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Interview

Margot Käßmann erzählt, was ihr Halt gibt im Leben

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Margot Käßmann ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten Deutschlands. Im Juli 2019 ging sie mit 60 Jahren in den Ruhestand. In ihren Büchern sinniert die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende über das Leben, den Tod - und über die Freundschaft.

Im November war Margot Käßmann zu einer Lesung in Bad Wimpfen. Damals sprach sie über die positiven Seiten des Älterwerdens und des Ruhestands. Foto: Mario Berger
Im November war Margot Käßmann zu einer Lesung in Bad Wimpfen. Damals sprach sie über die positiven Seiten des Älterwerdens und des Ruhestands. Foto: Mario Berger  Foto: Berger, Mario

Wann hatten Sie denn zuletzt Kontakt zu einer Freundin oder einem Freund?

Margot Käßmann: Letzten Samstag. Weil ich mit meiner besten Freundin, wenn es irgend geht, jedes Wochenende telefoniere.

 

Das hat sich als fester Termin etabliert?

Käßmann: Ja, weil wir beide in der berufstätigen Zeit sehr, sehr ausgebucht waren, haben wir vor vielen Jahren schon gesagt, dass wir einmal die Woche telefonieren sollten. Und das machen wir am Wochenende. Dann verabreden wir per WhatsApp, wann es am besten passt, kochen uns eine Tasse Tee oder Kaffee und telefonieren in Ruhe.

 

Das Thema Freundschaft ist Ihnen offenbar so wichtig, dass Sie ihm ein ganzes Buch gewidmet haben?

Käßmann: Auf die Idee zum Buch bin ich gekommen, weil ich mal gesagt habe, es müsste eigentlich eine Theologie der Freundschaft geben. Ich denke, dass in der Bibel Freundschaft eine große Rolle spielt. Wenn wir zum Beispiel Jesus selber nehmen, so hat er doch in Beziehungen zu anderen gelebt. Er besucht Maria, Martha und Lazarus regelmäßig, isst bei ihnen, spricht mit ihnen am Tisch. Das ist eine freundschaftliche Beziehung. Und auch seine Beziehung zu den Jüngerinnen und Jüngern können wir als Freundschaft sehen. Sie tauschen sich mit ihm über Gott und die Welt aus - und eine Beziehung, die so eng ist, dass sie selbst nach dem Tod noch eine Rolle spielt, kann man Freundschaft nennen. Ganz anrührend sind ja auch die Freunde von Hiob, die sich in all dem Leid unaufgefordert zu ihm setzen und mit ihm schweigen. Das finde ich sehr eindrücklich. Zum anderen leben wir in einer Zeit, in der viele Ehen scheitern und viele Menschen allein sind. Viele leben in multi-lokalen Großfamilien, also nicht mehr so eng zusammen. Da hat Freundschaft auch als Beziehung, die wirklich ein Leben lang tragen kann, eine große Bedeutung.

 

Unter der Überschrift "Damit die Seele gesund bleibt" schreiben Sie: "Wenn laut einer aktuellen Studie des Instituts für Deutsche Wirtschaft fast zehn Prozent der Menschen in unserem Land so einsam sind, dass sie nur einmal im Monat oder noch seltener ein persönliches Gespräch führen, dann ist das doch ein Trauerspiel." Kann man Einsamkeit im Alter vorbeugen?

Käßmann: Ich denke schon. Aber Freundschaften müssen lange gepflegt werden.

 

Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Freundschaft und Bekanntschaft?

Käßmann: Das ist manchmal schwer zu definieren. Eine Freundschaft braucht ein paar Jahre, bis sie eine feste Freundschaft ist, weil ich ja erst erproben muss, ob ich mich der anderen anvertrauen kann. Eine Freundschaft braucht auch irgendwann eine Geschichte, die wir erzählen können: "Weißt du noch. . ." Eine Bekanntschaft ist jemand, den ich ganz nett finde, und mit dem ich mich auch mal treffe. Aber eine Freundschaft hat dann schon einen größeren Tiefgang und ein tieferes Vertrauen.

 

Wichtig finden Sie ja auch, dass man Zeit füreinander hat, sich Zeit nimmt?

Käßmann: Ja, das ist für mich ein Faktor, den viele vernachlässigen in der Rush-Hour des Lebens. Bei einer Freundschaft musst du auch mal sagen, ich besuche dich, bleib über Nacht, weil man dann den Abend miteinander verbringen, einen langen Spaziergang machen, gemeinsam frühstücken kann. Da hat man anders Zeit füreinander, als wenn man ganz schnell mal Kaffee trinkt.

 

Wie schwer ist es Ihnen im Laufe Ihrer Berufstätigkeit gefallen, Freundschaften zu pflegen? Und geht das heute leichter?

Käßmann: Auf jeden Fall. Es gab auch mal eine Phase, da hatte ich das Gefühl, dass ich eine Bringschuld in Sachen Freundschaft habe, weil meine Freundinnen mehr für mich da waren als ich für sie. Das war in der Phase, in der der Beruf unwahrscheinlich dominant in meinem Leben war und ich in der Zeit, die ich dann hatte, für meine vier Kinder da war. Jetzt im Ruhestand bin ich froh, dass ich wieder mehr die Zeit-Gebende sein kann. Von mir aus: Ich bin aktiver darin geworden, mich zu verabreden.

