Schule und Sporthalle: Neckarsulmer Großprojekt steht in der Kritik
Der Neckarsulmer Gemeinderat investiert 46,6 Millionen Euro für eine neue Schule und eine Sporthalle. Es gibt viele Gerüchte, wir machen den Faktencheck.

Die B27-Anschlussstelle an die Binswanger Straße in Neckarsulm ist gestrichen. Ende April zieht sich die Stadt voraussichtlich aus der Finanzierung des Aquatoll-Bads zurück. Dafür gibt die Stadt an anderer Stelle viel Geld aus. Die neue Franz-Binder-Verbundschule, ein landesweit einmaliges Modellprojekt, und eine neue Sporthalle gleich daneben kommen - für 46,6 Millionen Euro. Manche Neckarsulmer hinterfragen das Projekt, befürchten ein nächstes Aquatoll. Die Kritik am Gemeinderat, der sich zum Bau bekennt, wird schärfer. Stadträte reagieren entsetzt auf verbale Angriffe. Wir haben zentrale Punkte der Kritiker einem Faktencheck unterzogen.
Die Verbundschule, die jährlich wächst und gerade nur Klassenstufen fünf und sechs hat, braucht niemand.
Geht es um das Gebäude oder die Schulform? Teilweise ist unklar, worauf die Kritiker abzielen. Zur Schulart: In der Stadt wurde vor dem Bau über die Schulentwicklung diskutiert. Die Schülerzahlen an den Gemeinschaftsschulen in Obereisesheim und Amorbach gingen zurück, parallel dazu nahmen die Zahlen an der Hermann-Greiner-Realschule (HGR) deutlich zu. Verwaltung, Gemeinderat, Schulamt und Schulen überlegten, wie man darauf reagieren kann. Um weiterhin alle Schularten in der Stadt anzubieten, außerdem die HGR durch eine weitere Realschule zu entlasten, wurde die Verbundschule gegründet. Die weiterführenden Schulen in Obereisesheim und Amorbach laufen aus, ebenso die Häußler-Schule. Die Verbundschule bietet unter einem Dach Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschule an. Eltern entscheiden, an welcher weiterführenden Schule sie ihre Kinder anmelden: Mit der Verbundschule hofft die Stadt, flexibel auf das Anmeldeverhalten reagieren zu können.
Familien melden Kinder lieber an der HGR an. Sie darf nicht alle Fünfer aufnehmen, weil die Verbundschule gerettet werden soll.
Erklärtes Ziel war es stets, mit der Realschule an der neuen Verbundschule eine Alternative zur stark nachgefragten HGR zu bieten. Unabhängig davon: Bei der Anmeldung zur weiterführenden Schulen haben Eltern lediglich die Wahlfreiheit über die Schulart, nicht über die eigentliche Schule. An der HGR liegen für den Herbst so viele Fünfer-Anmeldungen vor, dass das Schulamt einige Kinder woanders hinschicken wird. Betont wird seitens der Behörde: Wenn Kinder woanders hinmüssen, schaue man auf deren Schulweg. Realschulen gebe es auch in Bad Friedrichshall, Neuenstadt oder Heilbronn. Die HGR wird zurzeit für den Ganztagsbetrieb und eine Viereinhalbzügigkeit vorbereitet. Die Schule ist laut Stadt derzeit maximal belegt, wird im laufenden Betrieb saniert. Aus diesem Grund, betont Rathaussprecher Andreas Bracht, können im Herbst "nur maximal drei neue Eingangsklassen gebildet werden".
Das neue Gebäude ist überflüssig.
Die Schule entsteht auf einem Areal, auf dem ein Hallenbad stand. Nach dem Abriss war es einige Jahre eine Wiese. Rückzugsraum für Insekten, kleines Baugebiet, Sportflächen: Ideen, wie das Areal genutzt werden könnte, gibt es unter Einwohnern reichlich. Einstimmig beschloss aber der Gemeinderat, hier Schule und Sporthalle, als Ersatz für eine alte, zu bauen. Davor wurde über Alternativen gesprochen. Geprüft wurde, die Schule an der bestehenden Häußler-Schule anzudocken; wegen des begrenzten Platzes kam man davon ab. Es stand eine Gewerbefläche im Raum. Außerdem überlegten die Verantwortlichen, einen Teil der Verbundschüler an der Häußler-Schule und einen Teil an der Schule in Amorbach zu unterrichten. Diese Alternative mit zwei Standorten und Pendelverkehr sagte den Entscheidern aber nicht zu.
Die neue Schule ist schon viel zu teuer. Und sie wird noch teurer.
Die neue Gerhart-Hauptmann-Grundschule in Heilbronn kostet 16 Millionen Euro, ein neues Gymnasium in Osterburken 25 Millionen Euro. Stuttgart baut ein Gymnasium für 47 Millionen Euro und eines für 100 Millionen Euro. Die Verbundschule Neckarsulm kostet laut Rathaus 38 Millionen Euro, der Rest fällt für die Sporthalle an. Energiekosten steigen, Materialpreise schießen in die Höhe: Die Stadt erwartet dennoch, dass die Summe bleibt, weil ein Festpreis vertraglich vereinbart sei. Zur Summe gehören laut Rathaus unter anderem die nahezu komplette baulichen EDV-Infrastruktur, große Teile des Mobiliars inklusive Mensa-Küche, Sportgeräte und Außenanlagen.
Die Stadt betont, dass aber manches darüber hinaus zu übernehmen ist: die Kosten der Projektentwicklung (Gutachten, Vergabeverfahren). Das Verfahren kostet 700.000 Euro. Sollten Blindgänger gefunden werden, muss die Stadt die Entsorgung übernehmen. Auch den mobilen Hochwasserschutz finanziert die Stadt (100.000 Euro). Parkplätze, die nicht aufs Schulgrundstück passen, bezahlt ebenfalls noch Neckarsulm. Außerdem werden EDV-Geräte, sofern sie nicht schon bei der Interimsschule genutzt werden, für 750.000 bis 800.000 Euro gekauft. Die Stadt erwartet Zuschüsse von Bund und Land. Im Haushaltsplan stehen aber schon jetzt für die Schule 50 Millionen Euro bereit. Rathaussprecher Andreas Bracht: "Ohne diese Absicherung könnte die Stadt streng genommen keine Finanzmittel für unvorhergesehene Risiken oder Entwicklungen verwenden."
Das geht doch kleiner
Aus anderen Neckarsulmer Schulen ist zu hören, dass sich die Investitionskosten für die Verbundschule im Rahmen bewegen würden, die Flächen zwischen den Klassenzimmern könnten gut genutzt werden. Gelobt wird auch die neue Mensa, die für außerschulische Veranstaltungen zur Verfügung steht. Eine Überlegung: Wenn in der neuen Sporthalle nebenan Jugendturniere stattfinden, gibt es Essen und Getränke in der Schul-Mensa. Die eigentliche Schule lässt sich abschließen. Zukünftig liegen das Albert-Schweitzer-Gymnasium (ASG) sowie die Verbundschule relativ nah beieinander. Es könnte auf Kooperationen hinauslaufen: Gymnasiasten nutzen Werkräume der Verbundschule, deren Schüler kommen für Spanisch-Unterricht ans ASG.

Stimme.de
Kommentare