Jetzt mal ganz langsam: Mit Interrail nach Griechenland

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Flugreisende schaffen es in unter drei Stunden nach Griechenland. Es geht auch mit der Bahn, dauert halt ein paar Tage. Wie man bei einem Interrail-Trip die Langsamkeit entdeckt, beschreibt Stimme-Redakteur Alexander Hettich in seinem Reisebericht.

Von Alexander Hettich

 

Ein Flug nach Griechenland dauert weniger als drei Stunden. Man kann die Strecke an die Strände der Chalkidiki aber auch in fünf Tagen per Bahn zurücklegen, das Interrail-Ticket im Gepäck. Die Fakten klingen zum Fürchten: Annähernd 50 Stunden beträgt die Fahrtzeit über 2000 Kilometer. Warum man sich das antun sollte, zumal mit Kindern? Es wartet ein Reiseerlebnis, das sicherlich nicht wie im Flug vergessen sein wird.

Der Hellas-Express hat ausgedient

"Heiße, überfüllte Zugabteile, verstopfte Gänge und Sanitäranlagen": So beschreibt der ansonsten wenig zimperliche Autor Eberhard Fohrer in seiner Interrail-Bibel von 1990 eine Fahrt mit dem Hellas-Express. Fast 30 Jahre lang fuhr unter diesem Namen ein Direktzug von Dortmund über Stuttgart nach Athen. Der Hellas-Express, bevorzugtes Transportmittel von Gastarbeitern auf Heimaturlaub und Rucksackreisenden auf Entdeckungstour, ist längst Geschichte. Interrail gibt es noch, jenes Ticket, das für Generationen von Jugendlichen Eintrittskarte für Europa war. Interrail ist heute ein A-la-Carte-Angebot ohne Altersgrenze, zu haben für ausgewählte oder fast alle Länder Europas, für Bahnfahrten zwischen Lissabon und der syrischen Grenze, dem Nordkap und Marokko.

Nach Hellas ohne Express also: So lautet das Projekt. Mit der ganzen Familie, mit zwei Kindern, fünf und zehn Jahre alt, die vorletzten Sommer ihre Liebe zu Nachtzügen entdeckt haben. Die Route auszutüfteln, bedarf etwas Vorbereitung und Auseinandersetzung mit dem Interrail-Reservierungsportal. Die Strecke folgt in weiten Teilen jener des ersten Orient-Express über München, Budapest, Bukarest und Sofia.

Ein Hauch von Orient-Express

Kyrillisches Kursbuch: Von Sofia nach Kulata fährt der bulgarische Zug. Die kurze Passage über die griechische Grenze wird mit Bussen überbrückt.
Kyrillisches Kursbuch: Von Sofia nach Kulata fährt der bulgarische Zug. Die kurze Passage über die griechische Grenze wird mit Bussen überbrückt.  Foto: Hettich, Alexander

Budapest Keleti. Der Westbahnhof der ungarischen Hauptstadt ist eine dieser Kathedralen des goldenen Eisenbahnzeitalters. Ein Neorenaissance-Palast für Züge. Hier rollt am Morgen der Liegewagen aus München ein, hier startet am Abend nach einem entspannten Besichtigungstag der Nachtzug nach Bukarest. Spätestens jetzt kommt ein wenig Orient-Express-Romantik auf. Der Schlafwagen der rumänischen Bahn kommt mit großzügigen Doppelabteilen daher, eine eigene Dusche komplettiert das rollende Hotelzimmer.

Tack-tack, tack-tack. Das monotone Geräusch der Bahn ist ideal, um wegzuschlummern oder um ein Buch zu lesen, während draußen die Landschaft vorbeifliegt. "Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier wäre eine Empfehlung oder "Grand Tour", Steffen Kopetzkys grandioses Epos über einen Schlafwagenschaffner.

Nostalgie ist es aber nicht, die den totgeglaubten Nachtzügen in Europa zu einer kleinen Renaissance verhilft. Während die DB das angeblich unrentable Geschäft 2016 aufgegeben und das Feld der österreichischen ÖBB überlassen hat, denkt etwa die Schweiz über neue Nachtverbindungen nach. Die Klimadebatte tut ihr Übriges. Fernreisen per Bahn gelten als ökologische Alternative zum Flugzeug. Im Europawahlkampf wurde ein Verbot von Kurzstreckenflügen unter einer Distanz von 1000 Kilometern diskutiert. Reisen im Takt der Bahn ist auch ein Stück Wiederentdeckung der Langsamkeit, schafft ein Gefühl für Entfernung. Und die ist groß bis nach Hellas, auch wenn man es bis Bukarest geschafft hat - auf die Minute pünktlich übrigens. Zeit für eine Hotelübernachtung. Weiter geht es erst am nächsten Tag. Je weiter man in Europa nach Südosten kommt, desto mehr verliert die Bahn an Bedeutung.

