Katar, die Weltmeisterschaft und ich: Wie steht's um das WM-Fieber der Menschen in der Region?
Fußballfieber oder Boykott? So bereiten sich Menschen aus der Region auf das sportliche Großereignis vor - so sie es denn tun.

Jose Monteiro, 55 Jahre, Portugal

José Monteiro freut sich auf die WM. „Sehr schön“, findet der Eppinger Portugiese, dass die jetzt in Katar startet. Und das nicht nur, weil der Event ihm immer ein bisschen mehr Umsatz bringt. Der 55-Jährige betreibt das nach seinem Heimatort benannte Bistro Café Trofa in der Brettener Straße. Monteiro findet es auch gut und interessant, dass auch Länder außerhalb Europas mal live was von der Weltmeisterschaft mitbekommen.
Seiner Nationalmannschaft drücke er zwar die Daumen, doch dass die es hundertprozentig bis ganz nach oben schaffen, das glaube er nicht. Doch die ersten drei Spiele seien die Portugiesen auf jeden Fall dabei, zeigt er sich vorsichtig zuversichtlich. Und gleichzeitig etwas enttäuscht von den Spielern, die sich erst dann richtig anstrengen würden, wenn es knapp wird – schon bei der Qualifikation. Er denkt manchmal, die spielten nur ums Geld, nicht ums Trikot.
Cintia Michelbach, 42 Jahre, Argentinien

Cintia Michelbach fiebert der Fußball-Weltmeisterschaft schon entgegen. Vielleicht nicht ganz so sehr wie ihre Familie in Argentinien. „Meine Schwester, ihre Freundinnen und meine Familie freuen sich schon ganz arg und haben sich die argentinischen Trikots gekauft mit Namen und Gruppennamen“, berichtet sie und zeigt ein Foto ihrer Schwester im blau-weiß-gestreiften Dress mit dem Aufdruck „Vamos Argentinia!!!“
Sie selbst wird sich hier mit ihrer Freundin treffen, die aus Mexiko stammt. Denn beide Heimatländer spielen an diesem Tag gegeneinander. „Das haben wir schon organisiert“, berichtet die Waldenburgerin. Sie wird Empanadas kochen. Ihre Familie liebe das. Sie hofft, dass Argentinien ins Finale kommt. Für Messi sei es vielleicht die letzte Möglichkeit in diesem Leben, Weltmeister zu werden. „Und wir Argentinier brauchen etwas Schönes zu feiern.“
Ivan Galovic, 48 Jahre, Kroatien

„Die schaffen das!“ Wenn es nach Ivan Galovic geht, dann wird Kroatien Weltmeister. „Zumindest ist das mein Wunsch“, sagt der 48-Jährige, der sich noch gut an die letzte Weltmeisterschaft 2018 erinnert, als sich Kroatien den Vizetitel holte. „Das war unglaublich und eine große Sache.“ Sein Sohn hat sich für die Fußballspiele sogar einen Teil seiner Haare im Stil des rot-weiß-karierten Landeswappen färben lassen. Die ganze Familie ist im Fußballfieber, schwärmt Ivan Galovic.
Mit seiner Frau Marijana und den beiden Kindern Katarina (15) und Mateo (11) schaut der Nordheimer Kroate regelmäßig Spiele. Auch Dauerkarten für die TSG Hoffenheim haben sie, um den kroatischen Fußballspieler Andrej Kramaric anzufeuern, erzählt der 48-Jährige. Was bei keinem Spiel fehlen darf: Trikots, Fahnen, Schals und Gesichtsbemalung in den Farben der Nationalflagge. „Das ist ein Muss.“
Marcel Kubis, 28 Jahre, Polen

Normalerweise würde sich auch bei Marcel Kubis jetzt allmählich das WM-Fieber bemerkbar machen. Denn wenn die polnische Nationalmannschaft antritt, fiebert er gerne mit Freunden und Familie zu Hause oder beim Public Viewing mit. Dieses Mal aber nicht: „Das Turnier habe ich ehrlich gesagt gar nicht auf dem Schirm“, sagt Kubis, der in seiner Freizeit für den TSV Untergruppenbach als Schiedsrichter Spiele leitet.
Er will zwar verfolgen, wie sich die Elf um Robert Lewandowski schlägt, „anschauen werde ich mir die WM aber nicht“. Grund dafür seien die Umstände, unter denen das Turnier stattfindet. In der Familie habe man das Thema intensiv diskutiert. „Mein Bruder ist noch etwas zwiegespalten, aber meine Entscheidung steht“, bekräftigt der 28-Jährige. „Auch wenn’s gut läuft, dieses Mal vielleicht sogar die Gruppenphase überstehen könnten“, schiebt er nach.
Nico Weinmann, 49 Jahre, Deutschamerikaner

