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Heilbronn

Seifen Reinhardt erlebt Höhenflug im Corona-Jahr

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Trotz Pandemie laufen die Verkäufe in dem urigen Sammelsurium-Geschäft rekordverdächtig. Viele Kunden verzichten sogar auf die Mehrwertsteuersenkung. Die geplante Feier zum 100. Geburtstag ist indes erst einmal vertagt.

von Carsten Friese
Sind hochzufrieden mit den Geschäften im Jubiläumsjahr, das mit der Corona-Krise zusammenfällt: Angelika und Hans Reinhardt in ihrem besonderen Geschäft in der Bismarckstraße. Rund 20?000 verschiedene Artikel gibt es hier.
Fotos: Mario Berger
Sind hochzufrieden mit den Geschäften im Jubiläumsjahr, das mit der Corona-Krise zusammenfällt: Angelika und Hans Reinhardt in ihrem besonderen Geschäft in der Bismarckstraße. Rund 20?000 verschiedene Artikel gibt es hier. Fotos: Mario Berger  Foto: Berger, Mario

Der 100. Firmengeburtstag - und dann ausgerechnet die Corona-Krise? Viele Firmen leiden stark unter den Folgen der Pandemie.

Bei Seifen Reinhardt in der Heilbronner Bismarckstraße gehen die geschäftlichen Uhren seit jeher etwas anders. Und trotz Corona spüren Hans Reinhardt und Nichte Angelika deutlichen Rückenwind. Die Geschäfte laufen richtig gut, besser als in den schon guten Vorjahren. Es könnte sogar sein, dass sie 2020 mit einem Rekordumsatz abschließen werden, sagt Geschäftsführer Hans Reinhardt (74). Trotz verkürzter Öffnungszeiten, trotz einiger Wochen Kurzarbeit für die Mitarbeiter - wie das?

Inzwischen kommen auch viele junge Kunden über Werbung auf Facebook und Instagram

Mit Seifen und Waschmitteln fing es einmal an. Auch heute gibt es eine große Vielfalt davon − bis zu Schaf- und Stutenmilchseifen in verschiedenen Duftnoten.
Mit Seifen und Waschmitteln fing es einmal an. Auch heute gibt es eine große Vielfalt davon − bis zu Schaf- und Stutenmilchseifen in verschiedenen Duftnoten.  Foto: Berger, Mario

Gegen den Trend hat sich das Geschäft mit dem riesigen Sammelsurium an Artikeln für Haushalt und Garten schon lange behauptet. Das geplante Fest zum 100. Geburtstag haben die Reinhardts wegen Corona schweren Herzens abgesagt und auf 2021 vertagt. Die Kunden aber kommen in Scharen, und viele Interessenten entdecken den besonderen Kosmos neu für sich.

In einem alten Wohnhaus sind die Verkaufsräume über drei Etagen verteilt. Jeder Zentimeter wird genutzt, Regale mit den Waren sind drei Meter hoch. Auf 20 000 verschiedene Artikel beziffert Angelika Reinhardt (26) die Palette. Diese Vielfalt nennt sie als ein Plus gegenüber der Konkurrenz.

Das Geschäft entwickelte sich mit der jungen, zupackenden Macherin weiter. Relativ neu hat sie nachhaltige Produkte wie Bienenwachstücher, Glastrinkhalme, Haarseife oder Spülmittel am Stück ohne Plastik im Sortiment. Auf Facebook und Instagram hat sie Internetseiten neu aufgebaut, viele jüngere Kunden zieht es dadurch in die Bismarckstraße. Ohne die Social-Media-Kanäle "würde es nicht so gut laufen", bekräftigt die Juniorchefin.

Von Milchkannen wie einst bis Kaffeemühlen, Motivteigrollen und Wiedehopfhacken

Überall wird der Raum für die viele Ware komplett ausgenutzt.
Überall wird der Raum für die viele Ware komplett ausgenutzt.  Foto: Berger, Mario

Der Rundgang durch die 350 Quadratmeter Ladenfläche ist ein Erlebnis für sich. Was es da alles zu entdecken gibt: Milchkannen aus Alu wie einst, Rosshaarbesen, Baum- und Aststützen, Pilzbürsten, Wiedehopfhacken zum Entfernen von Wurzeln fallen ins Auge, Bratensaftspritzen, Granitmörser für die Küche, Kaffemühlen oder Lampendochte. Zig Seifen gibt es, Motivteigrollen, Abgießhilfe beim Kochen, um ein Nudelsieb zu sparen.

"Schrubber und Bürsten gehen gut, Marmeladengläser und Saftflaschen verkaufen wir täglich", erzählt Angelika Reinhardt. Und in der Corona-Zeit sei ein Garkörbchen für Brotteig zum Renner geworden. Überhaupt: Die starke Nachfrage erklären die Reinhardts damit, dass die Menschen mehr Zeit für Haushalt und Garten haben. Und: Sie erleben an den Kunden, dass sie etwas kleinere Geschäfte unterstützen möchten. Auf die Mehrwertsteuersenkung verzichtet die Masse der Kunden. "So häufig", sagt die Juniorchefin, "hätte ich das nicht erwartet."

Zu der Idee vom Anfang der Corona-Zeit, einen Online-Shop aufzubauen, ist Angelika Reinhardt vor lauter Kundenandrang nicht mehr groß gekommen. Erst mal vertagt. Einen Lieferservice gibt es bereits.

Rabattschlachten machen die Reinhardts nicht mit. Jetzt, zum Jubiläum, gibt es mal Aktionen auf wenige Produkte. Aber die schrillen Prozente auf alles? Kein Thema. Da sie keine Saisonware haben, "können wir es weiter anbieten", erklärt Angelika Reinhardt.

Die gute Kundennachfrage in der Corona-Krise erlebt Hans Reinhardt wie ein Geschenk

Historischer Schneehaase (oben): Unter dem Namen liefen die ersten Produkte.
Historischer Schneehaase (oben): Unter dem Namen liefen die ersten Produkte.  Foto: Berger, Mario

Sieben Mitarbeiter arbeiten neben den Chefs im Geschäft. Der enge, verwinkelte Standort wird auch künftig ihr Domizil bleiben. In eine größere Gewerbehalle umziehen? "Das wäre eine Katastrophe", sagt Hans Reinhardt. Das Urige, der Charme würde verloren gehen. "Nie" werde man das machen, bekräftigt auch seine Nichte.

Ein Warenwirtschaftssystem mit EDV gibt es im Haus nicht. Abends werden die Verkäufe zwar eingescannt. Aber: Ware nachbestellen läuft wie früher. Sie gehen durch den Laden und schauen, was rar wird. Dass es im Corona-Jahr so gut läuft, war für die Unternehmer der anderen Art nicht absehbar. Hans Reinhardt findet: "Es ist ein Geschenk."

Historie

Die Ursprünge der Firma liegen in einem Geschäft in Stuttgart, als ein Seifensieder 1893 mit dem Verkauf von Seifen und Waschpulver mit dem Namen "Schneehase" begann. 1908 kaufte David Reinhardt das Geschäft. 1920 übertrug er seinem Bruder Daniel in Heilbronn eine Niederlassung. Anfangs erfolgte die Auslieferung über ein Pferdefuhrwerk, dann via Mercedes-Bus, Lkw und "rollendem Kaufhaus". Hans Reinhardt ist die dritte Generation in Heilbronn, seine Nichte die vierte.

 
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