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Interview

"Ich stehe auf der Bühne und erzähle, wie geil es ist, Bäcker zu sein."

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Johannes Hirth hat zwei Leidenschaften. Er führt in Bad Friedrichshall einen Backbetrieb und lässt es beim Show-Backen vor Publikum krachen.

Von Heike Kinkopf
Er hält die Balance: Johannes Hirth aus Bad Friedrichshall-Kochendorf. Foto: Mario Berger
Er hält die Balance: Johannes Hirth aus Bad Friedrichshall-Kochendorf. Foto: Mario Berger

Aus der Backstube raus auf die Bühne: Johannes Hirth leitet in Bad Friedrichshall-Kochendorf ein Unternehmen, kümmert sich um Produktion, Mitarbeiter und neue Kreationen für den Verkauf. Damit nicht genug. Hirth und sein Branchenkollege Jörg Schmid rocken die Bühne. Als Wildbakers backen sie live vor Publikum in Deutschland und im Ausland; im SWR-Fernsehen bekommen sie demnächst eine eigene Sendung.

Hirth lotet immer wieder aufs Neue aus, wie weit er als Entertainer gehen kann, ohne das Geschäftliche aus dem Blick zu verlieren.

 

Wie seriös sind Sie, Herr Hirth?

Johannes Hirth: Das kommt stark auf die Situation an. Mittlerweile habe ich ein gutes Gefühl dafür entwickelt, wann es angebracht ist, seriös zu sein, und wann es gut ist, ein bisschen flapsig zu sein.

 

Was liegt Ihnen näher − das Lockere oder das Seriöse?

Hirth: Das Lockere und Menschennahe, das Lustige liegt mir. Dabei muss ich mich nicht verstellen. Es entspricht eher meinem Naturell. Es ist ein Hauptgrund dafür, dass meine Event-Backerei gut funktioniert.

 

Wann ist es angebracht, seriös zu sein?

Hirth: Bei geschäftlichen Terminen beispielsweise oder bei Fachvorträgen. Ich muss erkennen, ob ich vor mir Leute habe, denen es wichtig ist, dass ich ihnen reines Fachwissen vermittle. Oder sitzen da Menschen, die einen Spruch vertragen. In dieser Frage habe ich mich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Auch betriebsintern bin ich zielstrebiger und deutlicher in den Worten als ich es mit Mitte 20 war.

 

Weil Sie gemerkt haben, dass nur klare Ansprachen den Betrieb am Laufen halten?

Hirth: Meine Eltern pflegen einen lockeren Umgang mit dem Personal. Sie haben ein sehr enges Verhältnis zu ihren Mitarbeitern, was ich richtig finde. Wir sind ein Familienbetrieb. In manchen Situationen jedoch sind meine Eltern nicht streng genug. Daraus habe ich gelernt.

 

Sie sind also konsequenter?

Hirth: Ich sage meinen Mitarbeitern sehr deutlich, was ihre Aufgabenbereiche sind. Wenn jemand seine Arbeit nicht erledigt, sagen meine Eltern gern: "Ach, jetzt hat er das vergessen. Dann mache ich es geschwind selbst."

 

Wie nah sind Sie an Ihren Mitarbeitern?

Hirth: Ich versuche, gut zu meinen Mitarbeitern zu sein. Ich sehe, wenn es ihnen schlecht geht und nehme sie auch mal in den Arm. Wenn ich ihnen helfen kann, helfe ich. Es ändert nichts daran, dass ich, wenn notwendig, zeige: Ich − Chef, du − Mitarbeiter. Dass diese Bereiche zu stark ineinanderfließen, so wie es bei meinen Eltern war, versuche ich zu vermeiden.

 

Wie passt das zum Familienbetrieb?

Hirth: Man ist im Betrieb füreinander da, man springt für den anderen ein. Das werde ich beibehalten, so lange ich den Betrieb führe. Das Zwischenmenschliche trägt dazu bei, dass sich ein wirtschaftlicher Erfolg einstellt.

