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Im Alltag der Senioren finden sich kreative Mutmacher

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Senioren tanzen, schunkeln und trinken Sekt: Wie ein Böckinger Pflegeheim aus der Corona-Not eine Tugend macht.

von Helmut Buchholz

Das sind gerade ziemlich harte Zeiten für Ältere, vor allem in Pflegeheimen. Es herrscht striktes Besuchsverbot, außer dem Personal darf niemand mehr raus oder rein, keine Angehörigen mehr und auch keine Ehrenamtlichen. Quarantäne total, zum Schutz vor Ansteckung mit dem Corona-Virus.

Mitsingen vom Fenster aus

Doch deshalb muss der Alltag der Senioren nicht völlig in Tristesse und Einsamkeit versinken, dachten sich der clevere Heimleiter des Böckinger Hauses am See und der nicht minder knitze Musiktherapeut Axel Bayer. Letzterer kam auf die Idee, die wöchentliche Musikstunde, die normalerweise im Pflegezentrum stattfindet, in den Innenhof zu verlegen. So konnten die Bewohner an Balkonen und Fenstern in sicherem Abstand ohne Ansteckungsrisiko das Mitmachsingkonzert wie gewohnt genießen.

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Von Trübsal war keine Spur

Am Mittwochmittag war es dann so weit. Bei Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen standen fast alle 80 Senioren - Durchschnittsalter Mitte 80 - mit ihren Pflegekräften in ihrem improvisierten Amphitheater. Die Laune hätte gar nicht besser sein können. Viele hatten ein Glas alkoholfreien Sekt in der Hand, manche eine Rassel oder Tamburin, um Axel Bayer an der Gitarre zu unterstützen. Einige Inmobile lagen in ihren Stuhlbetten und waren ganz Ohr.

Atmosphäre wie bei einem Open-Air-Konzert

Der Musiktherapeut brauchte nicht lange, bis der Funke zum Publikum übersprang. Bayer sang zuerst "Alle Vögelein sind schon da", was prima zur Situation passte. Es folgten ewige Gassenhauer wie "Rote Lippen soll man küssen", "Marmor, Stein und Eisen bricht" und "Kein schöner Land". Schon beim dritten Lied begannen einige mitzuklatschen, zu schunkeln. Andere tanzten sogar. Das Ganze hatte irgendwie eine entspannte, gelöste Atmosphäre, fast wie bei einem Sommer-Open-Air-Konzert. Von Trübsal wegen Corona keine Spur.

Eine schlimme Situation für Angehörige

Die Auswirkungen der Virus-Krise nennt Heimleiter Michael Schneider "brutal schlimm". Durch das strikte Besuchsverbot dürfe zum Beispiel auch nicht mehr der Ehemann einer Bewohnerin ins Heim, der seiner Frau schon lange jeden Tag das Mittagessen gegeben hat. Auch die Tochter einer Bewohnerin, die täglich ihre Mutter besuchte, muss jetzt leider draußen bleiben. "Das ist traurig", sagt Schneider.

Nur wenige hatten kein Verständnis

Allen 80 Bewohnern seien die strikten Quarantäne-Maßnahmen erklärt worden. Bis auf eine Angehörige hätten alle die Notwendigkeit der drastischen Abschottung eingesehen. "Mal sehen, wie sich das in Zukunft entwickelt", denkt der Heimleiter etwas voraus.

Jetzt sind kreative Ideen gefragt

Allerdings findet er, dass jetzt genau der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um mit kreativen Ideen das Beste aus der Situation zu machen. Das Innenhofkonzert war nur der Anfang. Auch der wöchentliche Gottesdienst soll jetzt im Hof stattfinden. Das Haus am See will auch die Skype-Videotelefonie ausbauen, damit die Bewohner Kontakt zu ihren Angehörigen halten können. "Nicht immer nur schimpfen, einfach Taten sprechen lassen", lautet die Devise von Schneiders Team. Er will die kreative Musikstunde auch als Signal an andere Heime verstanden wissen: "Es gibt immer etwas, was man machen kann."

Aus der Coronakrise lernen

Michael Schneider sieht die Coronakrise sogar als Chance. "Die Menschen könnten daraus lernen, zum Beispiel Solidarität zu üben, oder wie wir in Zukunft mit Infektionskrankheiten umgehen können." Der Heimleiter findet, dass sich zurzeit herausstelle, dass viele Leute gescheiter seien als so mancher Politiker. "Weil die Bürger zeigen, wie man zusammenhält".

Was die Bewohner sagen

Bei den Bewohnern des Böckinger Hauses am See gibt es viel Verständnis für die strikte Corona-Quarantäne. "Das gehört in so einem Fall dazu", sagt er. Emma Eutinger vermisst in dem weitgehend abgeschotteten Heim nichts. "Mir ist auch nicht langweilig, zumindest bis jetzt." Sie findet die ganze Lage "nicht so schlimm". Elsa Brand nimmt die Ausnahmesituation recht gelassen hin. "Ich habe Verständnis dafür", sagt sie. "Langeweile habe ich nicht. Ich beschäftige mich mit mir selber." 


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