Muhterem Aras: "Es gibt Empfindungen, die sich ähneln"
Ihre Rede bei der Feierstunde zum Nationalfeiertag in Brackenheim hat Aufsehen erregt. Für den Vergleich von Ostdeutschen mit Migranten erntete Muhterem Aras, Präsidentin des baden-württembergischen Landtags, aber Kritik

Ihre Rede bei der Feierstunde zum Nationalfeiertag in Brackenheim hat Aufsehen erregt. Für den Vergleich von Ostdeutschen mit Migranten erntete Muhterem Aras, Präsidentin des baden-württembergischen Landtags, aber Kritik. Unser Redakteur Wolfgang Müller hat die Grünen-Politikerin gefragt, wo sie Analogien sieht.
Frau Aras, in Ihrer Rede in Brackenheim haben Sie die Formulierung "Ostdeutsche sind auch Migranten" aus der Tageszeitung taz zitiert. Würden Sie diese Überschrift auch in einer Rede in Dresden einbauen?
Muhterem Aras: Zunächst ist das eine plakative Überschrift. Das Interview der taz mit der Berliner Professorin Naika Foroutan läuft gerade nicht auf eine Gleichsetzung hinaus. Sie vergleicht ähnliche Gefühlslagen: etwa, dass Ostdeutsche wie auch Deutsche mit Migrationshintergrund sich aufgrund ihrer Herkunft manchmal als Bürger zweiter Klasse behandelt fühlen.
Ich würde in Dresden davon berichten, dass ich die Stadt unmittelbar nach dem Mauerfall besucht habe. Als Vertreterin einer Einwandererinitiative war ich auf einem Kongress von Bürgerrechtlern. Wir diskutierten auf einer Wellenlänge, wir hatten die gleichen Themen: Wie verschafft man Menschen Gehör, die bisher von den Schaltstellen weitgehend ausgeschlossen waren. Wie schafft man es, sichtbar zu werden? Diese Parallelität der Themen gibt es teils bis heute. Der Tag der Deutschen Einheit ist Anlass, darüber nachzudenken. Egal, ob in Brackenheim oder in Dresden.
Was überzeugt sie an diesem Vergleich "Ostdeutsche-Migranten"?
Aras: Professor Foroutan hat solche Parallelen empirisch ermittelt. Die Gründe, warum sich Menschen aus Ostdeutschland und mit Migrationshintergrund nicht voll zugehörig fühlen, ähneln sich: Die Erfahrung, aufgrund der Herkunft mit Vorurteilen konfrontiert zu sein. Die Erfahrung, sich für seine Herkunft rechtfertigen zu müssen. Zu den Gemeinsamkeiten gehört zudem der Verlust der ersten Heimat: Migranten haben ihr Land verlassen, Ostdeutsche wurden von ihrem Land verlassen. Das setzt ähnliche Prozesse in Gang.
Was unterscheidet aus Ihrer Sicht Ostdeutsche von deutschen Staatsbürgern mit Migrationshintergrund?
Aras: Selbstverständlich unterscheidet sich ihre Herkunft, ihr kultureller Kontext. Das ist doch völlig klar. Deshalb nochmal: Interessant ist, dass es Empfindungen gibt, die sich ähneln. Wenn sich aber die Erfahrungen ähneln, dann heißt das auch, dass es ähnliche Rezepte gibt, um mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft zu schaffen.
Ost- und Westdeutschland müssen zusammenwachsen. Die Integration von Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund muss gelingen. Worauf kommt es dabei an?
Aras: Wir brauchen mehr Anerkennungskultur - die Lebensleistung eines Ostdeutschen beginnt nicht erst in der Zeit nach der Wende. Wir brauchen ein Verständnis von Staatsbürgertum auf der Basis der Werte des Grundgesetzes statt primär mit Blick auf die Herkunft. Die Geschichten der ersten Gastarbeiter, die unseren heutigen Wohlstand mit geschaffen haben gehören genauso ins kollektive Gedächtnis wie die Erfahrungen der Menschen in Ostdeutschland vor der Wende und mit den Härten danach. All das könnte in unserer Gesellschaft insgesamt ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl schaffen.
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Kommentare
Peter Henschel am 03.10.2018 10:51 Uhr
Aras spricht richtigerweisde von Empfindungen und im gleichen Atemzug werden
Ostdeutsche mit Migranten gleich gesetzt. Wie die Reaktionen zeigen, war dies,
trotz sicherlich bester Absicht, absolut kontraproduktiv. Das ist genau der Nährboden
warum das Zusammenleben in unserer Gesellschaft erwschwert wird.Solange
derartige Rhetorik von unseren Politiker*innen angewandtund immer nur reine
Absichtserklärungen abgeben werden, funktioniert das nicht!