Lkw auf der Autobahn: Parken in der Gefahrenzone
Lkw-Fahrer nutzen auf den Autobahnen Nothaltebuchten und Pannenstreifen für ihre Pausen. Warum sich die Polizei kaum in der Lage sieht, daran etwas zu ändern.

Es ist der Morgen des 30. Mai 2017, kurz vor 4 Uhr. Ein spanischer Lkw parkt mit Warnblinker auf dem Seitenstreifen der A 6, direkt nach der Ausfahrt des Parkplatzes Bauernwald bei Kirchardt. Der Fahrer liegt in der Koje und schläft. Dann kracht es. Ungebremst fährt ein Kühllaster auf den stehenden Lkw auf. Der Fahrer des spanischen Lkw hat Glück. Der Fahrer im Kühlzug stirbt. Ein vermeidbarer Unfall?
Was passiert wäre, wenn der spanische Lkw nicht dort geparkt hätte, lässt sich im Nachhinein kaum rekonstruieren. Doch klar ist, dass der Pannenstreifen keine Parkzone ist, auch wenn zuletzt dieser Eindruck entstehen konnte. Regelmäßig stehen die Laster nach Ausfahrten oder belegen sogar Nothaltebuchten im Baustellenbereich. Sie riskieren damit zwar eine Verwarnung durch die Polizei, die für das unzulässige "Parken auf der Autobahn" allerdings weniger als 100 Euro verlangt. Sie vermeiden damit aber ein viel höheres Bußgeld, das für die Überschreitung von maximalen Lenkzeiten droht. Bis zu 5000 Euro können dafür in Rechnung gestellt werden.
Offizielle LKW-Parkplätze auf den Autobahnen in der Region
Strenge Vorgaben
Elf Stunden Ruhezeit pro Tag sind für Lkw-Fahrer in Deutschland Vorschrift. Fahrtenschreiber dokumentieren, ob diese Zeiten eingehalten wurden. Reiner Friedle, Dienstgruppenleiter der Autobahnpolizei in Weinsberg, sieht denn auch das Dilemma, in dem sich viele Lkw-Fahrer bewegen. "Für sie wird es immer schwieriger, einen Parkplatz zu finden, wenn sie nach vier Stunden am Steuer wieder eine dreiviertel Stunde Pause einlegen müssen." Dass vor allem im Stau manch einer rechts ranfährt und sich ausruht, das lasse sich kaum verhindern. "Das ist wie ein Kampf gegen Windmühlen", sagt Friedle. Während man den einen zum Wegfahren bewege, werde oft woanders der nächste Lkw abgestellt. Nur wenn ein Lkw nach dem Beschleunigungsstreifen stehen bleibt, kennen die Weinsberger Streifen kein Pardon. "Dann muss er da sofort weg."
Viel Platz für ein paar Euro
Während kleine Parkplätze oft hoffnungslos überbelegt sind, ist auf dem Autohof bei Bad Rappenau-Bonfeld regelmäßig viel Platz. Auch bei einer abendlichen Fahrt auf der A 6 zeigt die elektronische Anzeige 110 - freie Auswahl. Doch nur die erste Stunde auf dem Autohof ist kostenlos, danach werden fünf Euro für die nächsten drei Stunden fällig.
"Das sparen sich die Fahrer lieber", sagt Gerald Hauke, Leiter Öffentlichkeitsarbeit ViA6West, die für den Ausbau und den Betrieb der A 6 und damit auch der Parkplätze entlang der Strecke verantwortlich ist. "Wir sehen das Fehlverhalten der Lkw-Fahrer mit großer Sorge", sagt Hauke. Auch an diesem Abend steht ein Lkw gleich im Anschluss an den Beschleunigungsstreifen bei Obereisesheim. Haufig würden sogar Nothaltebuchten genutzt, die nur wenige Kilometer vom Autohof Bad Rappenau entfernt sind, erzählt Hauke. Das sei kein Kavaliersdelikt. "Beim widerrechtlichen Parken auf der Autobahn sind im Notfall Rettungswege gefährdet."

