Stickoxid-Belastung liegt durch Corona weiterhin im grünen Bereich
Der Wert für den Luftschadstoff Stickoxid liegt in der Heilbronner Innenstadt in der Corona-Krise erneut im grünen Bereich. Ein Experte sieht dies als Hinweis, dass rund 20 Prozent weniger Verkehr reichen könnten.
Erfreulicher Doppelschlag in Sachen Luftqualität in der Heilbronner Innenstadt: Im zweiten Monat in Folge ist in der Corona-Krise der Stickoxid-Grenzwert für das Jahresmittel an der Messstation Weinsberger Straße deutlich unterschritten worden. Nachdem dort acht Jahre lang kein einziger Monat unter den alles entscheidenden 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft lag, waren es im April nur 33 Mikrogramm im Mittel. Im März, dem Monat mit dem Ausruf der drastischen Ausgangs- und Öffnungsbeschränkungen im Land, war der Monatspegel des bedenklichen Reizgases in Heilbronn bereits auf 35 abgesackt.
Es geht auch um die Klage für saubere Luft vor dem Verwaltungsgerichtshof
Zwei Monate absolut im grünen Bereich. Völliges Neuland für die Stadt Heilbronn, die sich mit dem Land als Verantwortlicher für Luftreinhaltepläne noch einer Klage der Deutschen Umwelthilfe gegenübersieht. Die fordert das Einhalten des Grenzwerts nach jahrelang zu hohen Werten ein. In diesem Jahr will der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim diese Klage verhandeln. Mit den neuen Werten haben Land und Stadt jetzt gute Karten, dass es keine drastischen Auflagen wie starke Zufahrtsbeschränkungen oder Fahrverbote für Dieselbetreiber geben könnte - wie in Stuttgart. Wenn eine Stadt nahe am Grenzwert liegt, könnten auch weniger restriktive Maßnahmen im gesamten Verkehrssystem schon helfen.
Ausnahme Stuttgarter Neckartor: Dort ist keine Delle erkennbar
Auch in anderen Städten im Land sanken die Stickoxidwerte in den vergangenen Monaten durch einen nassen, windigen Februar und im Zuge der drastischen Corona-Eingriffe. Im März und April gab es nur eine Station im Land Baden-Württemberg, die über dem Grenzwert lag: das Neckartor in Stuttgart, mit 41 Mikrogramm im April knapp über der Schwelle. Dort gibt es keine klare Corona-Delle und noch Unklarheiten. Aber: Im November, Dezember und Januar lag der Wert an dieser Station mit 47 bis 49 Mikrogramm deutlich höher, im Jahresmittel 2019 sogar bei 53.
"Die Luftqualität hat sich an den stark befahrenen Straßenabschnitten deutlich verbessert", stellte das Landesverkehrsministerium Ende April fest. Verkehrsmaßnahmen und die Corona-Pandemie sorgen für bessere Luft - das ist eine positive Nachricht in der sonst so schwierigen Zeit mit dem weltweit grassierenden Virus.

Für Matthias Rau, Heilbronner Umweltingenieur und erfahrener Praktiker beim Thema Luftreinhaltung, haben die Werte eine besondere Aussagekraft. Durch Verkehrsmessungen in Stuttgart und anderen Städten wisse man, dass das Verkehrsaufkommen in Folge der staatlichen Corona-Eingriffe um 20 bis 30 Prozent zurückgegangen sei. Mit seinem Büro arbeitet Rau im Auftrag des Landes aktuell an Luftreinhalteplänen für Städte.
In den kommenden Wochen werde man berechnen, wie viel dauerhafte Verkehrsminderung man bräuchte, "um an der Weinsberger Straße gesichert den Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm einzuhalten". Er schätzt die Lage so ein, dass in Heilbronn vielleicht schon 20 Prozent weniger ausreichen.
Mahnung, auf Kurzstreckenfahrten möglichst zu verzichten
Corona setzt Zeichen. Der Umweltingenieur sagt, wenn jeder im Schnitt 20 Prozent weniger Auto fahren würde, "kämen wir schon ein ganzes Stück weiter". Rau nennt gebündelte Einkaufsfahrten statt vieler kurzer als Möglichkeit, führt ein bis zwei Tage Home-Office als sinnvoll an. Und: Neben Fahrgemeinschaften würde auch helfen, "wenn es kein Mama-Taxi mehr in die Schulen gibt" - für ihn viele unnötige Kurzstreckenfahrten. Zudem könnten neue Pakete für Bus und Bahn, Radverkehr oder alternative Antriebe wirken.
Dass der Einfluss der Kraftfahrzeuge, vor allem der Diesel, mit entscheidend ist für die Stickoxidwerte, ist für Rau belegt. Es spielten auch Hausbrand, Industrie und Gewerbe eine Rolle. Aber: In hochbelasteten Innenstädten "macht der Verkehr in den Straßen 60 bis 65 Prozent aus". Skeptische Bürger zweifelten daran, weil der Februar ohne Corona-Lockdown ja auch schon relativ niedrige Werte gebracht hatte. Der war nach Angaben des Fachmannes extrem regnerisch und sehr windig. Und Regen und Wind hätten einen klaren Einfluss auf die Schadstoff-Werte, die an den Stationen gemessen werden. Weil Regen Partikel zu Boden bringt und Wind die Luft kräftig durchmischt - im Gegensatz zu windarmem, sonnigem Hochdruckwetter.
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