Nach dem Anschlag in Hanau: Viele erleben Rassismus im Alltag
Der Anschlag in Hanau mit insgesamt elf Toten bewegt die Menschen in der Region, denn auch hier erleben Menschen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im Alltag. Über diese Tabubrüche wird zu wenig diskutiert.

Der Anschlag in Hanau schockiert viele Menschen auch in der Region. Der 43-jährige Täter hat nach den bisherigen Ermittlungen neun Menschen und seine Mutter getötet, bevor er sich selbst erschoss. Neben der psychischen Erkrankung ist von einem rassistischen Motiv die Rede.
Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind auch in der Region anzutreffen: 2017 werden zehn Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Sontheim beschädigt, 2018 treffen sich Neonazis zu einer Fackelmahnwache auf dem Wartberg, Gruppierungen wie "Klare Kante", "Helfende Hand" oder "Hohenlohe wacht auf" sorgen für Aufsehen.
TSG-Geschäftsführer zu Rassismus im Verein
"Mir ist bisher kein Fall von Rassismus begegnet oder zu Ohren gekommen", sagt der Geschäftsführer der TSG Heilbronn, Marcel Hetzer. In dem Verein kommen 7000 Menschen verschiedener Glaubensrichtungen und Nationalitäten zusammen, um Sport von Badminton bis Volleyball zu treiben. Vor allem Fußball und Basketball seien von einem hohen Anteil ausländischer Spieler und Menschen mit Migrationshintergrund geprägt.
„Selbst zu Zeiten, als die Zahl der ankommenden Flüchtlinge sehr hoch war, war Rassismus aus meiner Sicht hier kein Thema.“
von Marcel Hetzer
"Aber selbst zu Zeiten, als die Zahl der ankommenden Flüchtlinge sehr hoch war, war Rassismus aus meiner Sicht hier kein Thema", sagt Hetzer. Er verweist darauf, dass die Reaktion auf die jüngsten rassistischen Zwischenrufe beim Fußball beachtlich war. "Und bei allem Geschrei, das auf einem Fußballplatz herrschen kann, verbindet der Sport eher Religionen und Kulturen, als dass er sie trennt."
Rassismus im Alltag
Auf dem Weg zu einem Treffen mit Bundesinnenminister Horst Seehofer äußert sich Gökay Sofuoglu. Er ist Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland und lebt in Fellbach. Im Alltag erlebe man regelmäßig Rassismus. "Viele haben einfach zur Kenntnis genommen, dass Menschen einfach wegen ihres Aussehens verbal oder körperlich angegriffen werden", kritisiert Sofuoglu. "Und das sowohl auf der Straße als auch in Parlamenten."
„Viele haben einfach zur Kenntnis genommen, dass Menschen einfach wegen ihres Aussehens verbal oder körperlich angegriffen werden.“
von Gökay Sofuoglu
Die Aussagen mancher Giftmischer in den Parlamenten führten dazu, dass Menschen sich berechtigt fühlen, solche Taten zu begehen. Ihn mache wütend, dass im Hanauer Fall von einem Einzeltäter mit psychischer Störung die Rede sei. "Und auf der anderen Seite wird im Fall eines islamistischen Terroristen gleich die ganze Religion infrage gestellt."
Gönül Demir ist Tochter türkischer Eltern, in Heilbronn geboren und lebt in der Innenstadt. "Rassismus erlebe ich im Alltag leider sehr oft", sagt die 43-Jährige. Sei es an der Kasse im Supermarkt oder im Fitnessstudio. Oft gehe es um Sprache. "Ich habe mich mal mit meiner Schwägerin auf Türkisch unterhalten und eine Frau meinte, wir sollten doch gefälligst deutsch sprechen. Das kommt von ganz normalen Leuten." Mein Mann und ich haben den Eindruck, dass sich viele mehr trauen als früher, seit die AfD in Parlamenten sitzt."
Zunahme seit der Jahrtausendwende
Dass es Rassismus im Kleinen immer gegeben habe, merkt Cetin Kaya an. Er ist Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde in Eppingen. Der Verein hat 400 Mitglieder. "Was jetzt passiert ist, ist eine neue Stufe. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und so etwas hat es in den 1990er Jahren nicht gegeben. Seitdem aber immer öfter." Er kritisiert, dass sich viele Menschen schon an rassistische Vorfälle gewöhnt haben. "Es wird zu wenig darüber diskutiert und zu viel Abstand dazu gehalten."
„Es wird zu wenig darüber diskutiert und zu viel Abstand dazu gehalten.“
von Cetin Kaya
Offenkundigen Rassismus nehme er in Neckarsulm nicht wahr, meint Oberbürgermeister Steffen Hertwig. "Kleinen im Alltag aber sehr wohl. In der Bahn, im Straßenverkehr, beim Einkaufen." Das dürfe man nicht hinnehmen, wie auch die Verrohung der Sprache und die gezielten Tabubrüche. Über die Hälfte der Einwohner habe Wurzeln in der Fremde. "Neckarsulm ist seit vielen Jahren ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen und es funktioniert ausgesprochen gut."
