Mutter von 53 Kindern: Was ist dran an der Legende von Bönnigheim?
Ein Gemälde in der evangelischen Cyriakuskirche dokumentiert die Legende von Barbara Stratzmann: Sie soll Mutter von 53 Kindern gewesen sein. Wie realistisch ist das? Eine Ärztin der Frauenklinik ist skeptisch.

"Wenn die Menschen vor der Türe stehen, dann hat das ganz oft nur einen Grund: Sie wollen das Gemälde sehen", sagt Pfarrer Ulrich Harst. Auch bei Stadtführungen sei es der Höhepunkt. Die Rede ist von einem spätgotischen Gemälde aus dem 16. Jahrhundert, das in der Evangelischen Cyriakuskirche in Bönnigheim links vom Hochaltar hängt. Darauf zu sehen ist ein Ehepaar inmitten einer Schar von 53 Kindern.
Selbst Kaiser Wilhelm konnte Kindersegen kaum glauben
Genau so viele soll Barbara Stratzmann (gebürtig Schmotzer) zu Lebzeiten zwischen 1448 und 1503 auf die Welt gebracht haben. Im oberen Bereich des Gemäldes ist die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem zu sehen. "Als Zeichen, dass der Segen Gottes auf der Familie liegt", erklärt Ulrich Harst.
Selbst Kaiser Maximilian soll von der "Schmotzerin", wie sie wegen ihres Geburtsnamens auch genannt wurde, gehört und einen Bericht über deren Kindersegen angefordert haben. Friedrich Deumling, ein Notar aus Wimpfen, ging dem nach. Seinem Protokoll zufolge war Barbara Stratzmann insgesamt 29 Mal schwanger und trug 38 Söhne sowie 15 Töchter aus. Sie gebar 18 Einlinge, fünf Zwillinge, vier Drillinge und jeweils einmal Sechs- und Siebenlinge. 19 Kinder kamen jedoch tot zur Welt, das älteste wurde acht Jahre alt.
"Allein aus medizinischer Sicht nicht möglich"
Wie viel Wahres ist dran an der Geschichte über die angeblich kinderreichste Frau des damaligen Heiligen Römischen Reiches? Ist es aus gynäkologischer Sicht möglich, 53 Kinder auf die Welt zu bringen? "Nein, ist es nicht. Keine Chance", meint Julia Seipel, Oberärztin für Geburtshilfe in der Frauenklinik in Heilbronn. "Je länger ich darüber nachdenke, desto unwahrscheinlicher erscheint mir das Ganze."
Allein schon aus geburtshilflicher Sicht, sei es unmöglich. "Damals gab es noch nicht die Möglichkeit, die Kinder nach der Geburt medizinisch zu versorgen", erklärt Julia Seipel. Hinzu komme, dass die Periode einer Frau während der Stillzeit aufgrund veränderter Hormone ausbleibt. Und: "Frauen ab 40 Jahren nicht jedes Mal einen Eisprung haben." Unter diesen Umständen 53 Kinder geboren zu haben, "das halte ich für ausgeschlossen".
Kinderreichste Frau der Welt kommt aus Russland
Pfarrer Ulrich Harst kann nachvollziehen, dass die Menschen im 16. Jahrhundert die 53 Kinder der Schmotzerin als Wunder erfahren haben, jedoch sei das für ihn "aus theologischer Sicht nichts Bewegendes". So unglaublich die Legende um den Kinderreichtum von Barbara Stratzmann auch klingt – sie soll noch übertroffen worden sein. Eine Mutter aus Russland gebar im 18. Jahrhundert angeblich 69 Kinder in insgesamt 27 Schwangerschaften.

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