Die Vorfreude hält sich in Grenzen, vor allem wegen der Jahreszeit. Mit der WM verbinde ich sonst halt auch Grillabende mit Freunden. Dennoch werde ich als leidenschaftlicher Fußballer, der von klein auf aktiv gespielt hat, möglichst viele Spiele anschauen. Ich bin überzeugt, das US-Team wird überraschend gut aufspielen, zumal es in eine machbare und spannenden Gruppe gelost wurde: England, Wales, Iran.
Viele meinen, das sei keine Fußball-Nation, aber vor allem in den Schulen wird das Thema groß vorangetrieben. Mit 18 Millionen kicken dort mehr Jugendliche und Kinder als in allen anderen Ländern der Welt. Auch im Blick auf die WM 2026, wo man mit Mexiko und Kanada Gastgeber ist, tut sich da viel. Klar drücke ich zunächst Deutschland die Daumen, aber mit meiner zweiten Herzkammer bin ich für die USA. Ich gehe davon aus, dass wir uns im Finale wiedersehen.
Caroline Delaroue, 54 Jahre, Frankreich

Sowohl Schwarz-Rot-Gold als auch die Tricolore hatten ihre Töchter als Fan-Schminke zu den vergangenen Weltmeisterschaften aufgetragen, berichtet Caroline Delaroue, die damals sehr gerne mit der Familie beim Public Viewing war. Die 54-jährige Öhringerin genoss die Atmosphäre und die „gute Laune“ der Deutschen, sie freute sich mit – feierte Siege der Nationalelf und der Équipe gleichermaßen. Das sei heute alles anders.
„Natürlich boykottiere ich die WM“, sagt Delaroue. „Wie Katar mit Homosexuellen umgeht, ist unerträglich und auch die Lage der Frauenrechte ist schrecklich – als Frau kann ich das nicht unterstützen“. Auch gehe es nur noch ums Geld. Ob sie auf einen Wandel hoffe? Delaroue ist skeptisch und sagt, das Fußballgeschäft und die Fifa müssten sich stark verändern. Auch die Verwandtschaft in Südfrankreich boykottiere mehrheitlich die WM dieses Jahr, sagt Delaroue.
Nick Rizzo, 28 Jahre, USA

Eigentlich schaut Nick Rizzo gerne Sport. Auch die Fußball-WM verfolgt er normalerweise zumindest sporadisch mit. Aber in diesem Jahr boykottiert er die Weltmeisterschaft. Die Vergabe an Katar trotz schlechter Bewerbung und Voraussetzungen, die Menschenrechtssituation, die vielen Arbeiter, die beim Bau der Stadien ums Leben gekommen sind – all das „möchte ich nicht unterstützen“, sagt er.
Allgemein werde der Fußball als Sportart in den USA aber immer beliebter. „Als die Frauen die WM 2019 gewonnen haben, gab es zum Beispiel schon große Fußball-Stimmung im Land.“ Vor drei Jahren ist Rizzo aus dem Staat New York nach Heilbronn gezogen. So viele kritische Berichte über die WM in Katar wie in Deutschland gebe es in seinem Heimatland nicht. „Das liegt aber natürlich auch daran, dass das Interesse an Fußball hier in Deutschland nach wie vor um einiges größer ist.“
Isabelle Lock, 29 Jahre, Brasilien

Brasilien wird auf jeden Fall Weltmeister werden, daran glaubt Isabelle Lock ganz fest. „Wir wünschen uns das sehr. Dann würde Brasilien zum sechsten Mal den Titel holen“, sagt die Brasilianerin. Die 1:7-Niederlage gegen Deutschland bei der Weltmeisterschaft 2014 hat sich bei ihr eingebrannt. „Das war wie eine Achterbahnfahrt“, sagt Lock lachend. Und so wird sie die WM in Katar mit ihrem Mann Sebastian, einem begeisterten Fußballfan, definitiv ansehen.
Der Fußball hat in ihrem Heimatland Brasilien eben Tradition – ein Lebensgefühl, das Lock an ihre Kinder weitergeben möchte. Dass die diesjährige WM in diesem Jahr besonders heftig umstritten ist, kann Isabelle Lock nachvollziehen. Schauen wird sie die Spiele dennoch. Die WM findet nun einmal statt, daran ändere auch ein Boykott wenig. „Es ist nicht zu ändern“, sagt die 29-Jährige.
Sandra Beronja, 47 Jahre, Serbien

„Die Fußball-WM ist in Serbien gerade das wichtigste Thema“, weiß Sandra Beronja, die seit fünf Jahren in Deutschland lebt. Die Dozentin der VHS Heilbronn weiß, dass das ganze Land sehr euphorisch ist und sich auf die Weltmeisterschaft freut. „Wir sind sehr optimistisch, denn wir haben eine sehr gute, junge Mannschaft und einen tollen Trainer.“ Der Trainer habe eine positive Energie, die sich auf die Spieler und das Land übertrage.
Auch wenn Serbien die ersten Spiele gegen starke Gegner wie Brasilien, Kamerun und die Schweiz bestreiten muss, ist Beronja zuversichtlich. „Das ist zwar ein explosiver Start, aber wir alle glauben, dass wir es ins Achtelfinale schaffen können“, erklärt die 47-Jährige. Sandra Beronja wird die Spiele der serbischen Mannschaft mit ihrer Familie, Freunden und Bekannten verfolgen. „So können wir danach direkt zusammen feiern.“
Kommentare öffnen
Stimme.de
Kommentare