Schwertransport windet sich in Heilbronn durch enge Straßen
Ein ungewöhnlicher Schwertransport erreicht am frühen Samstagmorgen den Heilbronner Hafen. Auf dem Weg dorthin leisten die Mitarbeiter des beauftragten Transportunternehmens Zentimeterarbeit.
„Das ist was Einmaliges. Das sieht man nicht alle Tage“, sagt Arnold Dörzenbach. Deshalb steht der 68-Jährige am Stadteingang von Heilbronn auf dem Parkplatz eines Autohauses an der Stuttgarter Straße und blickt Richtung Autobahnzubringer. Aus Richtung Untergruppenbach soll der Megatransporter kommen. Der ist seit Montag unterwegs, gestartet in Ulm.
Die Firma Kamag, ein Unternehmen der TII Group des Heilbronner Unternehmers Otto Rettenmaier, hat den Koloss auf die Reise geschickt. Er bringt eine Fahrzeugkonstruktion zum Kunden. Ziel ist ein Stahlwerk in Belgien. Als Transportunternehmen ist die Firma Kübler im Einsatz.
Belgien ist noch weit. Erstmal muss der Transporter Heilbronn erreichen. Die grobe Zeitplanung sieht die Ankunft zwischen zwei und drei Uhr vor. Inzwischen zeigt die Uhr nach halb vier an und der Transporter ist nicht in Sicht. Nur ein Vorausfahrzeug und die Polizei sind an der Stuttgarter Straße und versperren die Fahrspuren des Zubringers. Endlich. Blinkende Lichter künden von der Ankunft des Schwertransporters.
Konzentrierte Maßarbeit ist gefordert
Wartende Autofahrer, ein älteres Ehepaar aus Heilbronn und Arnold Dörzenbach zücken Handys und I-Pad. Den Schub- und Zugverbund aufs Foto zu bannen, ist nicht einfach. 6,60 Meter breit und 5,40 Meter hoch bringt es der Konvoi mitsamt der Vorausfahrzeuge und der Nachhut auf etwa 100 Meter. Geladen hat der Transporter die orangefarbene Fahrzeugkonstruktion für das Stahlwerk. Das allein wiegt laut Hersteller Kamag 132 Tonnen. Der Konvoi bringt insgesamt weit mehr als 320 Tonnen auf die Straße. Die müssen erst einmal bewegt werden.
Über Brücken zu fahren, ist meistens tabu. Aus diesem Grund führt die Route auch nicht schnurstracks über Stuttgarter Straße und Oststraße Richtung Neckarsulmer Straße. Die Eisenbahnbrücke am Südbahnhof etwa zwingt den Megatransport, seinen Weg durch die engen Seitenstraßen zu nehmen.
Dort ist Maßarbeit gefragt. Von der Stuttgarter Straße geht es in die Kauffmannstraße, vorbei an der Feuerwache auf die Charlottenstraße und weiter zur Südstraße. Über die Kreuzung am Silcherplatz und Oststraße geht es zur Villmatstraße. Der Megatransport ist Teamwork: Weit mehr als 50 Personen sind beteiligt, teilt TII-Group-Marketingleiter Volker Seitz mit: Fahrer, Begleitpersonal, Experten für die Beladung und Entladung des Stahltransporters, Kranführer, Logistiker, Planer, Polizisten. Und Frieder Saam. Er ist der Cheffahrer. „Ein Vollprofi“, meint Seitz.
Saam ist der Transportleiter bei Kübler. Allein die Dimensionen des gesamten Schwertransporters zeigten, dass es keine leichte Aufgabe sei, heißt es in einer Mitteilung von Kamag. „Ich denke: Wir haben ein ordentliches Konzept. Und eine gute Mannschaft. Das ist ja das A und O“, so Saam.
Auto wird einfach zur Seite geschoben
Besonders knifflig sind enge Kurven oder enge Straßen. Mitarbeiter der Firma Fischer aus Schwäbisch Hall räumen den Weg frei. In Windeseile entfernen sie Straßenschilder und befestigen sie wieder, sobald der Transporter vorbeigefahren ist. Sie messen, wie hoch die Ampeln hängen und sorgen dafür dass ein Auto, das trotz Halteverbotsschild am Straßenrand steht, zur Seite geschoben wird. Dem Halter ist das Knöllchen gewiss. Ein Polizist notiert das Kennzeichen des Wagens.
„Die Vorbereitung eines solchen Megatransportes dauert mehrere Monate und ist sehr detailliert“, erklärt Seitz. Die Strecke werde vorher abgefahren, es folgt die Abstimmung mit den zuständigen Behörden und der Polizei. „Das von uns zum Transport beauftragte Unternehmen Kübler ist spezialisiert auf Sondertransporte.“ Dass der Koloss die etwa 260 Kilometer von Ulm nach Heilbronn bewerkstelligt, liege vor allem auch an den Spezialfahrzeugen von Scheuerle aus Pfedelbach, die für den Transport eingesetzt würden. Scheuerle gehört ebenfalls zum Rettenmaier-Imperium.
