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Heilbronn

Nur Gewinner bei der Heilbronner Käthchenwahl

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Bei der Kür der Heilbronner Symbolfigur weht viel frischer Wind. Jasmin Heyd ist die neue Botschafterin der Stadt. Die 20-Jährige hat gleich drei Stellvertreterinnen.

Von Helmut Buchholz
OB Mergel freut sich mit dem Hauptkäthchen Jasmin Heyd. Foto: Heibel
OB Mergel freut sich mit dem Hauptkäthchen Jasmin Heyd. Foto: Heibel  Foto: Heibel, Matthias

Keine Verlierer, nur Sieger gab es bei der Käthchenwahl am Freitagabend unter der Pyramide der Kreissparkasse. Das Fazit klingt zwar nach einem PR-Spruch der Heilbronn-Marketing-Gesellschaft (HMG), die zusammen mit dem Verkehrsverein alle zwei Jahre Heilbronns Symbolfigur sucht.

Doch diesmal gab es nach der von Stimme-Chefredakteur Uwe Ralf Heer moderierten Castingshow vor 380 Besuchern tatsächlich eine Win-Win-Situation - für alle Beteiligten.

Die Neue hat mit ihrem Lächeln gewonnen

Jasmin Heyd hat mit ihrem "gewinnenden Lächeln", wie HMG-Chef Steffen Schoch sagte, die zehnköpfige Jury, "aber auch das Publikum überzeugt". Die 20-jährige BWL-Studentin an der Heilbronner DHBW sagt von sich: "Ich bin leidenschaftliche Heilbronnerin." Nach ihrer Wahl war sie fast ein bisschen überrascht: "Es ist unbeschreiblich, mir fehlen die Worte."

 

Jasmin Heyd stellte sich vielleicht als lockerste und spontanste Kandidatin der vier Bewerberinnen heraus. Dennoch sind auch ihre Konkurrentinnen allesamt Sieger. Denn erstmals stehen dem Hauptkäthchen drei Stellvertreterinnen zur Seite, sonst waren es immer nur zwei. Der Grund: Die bei der Bundesgartenschau 2019 zu erwartende Terminfülle soll auf mehr Schultern verteilt werden.

Also haben auch Denise Fohr (22, Studentin), Lisa Roth (17, Schülerin) und Laura Scholl (17, Studentin) gewonnen. Oberbürgermeister Harry Mergel war sich jedenfalls schon vor der Inthronisation der Regentin sicher: "Wir werden wunderbare Käthchen haben, nicht nur eins, sondern ein ganzes Quartett."

Junge Kulturszene rockt den Saal

Gewonnen hat aber auch die Wahl selbst. Aus der doch eher altbackenen, steifen Veranstaltung früherer HMG-Jahre ist eine richtig unterhaltsame Show geworden. Dafür sorgten nicht nur die kleinen Filmchen, mit denen sich die Bewerberinnen vorstellten. In einer zweiten Runde mussten die Kandidatinnen rhetorisches Talent beweisen, indem sie jeweils zwei größere Heilbronner Veranstaltungen beschrieben.


Auch das Rahmenprogramm bewies Mut, die Wahl zu verjüngen und aufzupeppen. Die junge Kulturszene entstaubt das biedere Image, das dem historischen Kleist-Theaterstück anhängt. Popgeiger Jan Michael Vajs mit Patricks Gitarrenbegleitung nannte Moderator Heer grandios. Keine Übertreibung.

Ein bisschen am Lack des Frauenbilds in Kleists Stück kratzte das Kabarettensemble Heilbronner Leibgerücht, indem es zur Abwechslung ein männliches Käthchen vorschlug - "ein Käthchen Conchita". Den Saal rockte die Poetry-Slamerin Lisa Maria Olsazkiewiecz. Sie holte Käthchens Liebesgeschichte mit dem Grafen ins Jahr 2018: Das verknallte Mädchen wendet sich nach einem schlechten Kuss angewidert vom Traummann ab.

Heimatgefühle im Hier und Jetzt

Der frische Schwung der Wahl verleiht jedoch ebenso der Symbolfigur neues Ansehen in der Stadt. Auch das ist ein Gewinn. HMG-Chef Schoch: "Das Heimatgefühl, das die alte Kleist-Figur vermittelt, interpretieren wir ins Hier und Jetzt." OB Mergel möchte, "dass das Käthchen feministisch, kritisch und modern ist". Die Repräsentantinnen seien "selbstbewusste Vertreterinnen unserer Stadt".


Kommentar: Alte Zöpfe weg

Niemand weiß zwar so richtig, warum der Dichter Heinrich von Kleist sein Käthchen-Stück in Heilbronn verortete. Doch wenn das Schauspiel, das 1810 in Wien uraufgeführt wurde, bis heute ein Geschenk für die "Käthchenstadt" sein soll, wie viele in Heilbronn glauben, muss die Symbolfigur mit der Zeit gehen.

Ist die Botschafterin der Stadt nur hübsches Beiwerk für schöne Fotos bei offiziellen Anlässen, werden die Bewerberinnen um dieses Amt in Zukunft noch weniger Schlange stehen als bisher. Die Heilbronn Marketing GmbH (HMG) und der Verkehrsverein sind mit ihrer runderneuerten Käthchenwahl auf dem richtigen Weg. Weitere Schritte sind notwendig. Der flottere Schnitt eines neuen Sommeroutfits für das Dienstkleid ist überfällig, macht jedoch noch keine zeitgemäßere Käthchenrolle.

So wird die HMG wohl nicht darum herumkommen, die Kriterien für die Käthchkandidatur zu ändern. Dass sich bisher nur junge Frauen, die in Heilbronn leben, bewerben dürfen, schließt zu viele geeignete Kandidatinnen aus. Wieso sollten nicht waschechte Heilbronnerinnen, die zum Studium in Stuttgart angemeldet sind, Chancen haben?

Auch der Ort der Käthchenwahl muss nicht in Stein gemeißelt sein. Ist das Heilbronner Theater als Bühne für die Inthronisation des Käthchens nicht der beste Platz? Außerdem sind 35 Euro als Eintrittspreis für die Käthchenwahl ganz schön happig. Das ist eine hohe Hürde für ein jüngeres Publikum.

 

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