amt für Straßenwesen sieht einen Einflussfaktor auf die Stickoxidwerte. Der Kauf-Boom bei Fahrrädern zeige sich auch in der Stadt. "Es wird mehr Fahrrad gefahren." Zumindest in der Sommerzeit.

Landesweiter Rückgang

Auch am Problemstandort Stuttgarter Neckartor war der Halbjahreswert erstmals knapp unter dem Grenzwert. Nur in der Stuttgarter Pragstraße und der Ludwigsburger Schlossstraße lagen die Werte über der roten Linie. An fast allen Messstellen sei die Belastung mit Stickstoffdioxid „deutlich zurückgegangen“, teilt das Verkehrsministerium mit. Neben Flottenerneuerung, Filtertechnik und Wetterlagen führt es Tempolimits, einen verbesserten Nahverkehr und mehr Radwege als Gründe an. 



Kommentar: Starkes Zeichen

Niedrige Stickoxidwerte zeigen: Umweltprobleme sind lösbar, wenn spürbare Veränderungen greifen.

Es ist erfreulich und etwas rätselhaft zugleich: Dass mit dem Corona-Lockdown die Schadstoffwerte beim Reizgas Stickoxid durch Homeoffice, Kurzarbeit und Geschäftsschließungen jäh absanken, ist nachvollziehbar. Jetzt, wo die Verkehrszahlen sich normalisieren, bleiben die Werte auf niedrigem Level.

Ein Ursachen-Mix dient als Begründung, doch die alte Gleichung – viel Sonne, wenig Wind und viel Verkehr bedeuten hohe Stickoxidwerte – stimmt derzeit offenbar nicht mehr. Es wäre gut für Heilbronn, wenn Fahrverbote überflüssig werden und Diesel-Besitzer sich nicht fragen müssen, wie sie jetzt wo genau fahren. Zudem werfen die Daten die Frage auf, ob die bislang heftig gescholtenen Diesel nicht doch langsam schadstoffärmer werden und eine verbesserte Technik wirkt.

Diesel nun vom bösen Buben zum Heilsbringer zu machen, ist indes auch nicht die Lösung. Wenn viele schwere Fahrzeuge mit Dieselmotor betrieben werden, Wohnmobile, SUV, die dicken Brummer, dann würde weiter eine große Menge Kohlendioxid das Klima belasten.

Aber: Die neuen Werte sind ermutigend. Heilbronn lag mal mehr als 30 Mikrogramm über dem Stickoxid-Grenzwert. Jetzt sind es teilweise 15 bis 20 Mikrogramm darunter. Es geht, wenn Mensch will. Das ist ein starkes Zeichen in dieser sonst so schwierigen Corona-Zeit. 

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