Mit dem Empire schließt Heilbronns letzte Videothek
Lange hatte sich der Videoverleih im Weipertzentrum gehalten - obwohl die ganze Branche seit Jahren einen langsamen Tod stirbt. Jetzt sagt Chef Frank Wörner: "Die Corona-Zeit hat uns noch mal richtig eine gebeutelt." Am Samstag, 19. Februar, ist endgültig Schluss.

Er hat sein Lebenswerk aufgebaut, also baut er es auch wieder ab. Laden für Laden. 25 Videotheken, so erzählt Frank Wörner, hat er zu Spitzenzeiten über ganz Deutschland verteilt besessen. Geblieben sind ihm davon zwei. Eine in Hanau, die noch "so mit humpelt". Und eine in Heilbronn im Weipertzentrum: das Empire. Doch am Samstag, 19. Februar, ist auch damit Schluss. Wenn dann im Empire endgültig das Licht ausgegangen ist, ist zugleich die letzte Videothek der Stadt Geschichte. Derzeit läuft noch der Räumungsverkauf.
Für ein paar Tage ist Frank Wörner wieder aus seinem Wohnort bei Frankfurt am Main angereist, um die Einrichtung weiter zu demontieren. Die verbliebenen Regale auf der 1400 Quadratmeter großen Fläche sind schon ziemlich zusammengerückt, die Erwachsenenabteilung ist mit aufeinander gestapelten Kartons abgetrennt. Als sich der 62-Jährige Zeit für ein Gespräch nimmt, entfernt ein Mitarbeiter gerade mithilfe eines Föns Folie von einem Fenster. "Die Corona-Zeit hat uns noch mal richtig eine gebeutelt", erklärt Frank Wörner, "in der Zeit, in der während der Pandemie geschlossen war, sind unsere letzten Kunden ins Internet abgedriftet".
1983 gab es im Stadt- und im Landkreis Heilbronn noch insgesamt 32 Videotheken
Wie die Onlinestudie von ARD und ZDF 2021 zeigt, nutzen inzwischen drei von vier Menschen in Deutschland regelmäßig Videos oder Fernsehinhalte über das Internet, die größte Rolle spielen dabei On-Demand-Inhalte von TV-Sendern und Video-Streamingdienste wie Netflix und Co. Die Videotheken-Branche stirbt hingegen seit Jahren einen langsamen Tod. Laut dem Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD) sank die Zahl der Betriebe zwischen 2008 und 2019 von 2920 auf 341. Dabei zählte alleine Heilbronn 1983 sage und schreibe 19 Videotheken im Stadt- und 13 im Landkreis, wie die Stimme berichtete.
Wer Frank Wörner nach den alten Zeiten fragt, dem erzählt der gebürtige Bruchsaler, der als Fahrlehrer bei der Bundeswehr gearbeitet hatte, ehe er sich mit 23 Jahren selbstständig machte, etwa von seiner ersten Heilbronner Dependance in der Pestalozzistraße, noch unter dem Namen Video Wunderland. Und davon, wie verrückt die Leute einst nach Filmen waren. War ein heiß begehrter Streifen wie Teil eins von "Stirb langsam", der anfangs nur in zwei Kopien vorrätig war, verliehen, ist es demnach schon mal vorgekommen, dass ein Kunde zum anderen nach Hause gefahren ist, um sich den Actionkracher dort abzuholen. Später, nach dem Umzug ins Weipertzentrum, hatte Frank Wörner dann bis zu 80 Kopien eines Films in den Regalen stehen. "Die ganz großen Blockbuster gibt es heute ja nicht mehr, heute gibt es viel Schrott", sagt er.
Warum sich das Empire in der Etzelstraße überhaupt so lange gehalten hat
Dass sich das Empire überhaupt so lange gehalten hat, erklärt Frank Wörner damit, dass man eben nicht nur auf den Verleih gesetzt, sondern auch Filme und Merchandising verkauft und zuletzt noch Regale für Gebrauchtwaren angeboten habe, die von Kunden angemietet werden konnten. Wichtig sei auch die Erwachsenenabteilung gewesen. Pornofilme hätten den Laden lange über Wasser gehalten. "Man glaubt nicht, wie viele Leute das trotzdem noch kaufen", erzählt der 62-Jährige. "Aber Hardcore alleine hält das Ganze irgendwann auch nicht mehr."

Jetzt zum Räumungsverkauf gibt es Hollywoodfilme und B-Streifen zu Schleuderpreisen. Der achtfach Oscar-prämierte "Slumdog Millionär" oder "Liebe" von Regisseur Michael Haneke etwa kosten je ein Euro, "Cleopatra" mit Schauspiellegende Elizabeth Taylor und das Marvel-Abenteuer "Spider Man 2" kosten je 2,50 Euro. "Das tut mir im Herzen weh", sagt Frank Wörner, der mit den Tränen kämpft, als er auf seine ehemaligen Mitarbeiter zu sprechen kommt. "Ich bin ja mit den Leuten groß geworden, mit denen, die ewig dabei sind, bin ich per du, da ist eine Herzlichkeit da", ringt er um Fassung, "wenn man so darüber spricht, merkt man erst, um was es geht."
Vor der Schießung gibt es nun Filme zu Schleuderpreisen
Nur wenige Schnäppchenjäger schauen an diesem Nachmittag vorbei. Einer von ihnen ist Matz Janko. "Ich finde es schade. Das war die letzte Bastion in Heilbronn", sagt der 42-Jährige, der erzählt, dass er schon in jungen Jahren Videotheken-Kunde war und die besondere Atmosphäre dort schätzte. Am dritten Tag in Folge stöbert er nun in der Auslage im Empire. Einen großen Stapel - überwiegend Horrorfilme - hält er in den Händen. Ob er auch Streamingdienste nutze? "Ja, so offen und ehrlich muss ich sein." "Ich hab noch nie gestreamt, ich weiß nicht mal, wie das geht", erklärt Wörner. Schließlich hätten diese Dienste ihm das Geschäft ruiniert. "So lange wir noch einen Laden in Hanau haben, kriege ich immer die neuesten Filme", sagt er. Und wenn er auch diesen eines Tages dichtmachen muss? "Dann muss ich halt doch in Sky und so weiter rein. Bleibt mir ja nichts anderes übrig."



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