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Mission Zukunft ohne Fichten: Kahlschlag im Privatwald

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Folgen des Klimawandels: Auf 25 Ar lässt ein Besitzer bei Möckmühl alle kranken Fichten fällen und pflanzt 800 Eichen und Hainbuchen neu. Für das Forstamt ist es ein gutes Beispiel für den Wald der Zukunft, der durch neue Baumarten auch internationaler wird.

von Carsten Friese
Waldbesitzer Eberhard (rechts) und Jan Thierl aus Möckmühl auf ihrer Fläche, auf der sie alle Fichten fällten. Traubeneichen und Hainbuchen sind die Nachfolger. Fotos: Friese
Waldbesitzer Eberhard (rechts) und Jan Thierl aus Möckmühl auf ihrer Fläche, auf der sie alle Fichten fällten. Traubeneichen und Hainbuchen sind die Nachfolger. Fotos: Friese  Foto: Friese, Carsten

Er hat das Aus für die Bäume beschlossen, die sein Vater vor rund 55 Jahren gepflanzt hat. Auf seiner Privatwaldfläche bei Möckmühl-Ruchsen hat Besitzer Eberhard Thierl (54) vor Kurzem mit Harvesterhilfe eines beauftragten Unternehmens zum Kahlschlag angesetzt. Auf 25 Ar hat er alle Fichten abholzen lassen, die durch Trockenheit und Borkenkäferbefall dürr und tot waren. "Es sah aus wie ein Schlachtfeld", beschreibt Thierl die Szenerie. An vier Wochenenden habe man hohe Reisigberge verbrannt, um den Borkenkäfern keine guten Brutplätze zu hinterlassen.

"Ich möchte keinen dürren Wald stehen lassen"

Gestern zeigte er mit Sohn Jan und Jörn Hartmann vom Kreisforstamt Heilbronn die Fläche, die nun einen sehr aufgeräumten Eindruck macht und ein Beispiel für einen Zukunftswald im Kleinen ist. Nach Beratung mit dem Revierförster haben die Thierls 800 neue Bäume gepflanzt - 650 Traubeneichen mit Schutzhülle vor Wildverbiss und 150 Hainbuchen. Bäume, die viel tiefer wurzeln als die Fichte und die an dem steinigen Kalkschutthang wohl viel besser zurechtkommen.

"Ich möchte keinen dürren Wald stehen lassen", erklärt der 54-Jährige. Das traurige Bild der todkranken Fichten wollte er nicht über Jahre zementieren. "Es muss weiter gehen", man müsse sich an den Klimawandel anpassen, findet Thierl. "Was bleibt uns anderes übrig?"

Sohn Jan (20) sagte seine Mithilfe zu. Zu zweit und zu dritt gruben sie an drei Tagen stundenlang Pflanzlöcher, setzten die neuen Mini-Bäumchen in die Erde. Ein Einsatz für die nächsten Generationen sei dies, eine Arbeit für die Zukunft, findet Jan Thierl. Bis die Eichen gut drei Meter hoch sind, werden bis zu zehn Jahre vergehen. Sie ernten und verkaufen wird man wohl erst in gut 100 Jahren. Ob sich das rechnet? "Wir hoffen, dass es sich lohnen wird", sagt Vater Thierl. Er sei gern im Wald, sei mit dem Wald quasi aufgewachsen. Sein Großvater war in der Region Forstwart, blickt er zurück.

Vom Land gibt es Zuschüsse für Aufforstungen auf Schadholzflächen

Große Mengen an Fichtenreisig, das übrig blieb, verbrannten die Thierls. Sie wollten dem Borkenkäfer keine guten Brutplätze überlassen.
Große Mengen an Fichtenreisig, das übrig blieb, verbrannten die Thierls. Sie wollten dem Borkenkäfer keine guten Brutplätze überlassen.  Foto: Friese, Carsten

Für Kreisforstamtsmitarbeiter Jörn Hartmann ist das Aufforstungsprojekt der Thierls ein "klasse Beispiel", wie Privatwaldbesitzer auf Schadflächen umsteuern können. Auch in den Wäldern des Kreisforstamtes nehmen die Aufforstungsflächen nach Fällungen kranker Bäume zu. Für die Pflanzsaison 2021/22 ab Herbst ist Arbeit auf 30 Hektar geplant - für den Landkreis Heilbronn überdurchschnittlich viel.

Während das Kreisforstamt rund 16.200 Hektar Wald von 46 Städten und Gemeinden im Landkreis Heilbronn bewirtschaftet, sind es bei rund 1800 Kleinprivatwaldbesitzern mit rund 5580 Hektar immerhin ein Drittel davon. Finanziell können Privatwaldbesitzer für solche Aufforstungsflächen Landeszuschüsse erhalten. Pro gepflanztem Baum sind es drei Euro. Eberhard Thierl hat in Kooperation mit dem Forstamt Fördergeld beantragt. Es deckt einen Teil seiner vierstelligen Investitionskosten ab. Für ihn ist das eingesetzte Geld auch eine Investition in die Natur.

Auf Versuchsfeldern der staatlichen Forstleute stehen unterdessen auch neue Baumarten, die mit zunehmender Hitze und Trockenheit besser zurechtkommen sollen. Jörn Hartmann nennt die Baumhasel (Ursprung Kaukasus), Libanon- oder Atlaszeder oder die Schwarznuss, die aus Nordamerika stammt. Der Baumarten-Mix im Wald der Zukunft "wird internationaler", erwartet er. Und auch die Wuchshöhe werde sich im Vergleich zu den weit verbreiteten Buchenbeständen verändern. Es werde "niedriger werden" im Wald.

Kranker Patient Wald: Fast die Hälfte ist deutlich geschädigt

Im Waldzustandsbericht 2020 für Baden-Württemberg ist nach dem dritten Jahr in Folge mit extremen Wetterbedingungen von einer "erheblichen Belastung der Wälder" die Rede. Aktuell wird knapp die Hälfte (46 Prozent) als "deutlich geschädigt" eingestuft. Zahlreiche Bäume seien im Laufe des Sommers als Folge von Trockenstress oder Insekten-/Pilzbefall abgestorben. Fichte und Esche sind die größten Sorgenkinder. Von einem "besorgniserregenden Zustand" der Wälder ist die Rede.


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