Es geht auf fünf Uhr zu. Der Transporter steht in der Villmatstraße in der Heilbronner Nordstadt und soll über Wartberg- und Burenstraße auf die B27/Neckarsulmer Straße fahren. Frieder Saam telefoniert. „Wir brauchen etwa 20 Minuten“, sagt er zu seinem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung. 20 Minuten, um die Gleise in dem Bereich zu überqueren. 20 Minuten, in denen kein Zug kommen darf. Ganz langsam schiebt sich der Megatransporter Zentimeter um Zentimeter über die Gleise. Männer in gelben Warnanzügen laufen rechts und links des Kolosses und geben dem Fahrer per Funk Hinweise und Kommandos. „Das passt“, sagt einer. „Links - vorbei.“ 5.30 Uhr: „Uns läuft die Zeit davon“, meint ein Kübler-Mitarbeiter. „Aber was soll’s? Wir müssen zum Hafen. Wir können den Transporter ja nicht hier stehen lassen.“
Zwischen fünf und sechs Uhr, so der grobe Zeitplan, soll der Transporter den Hafen erreichen. Daraus wird nichts. „Die avisierten Uhrzeiten können nur Grobwerte plus / minus zwei Stunden sein“, stellt Seitz klar. Ein derartiger Megatransport sei extrem komplex und nicht auf die Minute planbar.
Fahrzeug muss nicht zerlegt werden
Der Transporter fährt auf der B27 Richtung Karl-Wüst-Brücke. Es läuft. Jetzt macht der Transporter Meter. Nach dem zähen Rangieren in den Seitenstraßen geht es vorwärts. Zügig. Tempo? Zehn Stundenkilometer.
Längst ist es hell geworden. Nicht nur das ältere Ehepaar, das in der Stuttgarter Straße auf den Transporter aufmerksam geworden ist, fährt dem Koloss hinterher, steigt aus und macht Fotos. Nachtschwärmer, Frühaufsteher und jene, die in dieser Nacht keinen Schlaf gefunden haben, begleiten den Transporter. „Sehr viele Menschen sind von dem Transport begeistert – viele hundert haben ihn sich angeschaut“, beobachtet Volker Seitz seit dem Start in Ulm. Es fahre nicht jeden Tag ein 360 Tonnen schwerer Lkw durch die Region, der so hoch wie ein zweistöckiges Haus und so lang wie ein Fußballplatz sei.
Das weiß auch Zuschauer Arnold Dörzenbach. Ist er doch selbst früher Schwertransportfahrer gewesen. Heute noch arbeitet er als Begleitfahrer für die Firma ABH in Obersulm. Die vergangene Woche sei er jeden Tag unterwegs gewesen, erzählt er. So habe er unter anderem in Meimsheim Silos abgeholt und die Halteverbotsschilder für den aktuellen Transport aufgestellt. Außerdem sei er am Tag zuvor dabei gewesen, als die vier großen Reifen mit etwa vier Metern Durchmesser für die Kamag-Konstruktion in Ulm abgeholt und schon vorab zum Heilbronner Hafen gebracht worden seien.
Berthold Schmidberger, Kamag-Projektleiter, ist stolz auf den Transport. „Normalerweise werden die Fahrzeuge teilzerlegt und benötigen mehrere Transportfahrten“, erklärt er. Dass man so ein großes Fahrzeug an einem Stück transportiere, sei sensationell.
Konstruktion hält 900 Grad Celsius aus
Gegen 6.45 Uhr ist der Transporter am Ziel. Im Hafen wird zunächst das von Kamag gebaute Fahrzeug mit Kränen vom Transportgestell entladen. Dann werden dort die Reifen montiert. Das somit fahrfähige und vollständige Fahrzeug wird dann auf das Schiff gehoben. Nach der Schiffreise soll das Fahrzeug am Dock des Kunden Arcelor Mittal mit Kränen vom Schiff entladen werden. Von dort fährt das Fahrzeug selbstständig an seinen Bestimmungsort, weiß Seitz.
Das Fahrzeug wird im Stahlwerk Brammen anheben. Brammen sind große Stahlblöcke, die bis zu 20 Tonnen wiegen können. Wenn sie aus der Pressanlage kommen, seien sie noch bis zu 900 Grad Celsius heiß, beschreibt Seitz die Anforderungen, denen das von Kamag konstruierte Fahrzeug gewachsen sein muss. Die Arbeit für das Team um Frieder Saam und die übrigen Firmen ist heute aber erst einmal erledigt.
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