Insider berichten von toxischer Arbeitsatmosphäre an einer Fakultät der Hochschule Heilbronn
Lehrkräfte, die sich bedrohen und persönlich attackieren. Beschwerden, die unbeantwortet bleiben. An der Fakultät International Business der Hochschule Heilbronn herrscht seit Jahren eine Art "Bürgerkrieg", wie Insider unserer Redaktion berichten. Der Rektor der HHN spricht von einer "lauten Minderheit".
Verfeindete Professoren, Drohungen, persönliche Attacken - an der Fakultät International Business (IB) der Hochschule Heilbronn (HHN) ist die Atmosphäre unter den Lehrkräften schlecht. Schon seit Jahren sei das so, berichten Insider der Heilbronner Stimme. Einer spricht sogar von einer Art "Bürgerkrieg" zwischen zwei Lagern von Lehrkräften.
Der Rektor, Professor Oliver Lenzen, weiß von Problemen an der IB-Fakultät. Er nennt sie "lokale Irritationen". Den Grund dafür sieht er aber eher bei persönlichen und mentalen Problemen seiner Mitarbeiter und verweist auf Beratungsangebote. Ein aktiveres Einschreiten von oben hält er nicht für nötig.
"Klima der Einschüchterung und Repression"
Eines der heftigsten Beispiele für die Lage in der IB-Fakultät nennt ein Insider: Während einer Sitzung im Sommer 2021 habe ein Professor gesagt, dass sich "die Kollegen Heckler und Koch" um Lehrkräfte kümmern sollten, die zu einem bestimmten Sachverhalt Kritik äußern. Das ist ein bekannter Waffenhersteller.
Ein Betroffener schaltet einen Anwalt ein, der dem Professor ein Schreiben schickt. Darin steht, man gehe davon aus, dass "ein Klima der Einschüchterung und Repression in Bezug auf Kritik an den Praktiken und Vorgängen" geschaffen werden sollte. Nach einer Ansprache durch die Polizei lassen alle Seiten das Thema ruhen.
E-Mail löst verzweifelte Reaktion aus
In einem anderen Fall liegt der Heilbronner Stimme ein E-Mail-Verkehr vor. In der ersten Nachricht geht es um eine Doktorandin, die selbst nicht in dem Verteiler steht. In der E-Mail wird ihr vorgeworfen, Bücher gestohlen zu haben und wegen ihrer Kindheit und dem "gewalttätigen Vater" ständig Wutanfälle zu bekommen.
Unabhängig davon, ob diese Vorwürfe stimmen oder nicht: Die Nachricht geht an mehrere Personen, unter anderem den damaligen Dekan, ohne das Wissen der Betroffenen. Als diese davon erfährt, äußert sie sich in einer Nachricht an Kollegen verzweifelt. "Ich brauche Hilfe", steht darin. "Das kann man doch nur Diffamierung nennen", sagt ein Beobachter.
Bei einer Fakultätsratssitzung Anfang 2020 gibt es persönliche Attacken
Eine Fakultätsratssitzung Anfang 2020 muss zwischendurch sogar unterbrochen werden, weil die Lehrkräfte sich heftig verbal attackieren. Auch von Vetternwirtschaft und "undemokratischen Praktiken und Vorgängen" berichten die Informanten. Viel Hoffnung hatten sie auf eine junge Dekanin gesetzt, die Transparenz schaffen und "mit diesen Missständen aufräumen" wollte.
Die Dekanin, Professor Lauren Ugur, sagt in der oben erwähnten Fakultätsratssitzung laut Protokoll, das unserer Zeitung vorliegt: "Es wird derzeit viel übereinander anstatt miteinander geredet. Diese Kultur führt jüngst zu Unterstellungen, womöglich übler Nachrede und Verleumdung und letztlich einer Störung des Betriebsfriedens. Vorwürfe wegen vermeintlicher Drohungen und Mobbing stehen im Raum." Im Frühjahr 2021 tritt Ugur zurück.
Einige Monate vor ihrem Rücktritt schreibt Ugur eine E-Mail an den Rektor, die der Heilbronner Stimme zugespielt wurde. Darin äußert sie sich verwundert darüber, wie nachdrücklich ihr ein freiwilliger Rücktritt ans Herz gelegt worden sei, vom Rektor sowie vom Kanzler der HHN, Christoph Schwerdtfeger. Insider sprechen von erheblichem Druck, dem die Dekanin ausgesetzt gewesen sei. Der Rektor möchte sich zu dem Fall gegenüber der Heilbronner Stimme nicht äußern und verweist auf den freiwilligen Rücktritt der Dekanin.
Beschwerdeverfahren funktionieren laut Rektor gut
Unsere Zeitung spricht den Rektor im persönlichen Gespräch auf die allgemeinen Unstimmigkeiten und die angespannte Atmosphäre an. Lenzen sagt, es handele sich um eine "sehr laute Minderheit". Genau könne er nicht sagen, welche Probleme diese Minderheit habe, denn die Betroffenen würden sich nicht bei ihm melden - trotz in seinen Augen gut funktionierender formalisierter Beschwerdeverfahren.
Obwohl der Rektor angibt, nicht zu wissen, welche konkreten Probleme es gibt, gibt er Lehrkräften, die "mit ihrer Situation nicht klarkommen", den Tipp, die hochschulinterne psychologische Beratungsstelle aufzusuchen.
Die Betroffenen sagen, der Rektor wisse sehr wohl von konkreten Problemen. Protokolle aus Fakultätsratssitzungen würden immer auch an das Rektorat gesendet. Eine Beschwerde, die im Februar 2020 direkt an das Rektorat ging, sei bis heute unbeantwortet.
Keine Reaktion auf manche Beschwerden
Allgemein, berichten die Insider, verliefen Anfragen und Beschwerden oft im Nichts. Dass diese so häufig unbeantwortet bleiben, erklärt Lenzen so: Gespräche mit Betroffenen müssten in geschützter Atmosphäre stattfinden. "Der Rückweg ist damit verbaut", sagt der Rektor. Der Beschuldigende werde "wegen des Persönlichkeitsrechts des Beschuldigten" also nicht erfahren, wie das Problem angegangen und gelöst wurde. "Das kann für manche dann so aussehen, als würden wir nichts unternehmen, aber das stimmt nicht", sagt Lenzen.
Für die Betroffenen klingt das befremdlich. "Wir rufen in den Wald, aber es gibt kein Echo zurück", drückt es einer der Mitarbeiter aus. Es müsse doch zumindest eine Reaktion geben, dass ein Gespräch gesucht werde und welches Ergebnis es gebracht habe. "Selbstverständlich kann das Rektorat nicht alle Details aus dem Gespräch teilen. Aber in der Sache muss es doch irgendeine Rückmeldung oder einen Lösungsansatz geben."
Einen Lösungsansatz für die Gesamtsituation, eine Art "Friedensangebot", hat das kleinere der beiden verfeindeten Lager schon vorgeschlagen: Der Vorstand der IB-Fakultät könne sich doch aus beiden Seiten zusammensetzen. Dieser Vorschlag wurde nach Aussage eines Mitarbeiters vonseiten des Dekans abgelehnt.
Die beschriebenen Vorfälle ereigneten sich in der Fakultät International Business der Hochschule Heilbronn. Insgesamt gibt es an der Hochschule sieben Fakultäten. Die Hochschule Heilbronn ist eine von mehreren Hochschuleinrichtungen auf dem Heilbronner Bildungscampus - dort sind außerdem auch Einrichtungen wie die DHBW, die TUM oder das Center for Advanced Studies der DHBW ansässig.
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