Neuer Württemberger Weinbaupräsident: "Wein ist nicht mehr so verkopft"
Die Weinbranche steckt tief in der Krise, doch Dietrich Rembold blickt trotz allem optimistisch nach vorne. An welchen Stellschrauben der neue Württemberger Weinbaupräsident Dietrich Rembold drehen will, verrät er im Stimme-Interview.

Württemberg hat einen neuen Weinbaupräsidenten. In der Nachfolge von Hermann Hohl aus Obersulm, der vor einem Jahr überraschend starb, steht seit wenigen Tagen Dieterich Rembold aus Lauffen den Wengertern in der Region vor. Er tritt sein Amt in schwierigen Zeiten an. Im Stimme-Interview will der 58-Jährige das Wort Krise nicht zu oft in den Mund nehmen. Er schaut lieber in die Zukunft: mit Mut, Zuversicht und Ideen.
Warum tun Sie sich das an?
Dietrich Rembold: Das werde ich oft gefragt. In der Branche war man sich einig, dass die Position wieder besetzt werden muss. Deshalb habe ich meinen Hut in den Ring geworfen. Ich stehe sicher vor einer herausfordernden Aufgabe. Dass ich meinen Arbeitsalltag neu strukturieren und manches abgeben muss, liegt auf der Hand.
Für Hohl war es ein Fulltime-Job.
Rembold: Wir wollen uns die Arbeit im Verband teilen. Viele Kollegen sind bereit, sich zu engagieren, Termine wahrzunehmen, so dass nicht nur einer vorne steht. Aber das muss jetzt noch wachsen.
Die Vorzeichen sind bekannt: Die Weinbranche steckt weltweit in der Krise, aber Württemberg scheint es auf einen Schlag besonders zu treffen.
Rembold: Die Verkaufszahlen gingen schon länger zurück, durch die Pandemie wurde zuletzt vieles kaschiert, als die Verbraucher verstärkt für daheim und regional eingekauft haben. Auf der anderen Seite haben wir ein Kostenproblem. Unsere Rebanlagen sind klein strukturiert, oft in Steillagen, die nur in Handarbeit mit viel Aufwand gepflegt werden können. Wirtschaftlich bewegen wir uns auch durch die hohen Löhne, die in der Industrie gezahlt werden, in einem Spannungsfeld. Und es tut schon weh, dass sich ausgerechnet die Lagen, die unsere Landschaft prägen, für den Weinbau nicht mehr rentieren.
Lange lag die Rebfläche bei 11 300 Hektar, aktuell bricht vieles weg. Unübersehbar. Was wird daraus?
Rembold: Sicher werden in den nächsten Jahren 2000 bis 3000 Hektar aufgegeben. Unsere Aufgabe ist es, dies landschaftsverträglich zu gestalten, dass es mittendrin keine verwilderten Branchen gibt, dass die Flächen insgesamt gepflegt werden, etwa als Blüten-Wiesen mit ökologischen Mehrwert.
Wie sieht es mit Alternativen aus, Photovoltaik, mediterrane Pflanzen?
Rembold: Ja, im Kleinen etwa mit Feigen oder Oliven, aber die muss man auch mit Hand bewirtschaften und erstmal vermarkten - ganz abgesehen von der Frostgefahr. PV-Anlagen? Das ist zum heutigen Zeitpunkt aufgrund der Wirtschaftlichkeit und der Herausforderungen der Kleinparzellierung eine Schnellschuss-Idee, die an uns von außen herangetragen wurde. Schauen Sie sich die Anlagen an Autobahnen an, dagegen werden wir wegen der Installation und Hangsicherung nie ankommen. Außerdem sollte es in der Landschaft fürs Auge erträglich sein.
Welche Baustellen stehen noch an? Oder positiv gesagt: Wo sehen Sie Potenzial, um die Situation der Wengerterfamilien zu verbessern?
Rembold: Auch wenn das nicht jedem liegen mag: Bei buchbaren touristischen Angeboten, die für Betriebe ein weiteres Standbein sein können, aber auch darauf abzielen, die Kulturlandschaft und ihren Erlebniswert zu erhalten. Andere Regionen sind da weiter, wir stecken noch in den Kinderschuhen.
Haben Sie eigentlich ein Regierungsprogramm, eine Agenda, einen Plan?
Rembold: Ja. Zunächst will ich gucken, dass die verschiedenen Wein-Verbände zusammenstehen, Ziele definieren und umsetzen. Man hat mich auf Wahlversprechen angesprochen, aber es wäre populistisch, einfach Thesen rauszuhauen. Da gibt es viele Stellschrauben, eine zentrale: der Bevölkerung aufzuzeigen, welche Vorteile heimische Produkte haben, von Umweltstandards, Landschaftspflege, fairer Produktion bis zur regionalen Wertschöpfungkette. Damit eng verknüpft wäre ein gemeinsames Marketing.
Sehen Sie auch Licht am Horizont?
Rembold: Absolut. Wir haben im Verband wieder alle Ämter besetzt, so dass die ganze Mannschaft - auch die jungen Leute - gemeinsam unterwegs ist, unabhängig von der Betriebsform. Das war nicht immer so.
Sehen Sie auch Verbündete außerhalb, etwa den Lebensmittelhandel, über den immerhin 70 Prozent des Württembergers verkauft werden, der die Preise drückt und Winzer gegeneinander ausspielt? Ihr Vorgänger hat das oft hart kritisiert.
Rembold: Der Handel muss ein Verbündeter sein, ohne geht es gar nicht. Es bringt nichts, über ihn zu schimpfen, wir müssen ja Geschäfte mit ihm machen. Was dort schwierig ist: Man sieht es regionalen Flaschen im Regal nicht an, welche Vorteile drinstecken. Hier ist wie schon gesagt mehr Aufklärung gefragt.
Ein Ansatz ist die neue Mehrwegflasche. Sie steht für Nachhaltigkeit. Daneben gibt es auch ganz neue Produkte wie Wein-Mixgetränke, etwa in Dosen oder sogar Trollinger im Beutel. Ist das keine Gradwanderung, gerade mit Blick aufs Image?
Rembold: Doch. Aber man möchte halt auch neue Nischen erschließen, wobei der Wein heute nicht mehr so verkopft oder heilig angesehen wird wie früher. Es wird grad viel experimentiert bis hin zum alkoholfreien oder aromatisierten Wein. Die Nachfrage ist da, da gibt es noch Wachstum. Insgesamt sind die Leute heute flexibler, genießen bewusster und anlassbezogen. Top-Rotweine sind nicht mehr das Ein und Alles. Eher gefragt sind einfachere, leichtere Getränke, wovon Weißwein und Rosé profitieren.
Was trinken Sie eigentlich persönlich am liebsten?
Rembold: Als Lauffener bin ich mit Schwarzriesling geboren und aufgewachsen (lacht laut), trinke aber - eben je nach Anlass - auch gerne Lemberger, Trollinger und weiße Burgundersorten, da gibt es viele faszinierende Facetten.
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