Polizist hatte Suizidgedanken nach Amoklauf von Winnenden

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Ernst Kappel erlebte den Amoklauf von Winnenden als Polizist. Der Einsatz hinterließ Spuren. So tiefe, dass er er seinen Dienst 2014 aufgibt. Heute, elf Jahre nach der Tat, erscheint sein Buch. Das Werk soll aber keine Abrechnung mit der Polizei sein.

Der Ex-Polizist Ernst Kappel war vor elf Jahren in Winnenden im Einsatz
Der Ex-Polizist Ernst Kappel war vor elf Jahren in Winnenden im Einsatz  Foto: privat

Als Ernst Kappel auf Anweisung seines Vorgesetzten zur Leichenschau ins Robert-Bosch-Krankenhaus nach Stuttgart fahren muss, wird es dem damals 45-jährigen Polizisten zu viel. Als er eine junge Schülerin auf dem Seziertisch umdreht und ein Projektil aus ihrer Kleidung auf den Boden fällt, verlässt Kappel das Krankenhaus.

Er war zu diesem Zeitpunkt mehr als elf Stunden im Einsatz. Die Tote ist in etwa im selben Alter wie seine Tochter. "Am Hintereingang des Krankenhauses sinke ich erschöpft in die Hocke, vergrabe mein Gesicht in den Händen, versuche die Tränen zurückzuhalten. Ich kann nicht mehr", heißt es in dem heute erscheinenden Buch "System Polizei - Der Kommissar und der Amoklauf von Winnenden", das er zusammen mit der Fernsehjournalistin Caroline Wenzel geschrieben hat.

Einsatz hinterlässt Spuren

Darin beschreibt Kappel seine Erfahrungen während des Einsatzes in Winnenden. Heute vor elf Jahren, am 11. März 2009, erschießt der damals 17-jährige Tim K. 15 Menschen. Der Amoklauf zieht sich über mehrere Stunden. Am Ende richtet sich Tim K. selbst.

 

Etwa 600 Polizisten sind im Einsatz. Einer von ihnen ist Kappel. Der Tag hinterlässt tiefe Spuren. So tief, dass er seinen Dienst 2014 aufgibt. Mediziner diagnostizieren bei ihm Posttraumatische Belastungsstörungen.

An jenem März-Tag steht Kappel wie viele seiner Polizei-Kollegen über Stunden extrem unter Stress. "Ich habe mich in Todesgefahr begeben. Wenn ich ihn getroffen hätte, wäre klar gewesen, dass einer von uns beiden getötet wird", sagt Kappel vorab im Gespräch mit dieser Zeitung.

Die Angst. die Anspannung, die toten Kinder - Kappel kann nicht vergessen. In seiner Ehe kommt es immer wieder zu Konflikten mit seiner Frau. "Ich war in mich gekehrt. Nach Winnenden war ich nicht mehr der, der ich vorher war."

Mediziner erstellen Gutachten

Drei Jahre später kommt es zum Bruch mit seinem Dienstherren. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" spricht Kappel über seine Belastungsstörung. "Seitens meiner Vorgesetzten hieß es, dass dies zu viel des Guten gewesen sei und ich meine Kompetenzen überschritten hätte." Gerichtsverhandlungen, medizinische Gutachten und Gespräche mit Psychologen folgen. "Ich war hochgradig suizidgefährdet." 2014 dann das Ende bei der Polizei.

Das Buch, das betont Kappel, sei keine Abrechnung mit der Polizei. "Ich möchte meinen Kolleginnen und Kollegen zeigen, dass es sich lohnt, für seine Rechte zu kämpfen." Er möchte den Menschen Mut machen, das eigene Schicksal anzunehmen. Das muss auch Kappel. 2015 diagnostizieren Ärzte bei ihm eine Krebserkrankung.

Buch

Zusammen mit der Journalistin Caroline Wenzel hat Ernst Kappel (rechts) ein Buch geschrieben.
Zusammen mit der Journalistin Caroline Wenzel hat Ernst Kappel (rechts) ein Buch geschrieben.  Foto: privat

Das Buch "System Polizei - Der Kommissar und der Amoklauf von Winnenden" von Ernst Kappel und Caroline Wenzel erscheint im Verlag Klöpfer, Narr, hat 333 Seiten und kostet 25 Euro.

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