 

Sie können Ihre Zeit nun freier einteilen?

Käßmann: Ja. Und das ist für mich auch ein großer Gewinn des frühen Ruhestands, ein Privileg. Ich bin sehr, sehr dankbar dafür, dass ich finanziell so abgesichert bin, dass ich das machen kann.

 

Dass Sie nicht mehr arbeiten, kann man aber nicht sagen?

Käßmann: Da ist es die Frage, wie wir Arbeit definieren. Arbeit ist nicht nur Erwerbstätigkeit gegen Geld. Ich arbeite ja auch, indem ich die Enkelkinder hüte oder Bücher schreibe, mich bei Terre des Hommes engagiere oder als Herausgeberin der Straßenzeitung in Niedersachsen tätig bin. Das ist aber alles selbst gewählt. Und das ist auch der große Luxus für mich.

 

Glauben Sie, dass man auch spät noch Freundschaften knüpfen kann?

Käßmann: Ich denke tatsächlich, dass es möglich ist, auch spät noch Freundschaften zu knüpfen, aber dann müssen wir bereit sein, einen Vorschuss an Vertrauen zu geben. Je älter wir werden, desto mehr Eigenarten haben wir ja auch entwickelt.

 

Sie sind prominent, werden erkannt. Wie wichtig ist es für Sie, Freunde zu haben, die nicht zu dieser öffentlichen Rolle gehören?

Käßmann: Das war für mich immer wichtig. In der Zeit als Bischöfin noch mehr als jetzt.

 

Prominenz kann sehr anziehend sein?

Käßmann: Ja. Aber dessen war ich mir immer bewusst.

 

In der schwierigen Zeit ihres Rücktritts als Landesbischöfin und EKD-Vorsitzende waren viele Freunde an ihrer Seite. Wie viel Halt konnten diese Ihnen geben?

Käßmann: Meine Freundin Annette rief mich damals an und lud meine Tochter und mich zu sich nach Amsterdam ein. Wir waren eine ganze Zeit bei ihr. Meine Freundin Almut ist zur Pressekonferenz gekommen. Also, da gab es Freudinnen, die mir wirklich Halt gegeben haben, und mit denen ich bis heute befreundet bin.

 

Haben Sie damals auch Freunde verloren?

Käßmann: Echte Freunde nicht, nein.

 

Sie verbringen viel Zeit mit dem Schreiben. Wo haben Sie dieses Buch geschrieben?

Käßmann: Das habe ich größtenteils auf Usedom geschrieben - das ist für mich der beste Ort zu schreiben. In Hannover habe ich oft sehr viele Termine. Auf Usedom bin ich so unabgelenkt, das ist sehr angenehm.

 

Haben Sie da einen besonderen Platz zum Schreiben?

Käßmann: Ja, ich habe einen sehr schönen Schreibtisch, von dem aus ich direkt ins Grüne blicke. Da springt höchstens mal ein Eichhörnchen rum. Sonst passiert da nichts.

 

Schreiben Sie gerade an einem weiteren Buch?

Käßmann: Ich schreibe gern, aber ich habe kein größeres Buch mehr vor. Ich gestalte jetzt eine Reihe Kinderbücher mit einer meiner Töchter. Das ist für mich ein neues Genre. Und das stellt auch eine neue Herausforderung dar.

 

Was ist eigentlich das Anliegen Ihrer Bücher. Sie schreiben ja keine Ratgeber, werden aber von vielen Menschen so wahrgenommen. Sind Ihre Bücher verlängerte Predigten?

Käßmann: Manche sagen ja, dass meine Bücher wie lange Predigten seien (lacht). Wahrscheinlich ist das das Genre, das ich am besten beherrsche. Mit den Büchern möchte ich schon auch die Bibel ins Gespräch bringen. Ich will deutlich machen, dass die Bibel kein Buch von gestern ist. Zum anderen möchte ich Menschen ermutigen, und mit diesem Buch besonders, Freundschaften schon vor dem Ruhestand zu pflegen, weil sie diese Zeit und Pflege brauchen, um dann tragfähig zu sein, wenn wir alt werden.


Zum Buch

 Foto: Buchcover

"Freundschaft, die uns im Leben trägt" (Bene Verlag, 192 Seiten, 18,99 Euro) heißt das neue Buch von Margot Käßmann, in dem sie sich vor allem mit der Bedeutung enger Beziehungen im Alter beschäftigt. Sie beschreibt die unterschiedlichen Formen der Freundschaft, gibt Einblick in private Erlebnisse und persönliche Begegnungen und spart auch die negativen Themen ihres Lebens wie Scheidung, Krankheit und berufliche Niederlagen nicht aus. Dass Freunde in guten wie in schweren Zeiten wichtig sind, steht für Margot Käßmann fest.

 

Zur Person

Prof. Dr. theol., Dr. h.c. Margot Käßmann ist 1958 geboren und evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin. Sie ist Mutter von vier Töchtern, war von 1999 bis 2010 erste Bischöfin der evangelischen Landeskirche Hannover und 2009/2010 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Parallel zu ihrer beruflichen Laufbahn schrieb Käßmann immer auch Bücher. Die Bibel den Menschen als modernes Buch nahe zu bringen, ist bis heute eines ihrer Anliegen.

 
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