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Interview

"Ohne Leidenschaft geht nichts"

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Ex-Hockeybundestrainer und Kunst-Blogger Uli Weise spricht im Stimme-Interview über das, was ihn antreibt, über Druck und ehrgeizige Eltern.

Von Alexander Klug
Hockeysport und Kunst faszinieren Trainer Uli Weise gleichermaßen − eines ist Beruf, das andere Hobby geworden.
Foto: Mario Berger
Hockeysport und Kunst faszinieren Trainer Uli Weise gleichermaßen − eines ist Beruf, das andere Hobby geworden. Foto: Mario Berger  Foto: Berger, Mario

Wer denkt, Kunst ist etwas für ernste Menschen und Sport etwas für heißblütige, kennt Uli Weise nicht. Er kann beides. Ruhig und besonnen die Emil-Nolde-Ausstellung in der Kunsthalle Vogelmann im Kunstblog besprechen auf der einen Seite − und beim Training deutlich sagen, wo es lang geht, auf der anderen. Uli Weise ist im traditionsreichen Feldhockey-Club TSV Mannheim groß geworden, konnte sich aber vor zwei Jahren für das recht junge Heilbronner Hockeyprojekt begeistern.

Wir haben mit dem 54-Jährigen darüber gesprochen, welche Rolle Leidenschaft in seinem Leben spielt − bei Kunst und Trainerjob, bei Eltern am Spielfeldrand und einem älteren Bruder, der ebenfalls erfolgreicher Hockeytrainer war.

 

Künstlerseele und Leistungssport. Wie passt das bei Ihnen zusammen, Herr Weise?

Uli Weise: Das passt sogar sehr gut zusammen. Für beides braucht man viel Energie und Leidenschaft, wenn man es gut machen will. Beide Welten sind außerdem in letzter Zeit deutlich vielfältiger geworden.

 

Was meinen Sie?

Weise: Feldhockey ist nach Eishockey die schnellste Mannschaftssportart überhaupt und hat sich sehr verändert seit der Zeit, in der ich selbst gespielt habe. Viel laufintensiver als damals, schneller, technisch anspruchsvoller. Kein Vergleich mit dem, was wir damals gespielt haben. Und auch die Kunstwelt hat sich verändert. Die Spanne ist extrem. Der eine lässt sich mit Dartpfeilen bewerfen, der andere malt Blumen.

 

Und Sie haben die Hockeyschläger den Blumen und Dartpfeilen am Ende vorgezogen?

Weise: Ich habe aus reinem Interesse Kunstgeschichte studiert, weniger, weil die Jobaussichten so toll sind. In den klassischen Betätigungsfeldern Museen, Galerien oder Auktionshäusern ist es sehr schwierig, einen Job zu bekommen. Da bewerben sich auf eine Stelle 100 Leute um einen befristeten Vertrag mit überschaubarem Gehalt.

 

Selbst malen war keine Option?

Weise: Nein. Dafür hat das Talent nicht gereicht.

 

Sieht es mit dem Geld im Feldhockey denn besser aus?

Weise: Als Trainer ist das Gehalt in Ordnung, ich bin zufrieden. Die Spieler verdienen ihr Geld bis auf wenige Ausnahmen selbst auf Bundesliga-Ebene in ihren gelernten Berufen. Die meisten spielen Hockey neben der Ausbildung oder dem Studium, wenn es dann in den Beruf geht, ist ohnehin oft Schluss.

 

Mit der Motivation über Geld sieht es also eher mau aus?

Weise: Ja. Das ist mit der Welt des Fußballs nicht zu vergleichen. Wobei ich ohnehin der Meinung bin, dass Motivation etwas ist, das von innen kommt. Der Spieler muss selbst etwas erreichen wollen, sonst geht es nicht. Ich sehe es nicht als Aufgabe des Trainers an, den Spieler zu motivieren, was manchmal Leute fordern. Wenn der Wille nicht stimmt oder ohne Leidenschaft, geht nichts. Da kann der Trainer machen, was er will. Wer nicht mit dem Ziel aufs Spielfeld geht, zu gewinnen, dem kann ich nicht helfen.

 

Aber es gibt doch auch schüchterne Menschen, die vielleicht trotzdem gut spielen können.

Weise: Das stimmt. In so einem Fall kann ich in der Tat helfen, am Selbstbewusstsein des Spielers zu arbeiten. Damit seine Fähigkeiten zum Zug kommen. Der häufigere Fall ist aber das Gegenteil.

 

Das Gegenteil?

Weise: Zu viel Selbstbewusstsein. Dann wird aus dem Mannschaftssport, in dem einzelne Spieler sich zu einem Team entwickeln, ein Einzelsportler innerhalb einer Mannschaft. Das funktioniert auch nicht. Da muss ich als Trainer erkennen, was schief läuft.

 

Wie ist es, sich als Trainer regelmäßig unbeliebt zu machen?

Weise: Das gehört dazu. Man hat als Trainer, wahrscheinlich egal in welcher Sportart, das Problem, dass man quasi in der Öffentlichkeit arbeitet. Es gibt viele Meinungen, jeder weiß etwas. Ich weiß wenig über die meisten anderen Jobs, aber andere scheinbar viel über meinen. Das ist manchmal ärgerlich, aber für einen Trainer normal.

 

Noch etwas?

