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Nach dem Anschlag in Hanau: Viele erleben Rassismus im Alltag

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Der Anschlag in Hanau mit insgesamt elf Toten bewegt die Menschen in der Region, denn auch hier erleben Menschen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im Alltag. Über diese Tabubrüche wird zu wenig diskutiert.

von Alexander Klug und Jürgen Paul
Blumen und Kerzen sind auf dem Hanauer Marktplatz aufgestellt worden. Auch Menschen in der Region zeigen sich beeindruckt von dem Anschlag.
Foto: dpa
Blumen und Kerzen sind auf dem Hanauer Marktplatz aufgestellt worden. Auch Menschen in der Region zeigen sich beeindruckt von dem Anschlag. Foto: dpa  Foto: Nicolas Armer

Der Anschlag in Hanau schockiert viele Menschen auch in der Region. Der 43-jährige Täter hat nach den bisherigen Ermittlungen neun Menschen und seine Mutter getötet, bevor er sich selbst erschoss. Neben der psychischen Erkrankung ist von einem rassistischen Motiv die Rede.

Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind auch in der Region anzutreffen: 2017 werden zehn Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Sontheim beschädigt, 2018 treffen sich Neonazis zu einer Fackelmahnwache auf dem Wartberg, Gruppierungen wie "Klare Kante", "Helfende Hand" oder "Hohenlohe wacht auf" sorgen für Aufsehen.

TSG-Geschäftsführer zu Rassismus im Verein

"Mir ist bisher kein Fall von Rassismus begegnet oder zu Ohren gekommen", sagt der Geschäftsführer der TSG Heilbronn, Marcel Hetzer. In dem Verein kommen 7000 Menschen verschiedener Glaubensrichtungen und Nationalitäten zusammen, um Sport von Badminton bis Volleyball zu treiben. Vor allem Fußball und Basketball seien von einem hohen Anteil ausländischer Spieler und Menschen mit Migrationshintergrund geprägt.

 

„Selbst zu Zeiten, als die Zahl der ankommenden Flüchtlinge sehr hoch war, war Rassismus aus meiner Sicht hier kein Thema.“

von Marcel Hetzer

 

"Aber selbst zu Zeiten, als die Zahl der ankommenden Flüchtlinge sehr hoch war, war Rassismus aus meiner Sicht hier kein Thema", sagt Hetzer. Er verweist darauf, dass die Reaktion auf die jüngsten rassistischen Zwischenrufe beim Fußball beachtlich war. "Und bei allem Geschrei, das auf einem Fußballplatz herrschen kann, verbindet der Sport eher Religionen und Kulturen, als dass er sie trennt."

Rassismus im Alltag

Auf dem Weg zu einem Treffen mit Bundesinnenminister Horst Seehofer äußert sich Gökay Sofuoglu. Er ist Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland und lebt in Fellbach. Im Alltag erlebe man regelmäßig Rassismus. "Viele haben einfach zur Kenntnis genommen, dass Menschen einfach wegen ihres Aussehens verbal oder körperlich angegriffen werden", kritisiert Sofuoglu. "Und das sowohl auf der Straße als auch in Parlamenten." 

 

„Viele haben einfach zur Kenntnis genommen, dass Menschen einfach wegen ihres Aussehens verbal oder körperlich angegriffen werden.“

von Gökay Sofuoglu

 

Die Aussagen mancher Giftmischer in den Parlamenten führten dazu, dass Menschen sich berechtigt fühlen, solche Taten zu begehen. Ihn mache wütend, dass im Hanauer Fall von einem Einzeltäter mit psychischer Störung die Rede sei. "Und auf der anderen Seite wird im Fall eines islamistischen Terroristen gleich die ganze Religion infrage gestellt."

Gönül Demir ist Tochter türkischer Eltern, in Heilbronn geboren und lebt in der Innenstadt. "Rassismus erlebe ich im Alltag leider sehr oft", sagt die 43-Jährige. Sei es an der Kasse im Supermarkt oder im Fitnessstudio. Oft gehe es um Sprache. "Ich habe mich mal mit meiner Schwägerin auf Türkisch unterhalten und eine Frau meinte, wir sollten doch gefälligst deutsch sprechen. Das kommt von ganz normalen Leuten." Mein Mann und ich haben den Eindruck, dass sich viele mehr trauen als früher, seit die AfD in Parlamenten sitzt."

 

 

Zunahme seit der Jahrtausendwende

Dass es Rassismus im Kleinen immer gegeben habe, merkt Cetin Kaya an. Er ist Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde in Eppingen. Der Verein hat 400 Mitglieder. "Was jetzt passiert ist, ist eine neue Stufe. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und so etwas hat es in den 1990er Jahren nicht gegeben. Seitdem aber immer öfter." Er kritisiert, dass sich viele Menschen schon an rassistische Vorfälle gewöhnt haben. "Es wird zu wenig darüber diskutiert und zu viel Abstand dazu gehalten."

 

„Es wird zu wenig darüber diskutiert und zu viel Abstand dazu gehalten.“

von Cetin Kaya

 

Offenkundigen Rassismus nehme er in Neckarsulm nicht wahr, meint Oberbürgermeister Steffen Hertwig. "Kleinen im Alltag aber sehr wohl. In der Bahn, im Straßenverkehr, beim Einkaufen." Das dürfe man nicht hinnehmen, wie auch die Verrohung der Sprache und die gezielten Tabubrüche. Über die Hälfte der Einwohner habe Wurzeln in der Fremde. "Neckarsulm ist seit vielen Jahren ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen und es funktioniert ausgesprochen gut."


Kommentar: Wir sind alle gefordert

Der entsetzliche Mordanschlag in Hanau schockiert Deutschland. In die Trauer um die Opfer und ins Mitgefühl für deren Angehörige mischen sich bei vielen Bürgern Fassungslosigkeit und Wut. Fassungslosigkeit darüber, dass Menschen mit ausländischen Wurzeln in diesem Land nicht mehr sicher leben können. Wut darüber, dass es Rechtsextremisten immer öfter gelingt, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung im wahrsten Sinne des Wortes anzugreifen. Auch wenn noch nicht alle Hintergründe dieses Verbrechens aufgeklärt sind, gibt es an der rassistischen Gesinnung des Täters kaum Zweifel.

Hanau steht damit in einer Reihe mit den NSU-Morden, dem Attentat auf Walter Lübcke und dem antisemitischen Mordanschlag von Halle. Auch wenn hier ein womöglich geistig verwirrter Einzeltäter zur Waffe griff, gibt es keinen Zweifel mehr: Deutschland hat ein Problem mit rechtsextremistischer Gewalt. Deshalb ist jeder, dem etwas an dieser Demokratie liegt, aufgefordert, in seinem Bereich Extremismus und Fremdenfeindlichkeit entschieden zu bekämpfen. Es genügt nicht, von der Politik schärfere Sicherheitsmaßnahmen und eine klare Abgrenzung zur AfD zu fordern. Die Saat des Hasses wird im Alltag gelegt – am Stammtisch, am Arbeitsplatz, im Internet. Hier ist Zivilcourage gefragt, um den braunen Hetzern klarzumachen, dass sie in diesem Land nicht erwünscht sind.
 

 

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