 

Wie das?

Hirth: Ein gut funktionierender Betrieb arbeitet erfolgreicher als einer, in dem die Beschäftigten gegeneinander arbeiten. Meine Mitarbeiter wissen: Wenn ich was sage, ist es die Ansage des Chefs. Kommt das nicht an, verschärfe ich den Ton.

 

Das Lustige liegt Ihnen näher. Üben Sie in der Chefrolle Selbstdisziplin?

Hirth: Definitiv ja. Ich bin freundlich und ungezwungen, wenn ich eine Anweisung gebe. Aber es kommt der Punkt, an dem ich sage: Spaß beiseite, wir sind eine Firma, ein Unternehmen. Wir leben nicht von Spaß und Freude, wir leben vom Umsatz. Wenn ich morgens in den Betrieb komme, habe ich eine Chefaufgabe zu erfüllen. Ich habe eine Vorbildfunktion und muss vorangehen.

 

Wie wichtig ist Ihnen Gemeinschaft?

Hirth: Ich bin gern unter Menschen, treffe mich mit Freunden und gehe auf Feste. Mittwochs spiele ich mit den alten Kumpels, die nicht mehr aktiv im Verein Fußball spielen, in Offenau. Wir kicken eineinhalb Stunden und trinken hinterher gemütlich ein Bier. Diesen Ausgleich brauche ich. Es tut mir gut, mit Menschen zusammen zu sein und eine Zeit lang alles andere zu vergessen. Manchmal bin ich aber auch froh, wenn ich abends nach Hause komme und mit meiner Freundin auf der Couch liege.

 

Sie sind gern mit Menschen zusammen. Kommt Ihnen das bei Auftritten vor Publikum, bei Moderationen, Fachvorträgen und Back-Shows entgegen?

Hirth: Ja, in einer geselligen Runde aus sich herauszugehen, das Wort zu führen, bringt mich rhetorisch und mental weiter für den Moment, in dem ich vor 30 oder hunderten Leuten stehe und reden muss.

 

Sie sind zusammen mit Jörg Schmid aus Gomaringen die Wildbakers. Wie liefen Ihre ersten Auftritte?

Hirth: Jörg und ich lernten uns auf der Meisterschule kennen. Es hat von Anfang an gut gepasst und uns kam die Idee, als Wildbakers öffentlich aufzutreten. Auf der Bühne spielen wir uns die Bälle zu. Wir machen Backen zur Unterhaltungsshow, so wie Köche im Fernsehen. Wir sprechen über ein Thema, das uns schon ein Leben lang begleitet: Backen. Ich stehe auf der Bühne und erzähle, wie geil es ist, Bäcker zu sein.

 

Was gefällt Ihnen am Backberuf?

Hirth: Du weißt, was du geleistet hast. Du machst die Menschen glücklich.

 

Im Ernst?

Hirth: Natürlich. Haben Sie schon jemals morgens jemanden in einer Bäckerei stehen sehen, der eine warme Brezel kriegt und unglücklich ist? Ich bin Handwerker. Ich habe schon so viele Menschen kennengelernt, die sagten, sie gehen morgens zur Arbeit, kommen abends heim und wissen eigentlich nicht, was sie den ganzen Tag gemacht haben.

 

Das passiert Ihnen nicht.

Hirth: Mein Anspruch ist es, eine Top-Qualität abzuliefern. Alleine schon das macht mir Spaß. Für mich ist das der schönste Beruf der Welt. Die Live-Auftritte bringen zusätzlich Abwechslung, ich sammle Erfahrungen, lerne neue Menschen kennen und entwickle mich weiter.

 

Wenn Sie sich zwischen dem Unternehmerdasein und den öffentlichen Auftritten entscheiden müssten, was würden Sie wählen?

