Neue Skulptur auf Westfriedhof: Vermächtnis in Form und Materie
Die neue Skulptur "Infini" von Robert Schad auf dem Böckinger Westfriedhof wurde eingeweiht. Es ist ein Vermächtnis von Erwin und Emilie Fuchs.

Normalerweise treffen sich Menschen auf dem Friedhof, um Abschied zu nehmen. Am Samstag vor dem Totensonntag war die Feier auf dem Westfriedhof in Heilbronn-Böckingen aber eine Begrüßungszeremonie: "Infini" heißt das neue Kunstwerk des Bildhauers Robert Schad, das durch ein Vermächtnis des früheren Kulturbürgermeisters Erwin Fuchs und seiner Frau Emilie finanziert wurde.
Eingangsbereich mit neuem Gesicht
Andächtig und staunend gehen die Teilnehmer zu dem Werk, das dem umgestalteten Eingangsbereich des Friedhofs ein neues Gesicht gibt, der jetzt "keinen "Autobahn- oder Aufmarschplatzcharakter mehr hat", wie Oberbürgermeister Harry Mergel sagt. Filigran steht die 1,3 Tonnen schwere und dennoch leicht wirkende Stahlstele auf ihrem Sockel, der ein Spiegel ist. Materie und die "Tatsache der Entmaterialisierung des Seins", wie Schad es beim "ersten Geleit" für die neue Skulptur formuliert, kommen so zusammen.
Ganz bewusst hat er das Werk, das eine Jury beim vorgeschalteten Wettbewerb einmütig zum Siegerentwurf kürte, so gestaltet, dass es verschiedene spirituelle Erlebensmöglichkeiten zulässt. Passend zu dem Friedhof, der mehr als viele andere die kulturelle und religiöse Vielfalt der Stadt widerspiegelt, wie der Böckinger Pfarrer Peter Stadler sagt. Infini ermuntere die Menschen dazu, der Frage nicht auszuweichen, woher sie kommen und wohin sie gehen. "Diese Frage verbindet über alle Grenzen der Religionen und Kulturkreise hinweg."
Künstler bringt Werk zum Sprechen

"Kultur muss für alle da sein", fasst Harry Mergel das Credo des Böckinger Sozialdemokraten Fuchs zusammen: "Auch für einfache Menschen, die hart arbeiten, ist sie eine Kraftquelle." Für Mergel ist das Werk "ein wunderbares Geschenk an die Skulpturenstadt Heilbronn". Dass die Einweihung der Skulptur für Marc Gundel, den Direktor der städtischen Museen, "eine der schönsten seit langem" war, liegt am Künstler Schad selbst, der sein Werk zum Sprechen brachte.
"Die Linie ist als Gestaltungselement die ursprünglichste Form menschlicher Kreativität", sagt Schad. "Sie ist eine Form, mit der wir unsere Signatur auf Papier bringen und damit unseren Charakter und unsere Stimmungen sichtbar machen." Zugleich sei sie das Oszillogramm, das den Herzschlag des Menschen zeige. "Für Böckingen habe ich eine Linie gestaltet, die die letzte stille Linie ist, die jeder Mensch irgendwann erleben wird."
Zweigeteiltes Kunstwerk
Das Werk ist zweigeteilt. "Einerseits haben wir die materielle Linie, die aus Vollmaterial besteht, die aus dem Boden heraussteht", erklärt Schad. "Sie trägt die Last des Lebens in sich." Durch die Form werde die Schwere aber wieder aufgehoben. "Ab dem Spiegel wird die Linie immateriell: Sie führt ihre Form weiter, aber sie verliert ihre Materie." Für den Künstler ist diese Kombination ideal als Friedhofsskulptur.
Wichtig war ihm, dass die Skulptur zeitlos ist. "Die Linie kann auch in 20, 30 oder 50 Jahren Menschen noch etwas Elementares zu ihrem Sein sagen", ist Schad überzeugt. Ganz bewusst habe er deswegen keine keine Dekoration mit Zeitbezug geschaffen, "kein Designerstück".
Auch Testamentsvollstrecker Dieter Kemmet, den Neffe von Erwin und Emmy Fuchs, hat er damit überzeugt. "Es ist ein Kunstwerk, das allen Menschen zugänglich ist."
Zur Person
Der 1953 in Ravensburg geborene Künstler Robert Schad gilt als einer der renommiertesten Bildhauer seiner Generation. Er lebt in Larians / Frankreich und Chamosinhos / Portugal. Zu den bekanntesten Arbeiten Schads gehört eine Installation für einen Verbindungsgang unter dem Stuttgarter Landtag aus dem Jahr 1986/87. Schads Gesamtformen erinnern an Figurenchiffren und entwickeln sich trotz ihres schweren Materials tänzerisch leicht in den Raum hinein.
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