Ausbaupläne für die A6
Sowohl beim Regierungspräsidium als auch beim Verkehrsministerium in Stuttgart ist das Problem bekannt. So gibt es seit 2015 auch ein Ausbaukonzept für die A 6 zwischen den Kreuzen Weinsberg und Feuchtwangen. 2008 waren im Rahmen der Erhebung 425 Lkw-Stellplätze im Bestand gezählt. Im Zuge des Ausbaus sollen dann noch einmal 998 Stellplätze für Lkw entstehen. Ebenso werden mit dem Ausbau der A 6 die Rastplätze erweitert. Und auch auf der A 81 sind mehrere Hundert neue Stellplätze geplant, beispielsweise an der Rastanlage Wunnenstein.
Kurzfristig ist das Problem der fehlenden Stellplätze damit nicht zu lösen. Allenfalls könne man mit der zunehmenden Digitalisierung Kapazitäten effizienter ausnutzen, sagt Julia Pieper, Sprecherin des Landesverkehrsministeriums. Als Beispiele nennt sie das Lkw-Kolonnen-Parken (Rastanlage Montabaur), Kompaktparken (Jura West) oder Parkleitsysteme wie auf der A 9 in Bayern. "Solche Systeme können unterstützen." Solange man nicht bezahlen muss, wie in Bad Rappenau.
Im Südwesten fehlen 2500 Lkw-Stellplätze an Autobahnen
Es gibt in Baden-Württemberg zu wenige Ruheorte entlang der Autobahn. Auf 2500 schätzt das Verkehrsministerium die Zahl der fehlenden Lkw-Stellplätze im Land. Zwar seien im vergangenen Jahr durch Umbau und Erweiterungen im Südwesten rund 130 Parkplätze für Lastwagen entstanden. Der Mangel sei aber weiter groß. Als besonders betroffen gelten die A5, die A6 und die A8.
Hintergrund
Gespräche mit Truckern sind nicht immer angenehm, sagt Reiner Friedle von der Verkehrspolizeidirektion Weinsberg. Teilweise würden sie aggressiv. "Vor zwei Monaten haben wir sogar einen abgeschleppt, der sich weigerte, wegzufahren", erzählt der Polizeioberkommissar. Manchmal seien die Fahrer aber auch dankbar für Tipps, wo noch Parkplätze zu finden sind. Und auch bei den Recherchen unserer Zeitung war nicht jeder Nutzer der Nothaltebuchten ein Falschparker. Wenn Lkw einen Reifenschaden haben, können sie in der Regel noch bis zur nächsten Haltebucht weiterfahren. Umso wichtiger ist allerdings, dass dort Platz ist.
Auf dem 105,3 Kilometer langen Streckenabschnitt der A 6 vom Autobahndreieck Hockenheim bis zur Anschlussstelle Ilshofen/Wolpertshausen gibt es 31 Rastanlagen und drei Autohöfe mit insgesamt 725 Lkw-Stellplätzen. Auf dem 70 Kilometer langen Streckenabschnitt der A 81 von der Anschlussstelle Osterburken bis zur Anschlussstelle Ludwigsburg-Süd gibt es 17 Rastanlagen mit 221 Lkw-Plätzen. Der Bund stellt seit Jahren viel Geld für den Ausbau der Rastanlagen zur Verfügung. 2016 wurden für Parkflächen an Autobahnen 12,4 Millionen Euro ausgegeben. 2017 stehen 13,4 Millionen Euro zur Verfügung.