Bahn-Misere auf dem Balkan

Fernbusse sind auf dem Balkan das Verkehrsmittel der Wahl, die Verbindungen sind günstig und eng getaktet. Bukarests Gara de Nord wirkt überdimensioniert für die überschaubare Zahl der Reisenden. Am Gleis 1 wartet Schnellzug 461, der für knapp 400 Kilometer fast zehn Stunden benötigt. Ein Waggon, ein weiterer, der nach der Grenze abgehängt wird und Richtung Istanbul fährt.

Die Klimaanlage besteht aus leeren Plastikflaschen, die in die offenen Fenster geklemmt werden. Aber die Abteile sind gemütlich, leer und zahlreich. Für die Kinder gibt es so ein separates Spiele-, ein Schlaf- und ein Videozimmer. An der Grenze bei Giurgiu hält der Zug lange an, bevor es über die längste Stahlbrücke Europas über die Donau nach Bulgarien geht. Das hier ist die EU, aber nicht der Schengen-Raum. Kontrollen gehören dazu. Die wenigen Mitreisenden nehmen es gelassen. Der orthodoxe Priester im Nachbarabteil spielt mit seinem Handy und rückt die Kappe seiner schwarzen Tracht zurecht. In der bulgarischen Hauptstadt steigt auch er aus.

Wolfsgeheul an der Grenze

Lange Zeit gab es überhaupt keine internationalen Bahnverbindungen nach Griechenland. Was nächstes Jahr sein wird, ist schwer vorherzusagen. Mal fährt im Sommer ein Nachtzug von Belgrad in Serbien nach Thessaloniki, mal nicht. Die Verbindung von Sofia in die zweitgrößte griechische Stadt ist einigermaßen verlässlich, aber an der Grenze bis auf Weiteres unterbrochen. Mit einem Bus der griechischen Eisenbahngesellschaft Trainose geht es vom bulgarischen Grenzkaff Kulata knapp 20 Kilometer nach Griechenland hinein. Strimon heißt die Station, einen Ort dazu gibt es nicht. So muss ein Bahnhof im Wilden Westen aussehen, die Sonne geht hinter den Bergen unter, streunende Hunde kommen immer näher. Sie erschnuppern den Proviant im Rucksack. Die Kinder lesen Lucky Luke.

Ein Zug wird kommen. Oder auch nicht. "Michaniká", sagt der uniformierte Bahnhofsvorsteher und zieht sich in sein Büro zurück. Irgendetwas Mechanisches ist offenbar kaputt. Der Zug nach Thessaloniki hat Verspätung. Wie viel? Drei Stunden. Zum ersten Mal geht auf dieser Reise etwas schief. Die Bahn in Griechenland hat einen schlechten Ruf. Aber auch hier gibt es eine Gegenbewegung. Stillgelegte Strecken, etwa auf der Peloponnes, sollen reaktiviert werden. Am Geisterbahnhof von Strimon nähern sich irgendwann doch noch Scheinwerfer aus der Nacht. Die Straßenhunde, die stundenlang wie Wölfe geheult haben, stieben auseinander. Der Bahnhofsvorsteher nimmt Haltung an, setzt seine rote Mütze auf und schreitet dem Grüppchen Reisender voran über zerfallene Bahnsteige zum Express nach Thessaloniki - vorläufiger Zielbahnhof, Tor zu den Stränden der Halbinsel Chalkidiki und zum Badeurlaub.

Das nächste Rendezvous mit der Bahn steht erst eine Woche später an. Im Zug, diesmal wirklich ein schneller, von Thessaloniki nach Athen gibt es sogar ein Spieleabteil für Kinder. Die Heimreise führt später über den Hafen Patras mit der Fähre über die Adria nach Venedig, auch hier gibt es mit Interrail vergünstigte Tickets. Das Schiff fährt zwei Nächte und einen Tag bis in die Lagunenstadt, wo der Zug nach München wartet. Die Kinder erinnern sich begeistert an das Meer, den Pool - und dann gleich an die Nachtzüge. Fernreisen mit der Bahn mögen langsam sein, langweilig aber niemals.

 
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