Kommentar: Wir sind alle gefordert
Der entsetzliche Mordanschlag in Hanau schockiert Deutschland. In die Trauer um die Opfer und ins Mitgefühl für deren Angehörige mischen sich bei vielen Bürgern Fassungslosigkeit und Wut. Fassungslosigkeit darüber, dass Menschen mit ausländischen Wurzeln in diesem Land nicht mehr sicher leben können. Wut darüber, dass es Rechtsextremisten immer öfter gelingt, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung im wahrsten Sinne des Wortes anzugreifen. Auch wenn noch nicht alle Hintergründe dieses Verbrechens aufgeklärt sind, gibt es an der rassistischen Gesinnung des Täters kaum Zweifel.
Hanau steht damit in einer Reihe mit den NSU-Morden, dem Attentat auf Walter Lübcke und dem antisemitischen Mordanschlag von Halle. Auch wenn hier ein womöglich geistig verwirrter Einzeltäter zur Waffe griff, gibt es keinen Zweifel mehr: Deutschland hat ein Problem mit rechtsextremistischer Gewalt. Deshalb ist jeder, dem etwas an dieser Demokratie liegt, aufgefordert, in seinem Bereich Extremismus und Fremdenfeindlichkeit entschieden zu bekämpfen. Es genügt nicht, von der Politik schärfere Sicherheitsmaßnahmen und eine klare Abgrenzung zur AfD zu fordern. Die Saat des Hasses wird im Alltag gelegt – am Stammtisch, am Arbeitsplatz, im Internet. Hier ist Zivilcourage gefragt, um den braunen Hetzern klarzumachen, dass sie in diesem Land nicht erwünscht sind.
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Kommentare
Peter Lueders am 23.02.2020 10:32 Uhr
Die Irren dieser Welt wird man leider nie aufhalten können. Menschen mit solchen geistigen Defekten wird es wohl immer geben. Und wie die Taten zeigen, kann jeder zum Opfer dieser Kreaturen werden. Und neben dem Schutz der Bürger ist die Aufgabe des Staates auch, und leider wird da noch viel zu wenig getan, die Hilfe für die Opfer.
Peter Henschel am 21.02.2020 23:53 Uhr
Schon wieder arbeitet sich man nur an Symptome ab!
Norbert Winzek am 22.02.2020 11:54 Uhr
stimmt, die Truppe ist nicht vom Himmel gefallen ... sie war schon immer da und hat nur das Etikett geändert: Vor 50 Jahren saßen die Konsorten als NPD im baden-württembergischen Landtag, 1981 zogen sie als DVU durch die Harmonie in Heilbronn, später nannten sie sich Republikaner und jetzt halt Alternative ... alter brauner Wein in neuen Schläuchen, aber wahrscheinlich war Merkel auch 1933 und am Oktoberfest-Attentat schon schuld ...
Peter Henschel am 23.02.2020 12:40 Uhr
Die AfD ist nachweislich erst wieder nach der Grenzöffnung durch Merkel erstarkt und schlussendlich in ein zunehmendes politisches Vakuum der etablierten Parteien/Demokraten!
am 21.02.2020 23:04 Uhr
... gibt es offensichtlich und hoffentlich keine Probleme.
Hier ein sogenannter Fanclub eines sogenannten Traditionsvereines:
Die Ha Jotts ... ja genau ... gern gesehene Gäste im Frankenstadion!
https://mobile.twitter.com/hjotts?lang=de
Weber Weber am 21.02.2020 18:10 Uhr
In Heilbronn gab es im Februar 2018 eine im Ansatz vergleichbare Tat - wenn auch bei weitem nicht so schlimm im Ergebnis wie die in Haunau - als ein Betrunkener in der Innenstadt mit einem Messer auf 3 Asylbewerber einstach und diese teils schwer verletzte.
Es handelte sich um einen Spätaussiedler, der nach eigener Aussage ein Zeichen gegen Angela Merkels Politik setzen wollte. Und sich aber nicht als Fremdenhasser oder Rechtsextremist sieht.
Wer Spätaussiedler bzw. Rußlanddeutsche persönlich kennt, kann durchaus zu der Erkenntnis kommen, dass diese Menschen äußerst freundlich und zuvorkommend sein können. In Sachen Flüchtlingskrise haben sich aber leider viele von Ihnen von den Parolen der AfD anziehen lassen. Und im Alkoholrausch dreht dann schon mal einer durch.
Im Heilbronner Raum gibt es einige AfD-Hochburgen und zur Bundestagswahl 2017 war Heilbronn die Hochburg überhaupt bei uns im Südwesten. Es gilt nicht nur, Zivilcourage gegenüber braunen Hetzern zu zeigen. Das sollte selbstverständlich sein. Viel wichtiger ist es, auf seine Nachbarn zuzugehen und mit denen ins Gespräch zu kommen, die dafür gesorgt haben, dass sich die AfD in den Parlamenten festsetzen konnte. Ohne dass der Nachbarschaftsfrieden darunter leidet. Über die Parolen der Rechtspopulisten aufklären und Überzeugungsarbeit leisten.
Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit müssen natürlich in allen Lebenslagen bekämpft werden. Einen großen Beitrag dazu würde der Entzug ihrer politischen Unterstützung liefern.
Auf ein gutes Nachbarschaftsgespräch.