Hirth: Es gibt Tage im Betrieb, da läuft es nicht rund. Die Selbstständigkeit bedeutet auch Druck. Wenn ich bei einer Abendveranstaltung war, kommt mir schon mal der Gedanke, nur noch Event-Bäcker zu sein. Am nächsten Morgen aber weiß ich, wo ich hingehöre. Es ist ein schmaler Grat zwischen der Selbstständigkeit des Bäckers und den Shows. Ich könnte mich jetzt nicht für eins von beiden entscheiden. Das liegt auch daran, dass ich mit diesem Betrieb in vierter Generation verwurzelt bin.

 

Aber auf die außerbetrieblichen Events möchten Sie nicht verzichten?

Hirth: Nein. Es ist die willkommene Abwechslung. Ich komme bei Events mit einem Produkt um die Ecke, das die Menschen begeistert. Vor Kurzem absolvierte ich beispielsweise in Würzburg eine Back-Show mit 30 geladenen Gästen. Sie sind darauf abgefahren − Wahnsinn. Am nächsten Morgen in der Backstube weiß ich: Was wir hier machen, ist der richtige Weg.

 

Was geben Ihnen die Auftritte?

Hirth: Ich würde wohl nicht mit der gleichen Begeisterung über meinen Beruf sprechen, wenn ich tagtäglich nur Bäcker und nur Unternehmer wäre und nicht rauskäme.

 

Wo stehen Sie und das Projekt Wildbakers in ein paar Jahren?

Hirth: Jörg und ich sind vor fast zehn Jahren gestartet mit dem Ziel einer eigenen Fernsehshow. Die bekommen wir jetzt beim SWR. Wenn das Format nicht beim Zuschauer ankommt, müssen wir uns fragen, ob wir weiterhin so viel Energie in das Projekt investieren. Sollten wir in den nächsten drei bis fünf Jahren viel mehr Erfolg haben, müsste ich mir überlegen, ob ich die Bäckerei so organisiere, dass sie ohne mich funktioniert.

 

Verbessern Sie mit den Shows das Image des Bäckerhandwerks?

Hirth: Bei meinen Auftritten, egal ob Firmen- oder öffentliche Publikumsveranstaltung, merke ich immer wieder, dass die Leute überkommene Vorstellungen vom Handwerk zunehmend über Bord werfen und Innovationen erfrischend und interessant finden. Die Offenheit gegenüber dem Bäckerhandwerk hat deutlich zugenommen.

 

Sind Sie mit einem Aufritt auch schon mal zu weit gegangen?

Hirth: Als Wildbakers loten wir Grenzen aus. Wir sind die, die provozieren. Kein gutes Gefühl hatten wir zum Beispiel bei der "Surfbread"-Geschichte. Dabei hatten wir ein Brot in Form eines Surfbords gebacken und jemand ist darauf im Münchener Eisbach gesurft. Auf das Video erhielten wir viele negative Reaktionen. Mit Essen spielt man nicht. Brot im Wasser zu versenken, ist ein heikles Thema. Das haben wir zu spüren bekommen.

 

Neue Interviewreihe

Was ist Glück? Wie funktioniert eine Beziehung? Fragen wie diesen geht die Stimme ab sofort jeden Montag nach und startet eine neue Interviewreihe. Sie nimmt Leser mit in die Gedankenwelt von bekannten und weniger bekannten Personen aus dem Verbreitungsgebiet und darüber hinaus.

Nah dran an den Menschen der Region – diesem Anspruch wird die Stimme auch mit dem neuen Interview-Format gerecht. „Die Heilbronner Stimme bietet stets Neues und Interessantes. Unsere Leser schätzen die hohe Qualität der Berichterstattung, sie suchen gut recherchierte Hintergrundberichte und exklusive Nachrichten“, sagt Chefredakteur Uwe Ralf Heer. „Darüber hinaus fragen sie nach Lesestoff, der überrascht und unterhält.“ Auch die jüngsten Befragungen zeigen immer wieder: Leser lieben Geschichten aus ihrer Umgebung. Menschen interessieren sich für Menschen: Wie tickt der andere? Ist er mir ähnlich? Denkt er wie ich?

Das Interview der Woche erscheint immer montags.

 

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