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Heilbronner Briefhüllenproduzent Mayer Kuvert streicht mehr als jede dritte Stelle

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Die Briefhüllenproduktion wird von Heilbronn in den Osten verlagert. Dafür soll ein neues Standbein ausgebaut werden, das vom Boom des Onlinehandels profitiert.

Heilbronn war lange Jahre eine Hochburg der Briefumschlags-Herstellung. Diese Ära endet nun: Mayer Kuvert gibt die Produktion am Stammsitz auf und konzentriert sich auf sogenannte Leichtverpackungen.
Fotos: Mayer Kuvert
Heilbronn war lange Jahre eine Hochburg der Briefumschlags-Herstellung. Diese Ära endet nun: Mayer Kuvert gibt die Produktion am Stammsitz auf und konzentriert sich auf sogenannte Leichtverpackungen. Fotos: Mayer Kuvert  Foto: Mayer Kuvert network

Am Stammsitz des Briefhüllenherstellers Mayer Kuvert stehen harte Einschnitte bevor: Das Unternehmen will 80 der etwa 200 Stellen streichen, kündigte es in einer Mitteilung an. Künftig werde sich die Produktion in Heilbronn ganz auf sogenannte Leichtverpackungen konzentrieren, für die nur noch etwa 55 Mitarbeiter in der Fertigung benötigt werden, erläuterte Geschäftsführer Thomas Schwarz. In Heilbronn verbleibt zudem die Leitung der Unternehmensgruppe.

Geeignet für Retouren

Leichtverpackungen erleben im Zuge des boomenden Onlinehandels eine stark steigende Nachfrage: Sie werden unter anderem benötogt, um zum Beispiel Textilien in einem briefkastengerechten Umschlag zu verschicken. Eine besondere Klebung ermöglicht es, diesen Umschlag im Fall des Falles auch wieder für die Rücksendung zu verwenden. 2018 habe das Unternehmen etwa 700 Millionen Stück solcher Leichtverpackungen, darunter auch Faltenbeutel, Tragetaschen und Polsterhüllen, hergestellt, berichtete Schwarz. Im vergangenen Jahr seien es schon knapp zwei Milliarden gewesen, geplant seien nun 4,5 Milliarden Stück. Zuletzt habe aber der Ukraine-Krieg das Wachstum dieses Segments etwas gebremst.

Die nötigen Maschinen für die Umstellung in Heilbronn seien bereits angeschafft, sagte er weiter. Mit dem Betriebsrat würden nun Verhandlungen über Interessensausgleich und Sozialplan aufgenommen - Ziel sei, die Maßnahmen bis zum Sommer zu vereinbaren und umzusetzen. Dabei soll den betroffenen Mitarbeitern auch eine Weiterbeschäftigung am sächsischen Standort Torgau angeboten werden.

Millionen-Investitionen in Torgau und Polen

In Torgau an der Elbe investiert das Unternehmen mehr als 20 Millionen Euro in eine neue Produktionshalle. Künftig kommen die Briefkuverts von hier.
In Torgau an der Elbe investiert das Unternehmen mehr als 20 Millionen Euro in eine neue Produktionshalle. Künftig kommen die Briefkuverts von hier.  Foto: Mayer Kuvert

Dort, im Werk Dreiheide-Süptitz, investiert das Unternehmen derzeit mehr als 20 Millionen Euro in den Umbau. Die Produktionsfläche wird um 3000 Quadratmeter erweitert und ein Hochregallager mit 6000 Palettenplätzen errichtet. Die Belegschaft werde dadurch auf 150 bis 170 Beschäftigte ansteigen, sagte Schwarz. Künftig sei Torgau jenes Werk in Deutschland, in dem die üblichen kleinen Briefumschläge hergestellt werden. Daneben gibt es ein Werk in Trebbin, südlich von Berlin, für großformatige Umschläge. Parallel entsteht momentan im polnischen Lodz ein weiteres Werk für Briefumschläge als dritter Produktionsstandort im Nachbarland - auch dort werden mehr als 20 Millionen Euro investiert, berichtete der Geschäftsführer. In Lodz sollen künftig 1,5 Milliarden Bäckertüten und bis zu 2,5 Milliarden Briefkuverts hergestellt werden. 

"Am Standort Heilbronn rechnet sich die Briefhüllenproduktion nicht mehr", begründete Schwarz die Streichungen. In den vergangenen Jahren sei die Menge bereits von zwei auf eine Milliarde Stück zurückgegangen. Der gesamte europäische Briefhüllenmarkt umfasse nur noch etwa 30 Milliarden Stück im Jahr - davon entfielen vergangenes Jahr 14 Milliarden auf die Gruppe von Mayer Kuvert.

2021 wurde der Umsatz gesteigert

Insgesamt hat die Unternehmensgruppe mit ihren knapp 40 Tochtergesellschaften 2021 den Umsatz sogar gesteigert, erläuterte Schwarz: Von 195 Millionen Euro ging es auf etwa 220 Millionen Euro aufwärts. Dabei seien auch eine Milliarde Briefhüllen mehr abgesetzt worden. Allerdings waren es 2019 noch 15 Milliarden Stück gewesen. "Ein weiteres Aufholen ist unrealistisch", meinte der Geschäftsführer. Das Ziel für das laufende Jahr laute vielmehr: "Die 14 Milliarden Stück wollen wir halten. Wir behaupten uns da schon."

Auch darum baut die Gruppe das Geschäft mit zusätzlichen Produkten aus. Schließlich hat die Pandemie nicht nur den Onlinehandel beflügelt, sondern auch in Deutschland den Trend zum elektronischen Austausch mit Behörden. Und dafür werden keine Briefumschläge mehr benötigt.


Geschichte

Die Wurzeln der Unternehmensgruppe mit etwa 1700 Beschäftigten reichen bis zurück in das Jahr 1877, als in Heilbronn der "Kuvert-Mayer" gegründet wurde. Edlef Bartl übernahm die Firma 1983 und baute sie durch Zukäufe zum führenden europäischen Hersteller aus. Nach seinem Tod 2014 übernahmen zwar Familienmitglieder die Leitung, drei Jahre später stiegen aber Investoren ein. Wie mittlerweile bekannt ist, handelt es sich dabei um den einstigen Schwarz-Gruppe-Konzernchef Klaus Gehrig und weitere Gesellschafter mit kleineren Anteilen.

 
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