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Öhringen

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Sandy Göring aus Öhringen war nach einem Autounfall eigentlich schon tot.

Von Adrian Hoffmann
Sandy Göring schaut sich wehmütig ein Foto an aus der Zeit vor ihrem Autounfall.
Sandy Göring schaut sich wehmütig ein Foto an aus der Zeit vor ihrem Autounfall.  Foto: Seidel, Ralf

Die Ärzte hatten ihre Mutter bereits gefragt, ob sie einer Organspende zustimmen würde. Ihre Mutter wusste keine Antwort.

Sandy Göring aus Öhringen gelangte irgendwie zurück ins Leben. Heute, zwei Jahre nach ihrem Autounfall, kann sie wieder stehen, etwas laufen, sich selbst anziehen. Alles mit Einschränkungen, aber immerhin.

Sandy Göring ist ein positiver Mensch. Trotzdem benennt sie die Dinge, wie sie sind. "Ich bin behindert", sagt sie und lächelt dazu. "Und auch wenn sich das blöd anhört, aber ich möchte einfach wieder normal sein." Normal. Eigentlich hört sich doch das Wort "normal" blöd an. So sein wie früher? Trifft es auch nicht. Sandy Göring möchte wieder ein Leben führen, ohne "auf andere angewiesen" zu sein, "keine Last sein". Das trifft es. Mit 24 Jahren ist das auch ein ganz angemessener Wunsch.

Stolz auf Freunde

Das Leben der jungen Frau änderte sich an jenem Spätsommerabend am 25. September 2017 von einer Sekunde auf die nächste. Alles anders. Sie war die Beifahrerin. Saß in einem Audi TT neben ihrem damaligen Freund. Zwischen Mundelsheim und Pleidelsheim. Ein Auffahr-Unfall. Vier Autos fuhren ineinander. Einige leicht Verletzte. Eine schwer Verletzte. Sandy Göring. Schwerste Schädel-Hirn-Verletzungen. Mit dem Hubschrauber in die Spezialklinik.

Die damals 22-Jährige lag mehrere Wochen auf der Intensivstation. Alle Freunde kamen, "klatschten sich ab", wie Sandy Göring aus Erzählungen weiß. "Ich bin so froh, solche Freunde zu haben", sagt sie. "Kein einziger hat sich abgewendet. Das ist wundervoll."

Irgendwie schafft Sandy Göring es, ihren Blick nach vorne zu richten. Und ihren Wehmut sein zu lassen oder ihn eben manchmal zuzulassen, aber ohne Wut, eher in Trauer. "Manchmal, wenn ich Fotos von früher anschaue, dann werde ich traurig", sagt sie. Alle paar Monate muss sie in die Klinik. Lockere Schrauben nachziehen lassen in der Stahlplatte, die sie am Kopf hat. Sandy Göring lacht auf. Ist das lustig? Irgendwie schon, wenn Zeit vergangen ist. Und man wieder weiß, was Humor ist.

Sie hatte Jura studiert, in Regensburg, dort in einer WG gelebt. Mit dem Jura-Studium ist es nun erstmal nichts mehr, doch eine Fortsetzung des Studiums ist ihr großer Traum.

Kraft im Körper

 Foto: Seidel, Ralf

Das,was die junge Frau hinter sich hat, ist für Außenstehende schwer zu greifen. Als sie aus dem Koma aufgewacht ist, war sie fast blind. Von den Wochen in der Ludwigsburger Klinik weiß sie kaum noch etwas, ihre Erinnerung beginnt erst im Krankenhaus in Neresheim auf der Ostalb, wo sie zur Frührehabilitation war. In der eigentlichen Reha dann, in Gailingen am Bodensee, fasste Sandy Göring neuen Lebensmut. Es ging noch etwas, Stück für Stück gab ihr der Körper neue Hoffnung. Es war Kraft ihn ihm.

Und dann Frust über Bürokratie. Die Rentenversicherung bezeichnet es als unrealistisch, dass Sandy Göring später einmal einem Beruf nachgehen kann. Das ist hart für eine Betroffene. Soviel Misstrauen. Wie oft in solchen Fällen, ist Sandy Göring überzeugt, geht es um Geld. Eine mehrwöchige Kinderrehabilitation, die ihre Mutter für sie beantragt hatte, wurde von der Rentenversicherung zunächst verweigert. Die Krankenkasse legte Widerspruch ein. Jetzt wird nach Angaben der Pressestelle der Rentenversicherung ein neurologisches Fachgutachten erstellt und auf der Basis dessen dann entschieden.

Nach fachlicher Einschätzung sind die Dinge allerdings schon lange offensichtlich. Ärzte hatten Sandy Göring bereits bei der Entlassung aus der Reha empfohlen, zu einem späteren Zeitpunkt eine Anschluss-Reha zu besuchen. Dies ist auch schriftlich dokumentiert. "Ich finde es einfach nicht fair, mir die Chance zu verwehren, wieder ein Leben zu führen", sagt Sandy Göring. "Deshalb dachte ich auch, ich muss aktiv werden und meine Geschichte erzählen." Ein paar Tage nach dem Interview berichtet Sandy Göring, sie solle jetzt wohl offenbar doch noch untersucht werden.

In der Küche sitzen schon einige Handgriffe. Sandy Göring ist glücklich, wieder für sich alleine kochen zu können − ohne Hilfe von Dritten.
In der Küche sitzen schon einige Handgriffe. Sandy Göring ist glücklich, wieder für sich alleine kochen zu können − ohne Hilfe von Dritten.  Foto: Seidel, Ralf

Sandy Görings Hüfte ist noch recht steif. Kochen kann sie wieder. Toilette und Bad sind seit einiger Zeit behindertengerecht. Hilfe braucht sie nach wie vor beim Schnürsenkel binden. "Klettverschluss-Schuhe ziehe ich nicht an", sagt sie, mit Protest in der Stimme. Ihr unteres Sehfeld hat sie fast komplett verloren, nur geradeaus oder nach oben kann sie schauen.

Sehnsucht nach eigenem Leben

Die junge Frau hatte damals beim Unfall einen Schutzengel, mit dem sie bis heute keinen wirklichen Kontakt aufgenommen hatte. Eine Ersthelferin, die beruflich Sanitäterin ist, aber privat unterwegs war, rettete ihr damals das Leben. "Ich wollte sie schon lange Mal treffen", sagt Sandy Göring. "Vielleicht mache ich das jetzt."

Sandy Göring versucht immer wieder auf erstaunliche Weise, das Geschehen positiv zu sehen. Es ist passiert. Das ist ihre Realität. Die echte Aufarbeitung beginnt für sie erst. "Ich stelle ganz viele Fragen", sagt sie. Und sie möchte bald wieder das tun, was sie als Beifahrerin das alte Leben kostete. Auto fahren. Selbst hinterm Steuer sitzen. Raus bei Mama. Eigenes Leben. So ähnlich, aber nicht mehr ganz so, wie einst geplant.

 
 
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