Auf Grundlage einer Erhebung durch den Bund von 2008 wurde ein Bedarf von 9000 Lkw-Parkplätzen für das Jahr 2025 in Baden-Württemberg prognostiziert. 6540 Parkplätze an Autobahnen gab es Anfang 2017 in Baden-Württemberg. Im letzten Jahr wurden 130 Lkw-Parkplätze neu gebaut oder erweitert. Unser Online-Redakteur David Hilzendegen hat mit einem Datensatz des Landesverkehrsministeriums diese interaktive Grafik erstellt, mit der die Lkw-Parkplätze an Autobahnen in der Region anzeigt werden können.
Kommentar: Keine echte Wahl
Von Christian Gleichauf

Was ist wohl besser: Ein Lkw-Fahrer, der einschläft, oder ein Lkw, der am falschen Fleck parkt? Zugegeben, die Auswahl ist nicht vollständig. Denn natürlich gibt es auch die Möglichkeit, dass der Lkw-Fahrer nicht einschläft, weil er sich rechtzeitig einen passenden Parkplatz zum Ausruhen oder Schlafen gesucht hat. So sollte es auch sein.
Dass sich Lkw-Fahrer nicht für diese Variante entscheiden, liegt mitunter am Zeit- und Kostendruck, der ihnen wenig Spielraum lässt. Es wird so lange wie möglich gefahren. Und wenn ein Fahrer dann die fünfte Rastanlage passiert hat, die ihm keinen Platz mehr bietet, dann wird die Zeit knapp. Zwischen zwei Risiken kann er dann wählen: Hier die Verwarnung fürs Falschparken, die oft gar nichts kostet, weil die Polizei Wichtigeres zu tun hat. Dort eine Lenkzeitüberschreitung, die den Fahrer Hunderte oder Tausende Euro kosten kann, und die auch noch viele Tage nach dem Verstoß über die digitalen Fahrtenschreiber nachweisbar ist. Die Entscheidung dürfte nicht schwer fallen.
Damit wird deutlich, dass auch häufigere Polizeikontrollen am Grundproblem kaum etwas ändern können. Kurzfristig geht es also vor allem darum, klare Tabuzonen zu definieren: Seitenstreifen vor und nach Ab- und Auffahrten etwa dürfen nie und nimmer für Ruhezeiten genutzt werden. Und auch mitten in einer Baustelle ist ein Nickerchen kein Kavaliersdelikt. Hier ist der Gesetzgeber gefragt. Denn für solche Verstöße wären Bußgelder von mehreren Hundert Euro angebracht, nicht von 70 oder 85. Dass mancher Brummifahrer im Stau dann weiterhin rechts ranfährt, lässt sich vorerst wohl ohnehin nicht vermeiden.
Stimme.de
Kommentare
Peter Henschel am 09.10.2017 19:17 Uhr
Das ist schlussendlich das Ergebnis von Verlageung in Billiglohnländer und
gleichzeiiger Verlagerung des Lagers auf die Straße. Da zum Thema Gewinne
privatisieren. Verluste sozialisieren!
Sylvia Beckmann am 09.10.2017 13:22 Uhr
Wenn man mit dem PKW unterwegs ist und müde wird, hilft nur eine Rast auf dem nächsten Parkplatz. Inzwischen ist es regelmäßig so, dass man besonders nachts auf Autobahnrastplätzen keinen PKW-Stellplatz mehr bekommt, weil alles mit LKW zugestellt ist. So hat man gar keine andere Wahl, als übermüdet wieder weiterzufahren. Dadurch kommt es zu lebensgefährlichen Situationen.
Wir brauchen:
Mehr Rastplätze für LKW und PKW
Höhenbegrenzungen für die Zufahrt zu PKW-Stellplätzen auf Autobahnen
Konsequente Verfolgung von Falschparkern auf Autobahnen
Es kann doch nicht sein, dass man gleich ein Verwarnungsgeld bekommt, wenn der Parkschein in der Stadt fünf Minuten überschritten wird, aber das lebensgefährliche Falschparken von LKW aufgrund der zahlenmäßigen Überlegenheit der LKW-Fahrern hingenommen wird.