Weise: Ein anderer Punkt ist, wenn ich klar mache, dass die Welt der weltweiten Vernetzung an einem bestimmten Punkt zu Ende ist. Zugegeben, ich bin auch noch eher der analoge Typ. Aber wenn ich die ganze Zeit über dem Smartphone hänge, kann ich mich nicht aufs Spiel konzentrieren. Das geht im Leistungssport nicht. Ich finde es schon schlimm genug, dass sich heutzutage Menschen an einem Tisch gegenübersitzen und nicht miteinander kommunizieren, sondern mit Leuten, die an einem anderen Ort sind. Aus Angst, womöglich etwas zu verpassen. Das verstehe ich nicht.

 

Werden Sie auch mal laut am Spielfeldrand?

Weise: Das lässt sich nicht vermeiden. Aber ich kann auch leise. Und habe mich über die Jahre mit dem Wechsel vom Spielfeld auf die Trainerbank auch verändert. Als Spieler habe ich schon die eine oder andere Zeitstrafe und gelbe Karte kassiert oder bin auch mal vom Platz geflogen. Es gab oft einen bestimmten Gegenspieler oder einen Schiedsrichter, an dem ich mich gerieben habe. Manchmal hat mir ein wenig die Selbstbeherrschung gefehlt. Im Rückblick halte ich das aber weniger für einen Ausdruck von Leidenschaft, sondern für eine Schwäche, die ich zu wenig im Griff hatte.

 

Wie war es, einen im selben Sport derartig erfolgreichen Bruder zu haben?

Weise: In der Tat, erfolgreich ist gar kein Ausdruck mit seinen drei olympischen Goldmedaillen. Wir haben im Jahr 1971 zusammen angefangen, Hockey zu spielen, unsere Mutter hat uns für den Sport begeistert. Wenn wir zusammen auf dem Platz standen, haben wir uns schon auch mal gezofft. Das hat sich aber mit der Zeit gelegt. Er wohnt ja mittlerweile in Hamburg und arbeitet beim Deutschen Fußball-Bund.

 

Wie sieht es mit Leidenschaft und Begeisterung bei den heutigen Eltern der jungen Spieler aus?

Weise: Das ist zwiespältig, es gibt da ganz unterschiedliche Mentalitäten. Viele sind total in Ordnung, sind interessiert, bringen sich ein und vertrauen, wenn es ums Sportliche geht, auf den Trainer. Andere setzen ihr Kind vorne an der Straße ab und sind froh, dass sie Zeit zum Shoppen haben. Wieder andere regen sich auf, wenn ihr Kind aus ihrer Sicht drei Minuten zu wenig gespielt hat oder auf der falschen Position. Der Ehrgeiz unter Eltern hat nach meinem Eindruck über die Jahre zugenommen.

 

Wie drückt sich das aus?

Weise: Viele haben einfach keine Zeit mehr, weder sie noch ihre Kinder. Um die wenige Freizeit, die die Ganztagsschule übrig lässt, gibt es einen harten Konkurrenzkampf, sie wird mit Terminen verschiedenster Art gefüllt. Aus meiner Sicht fehlt oft die Fokussierung, das Setzen von Prioritäten. Beim Versuch, alles zu machen, bleibt dann womöglich alles auf der Strecke. Das weiß im Grunde ja auch jeder, nur handeln die wenigsten auch.

 

So viel Leidenschaft für Hockey ... Was sagt denn Ihre Freundin zum Arbeitsweg nach Heilbronn, Trainingszeiten, Turnieren?

Weise: Wenn ich mich entscheide, Trainer zu werden, muss klar sein, dass ich abends und am Wochenende eingespannt bin und keine klassischen Arbeitszeiten habe. Wenn es hart kommt, ist man auch mal zwölf Tage am Stück auf Achse. Das weiß auch meine Partnerin. Sie ist ab und zu dabei, aber eher selten. Hockey ist ein so komplexer Sport, dass gelegentlich zuzuschauen wenig Spaß macht. Wir gleichen das dann mit unserem gemeinsamen Kunstblog-Projekt aus.

 

Ist es im Hockey wie im Fußball, dass kurzerhand der Trainer entlassen wird, wenn es nicht läuft?

Weise: Tempo und Druck sind mit Sicherheit im Hockey anders als im Fußball. Aber so etwas kommt schon vor, ja. Das gehört zum Trainerjob dazu. Zu wissen, dass es auch mal vorbei sein kann. Dass es vielleicht sogar besser ist, wenn mal ein Wechsel ansteht, egal, ob selbst gewählt oder vom Verein entlassen. Eine Trennung ist nicht immer schlimm, wenn das Ziel ist oder die Möglichkeit besteht, sich weiterzuentwickeln. So bin ich auch von den traditionsreichen Mannheimer und Heidelberger Vereinen zum vergleichsweise jungen Heilbronner Hockeyclub gekommen. Das ist ein ambitioniertes Projekt, das hat mich überzeugt.

 

Auch, wenn Sie sich dafür über die A6 quälen müssen?

Weise: Klar, das ist schon eine Strecke. Aber ich fahre zu verkehrsmäßig relativ entspannten Uhrzeiten, da geht das schon. Und umzuziehen ist auch keine Option, dann müsste meine Freundin pendeln, sie arbeitet in Mannheim.

 

Zur Person

Uli Weise wurde am 2. Mai 1964 in Mannheim geboren. Nach Jugend und Schule in Mannheim sowie einem Studium der Kunstgeschichte in Heidelberg arbeitet er an mehreren Orten als Hockeytrainer − in Mannheim, Bad Dürkheim, Heidelberg und seit 2016 beim Hockeyclub Heilbronn. Uli Weise hat als Trainer einige Deutsche Meisterschaften erreicht, außerdem war er Europacupsieger sowie U16- und U18-Bundestrainer. Er betreibt mit Partnerin Michaela Frieß seit 2016 das Portal www.kunstblog-mannheim.de.

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