"Ich habe mich meiner ewigen Suche nach Durchblick hingegeben"
Professor Hendrik Scholl, der einst in Heilbronn Abitur gemacht hat, beschäftigt die Sehkraft seiner Patienten ebenso wie der eigene Drang nach Verständnis. Er forscht an einem Schweizer Institut daran, Menschen wieder sehen zu lassen.

Da, wo Hendrik Scholl arbeitet, hat der Satz "Wir sehen uns" für viele Menschen eine besondere Bedeutung. Scholl ist Augenarzt, Netzhautforscher und hat vor drei Jahren das Institut für Molekulare und Klinische Ophthalmologie Basel (IOB) mitgegründet.
Doch begeistert sich der in Heilbronn aufgewachsene Mediziner nicht nur für das Sehen im wörtlichen Sinn. In seinem Leben hat es ihn schon oft angestachelt, in einem neuen Thema, in einer neuen Fragestellung nicht den Durchblick zu haben - die Neugier hat ihn über Tübingen, London, Bonn und Baltimore nach Basel geführt. Was es ihm bedeutet, den Durchblick zu haben, schildert Hendrik Scholl im Gespräch.
Wann hat Ihnen zuletzt der Durchblick gefehlt, Herr Scholl?
Hendrik Scholl: Das kommt häufiger vor, als Sie vielleicht denken. Und ist auch nichts Schlechtes. Gerade als Arzt weiß man, dass die Welt ein nach wie vor recht unerforschter Ort ist, in den man als Arzt oder Forscher nur so gut es geht Licht bringen kann.
Und was genau haben Sie zuletzt nicht verstanden?
Scholl: Mir war ein Rätsel, wie es sein kann, dass eine Entwicklung wie die Digitalisierung, die so viel Gemeinsames ermöglicht, gleichzeitig so stark die Vereinzelung fördert. Meine Seite, mein Profil, mein Account. Das klang für mich nach einem Widerspruch.
Und? Sind Sie der Sache auf den Grund gegangen?
Scholl: Ja. Ich habe über die Weihnachtstage ein Buch gelesen, in dem sich der Autor ausführlich mit genau diesem Phänomen beschäftigt. Jetzt sehe ich klarer.
Sie hätten ja auch einfach ausspannen und sich ein bisschen erholen können.
Scholl: Stimmt, ja. Mein Problem ist, dass ich gar nicht so genau weiß, wie das geht mit dem Erholen. Deswegen habe ich mich lieber meiner ewigen Suche nach Begeisterung, nach Stimulation und nach Durchblick hingegeben.
Brauchen Sie keinen Ausgleich zur Arbeit? Wie lang sind Ihre Tage im Büro?
Scholl: Das ist unterschiedlich. Aber ehrlicherweise muss ich zugeben, zwölf Stunden und oft noch ein bisschen mehr sind es unter der Woche eigentlich immer.
Das ist alles?
Scholl: Nein. Die eine oder andere Stunde am Wochenende kommt schon oft dazu. Vor allem, wenn gerade etwas Konzeptionelles zu erarbeiten ist. Ich kann das nicht abschalten. Und es kommt tatsächlich vor, dass mir gute Ideen zu Hause kommen. Zum Beispiel beim Laufen oder beim Skiurlaub mit der Familie. Dann muss ich dem nachgehen.
Wie lang schlafen Sie pro Nacht?
Scholl: Leider brauche ich mehr Schlaf, als ich das gerne hätte. Wenn ich auf Dauer weniger als sechs Stunden schlafe, lässt meine Leistungsfähigkeit merklich nach. Klar, ich bin da einiges gewohnt, als Arzt musste ich wie alle anderen eine Menge langer Schichtdienste im Klinikum erledigen. Da kommt es eher auf Routinen an, die man abruft. Bücher schreibe ich nachts um 3 keine. Sieben Stunden Schlaf oder mehr sind schon etwas Schönes.
Werden Sie denn gar nicht müde?
Scholl: Es ist ein bisschen wie beim Leistungsschwimmen damals. Klar gibt es einen toten Punkt. An dem man nicht mehr kann. Aber man trainiert, diesen Punkt zu überwinden, zu überschwimmen. Das ist hart. Aber man kann lernen, einfach immer weiter zu schwimmen.
Ihr Ziel ist ein nicht gerade kleines. Zusammen mit Ihren Kollegen wollen Sie die Blindheit auf der Welt besiegen.
Scholl: Das stimmt, ich muss die Aussage aber ein wenig relativieren. Was wir am IOB machen, ist großartig. Zum Beispiel, die Retina mit ins Auge eingeschleusten Algengenen wieder lichtempfindlich zu machen. Das ist einzigartig. Ebenso, im Reagenzglas aus gespendeten Hautzellen Netzhaut wachsen zu lassen, die genetisch mit der des Spenders identisch ist. Aber der großen Masse an Menschen auf der Erde, die im Laufe ihres Lebens das Augenlicht verliert, würden viel simplere Dinge helfen.
Was meinen Sie?
Scholl: Gerade in ärmeren Ländern bekommen viele keine Brille, die sie aber benötigen. Wäre das anders, würden Millionen Menschen auf der ganzen Welt ihr Leben lang gut sehen. Eine andere große Gruppe sind Menschen, die von grauem Star betroffen sind. Er kann gut behandelt werden, die Operation dauert ein paar Minuten. Die trübe Linse wird entfernt und durch eine neue, künstliche ersetzt. Das wird hierzulande kaum mehr als Problem wahrgenommen. Bei uns bekommt jeder diese Operation, viele Menschen in Entwicklungsländern aber nicht. Verglichen damit kümmern wir uns um eine kleine Gruppe.
Das klingt bescheiden.
Scholl: Das hat vielleicht mit meinen schwäbisch-süddeutschen Wurzeln zu tun. Wir neigen hier, wie auch in der Schweiz, eher zu Understatement. Zu Zurückhaltung. Da habe ich während der sechs Jahre in den Vereinigten Staaten viel dazugelernt. Dass es nicht nur um Leistung und Erkenntnis geht, sondern auch ums Präsentieren und Performen. Und ums Begeistert sein und Begeistern. Um Überzeugen und Mitreißen. Nicht zuletzt verschafft mir meine Arbeit oft eine große innere Zufriedenheit. Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen.
Welche Sichtweise ist besser? Die europäische oder die amerikanische?
Scholl: Es hat beides seine Vorzüge. Bei der europäischen Art geht es sachlicher zu. Man sollte nicht so dick auftragen. Das kann aber auch auf Kosten der Begeisterung gehen. Die amerikanische Art macht es einem oft leichter, dazuzugehören, motiviert zu sein, sich zu fühlen, als würde man die Welt retten. Diese Art finde ich stimulierender, sie passt ganz gut zu mir. Auch in Kombination mit dem Aspekt des Wettbewerbs.
Des Wettbewerbs?
Scholl: Forschung ist nicht nur durch Ein- und Durchblick für alle, sondern auch stark durch Wettbewerb geprägt. Das mag im Einzelfall Schwächen und negative Effekte haben. Aber insgesamt halte ich das für sinnvoll und gut.
Sie meinen nicht, dass es Situationen gibt, in denen Kooperation von Vorteil wäre?
Scholl: In der Wissenschaft sind Kooperationen enorm wichtig. Aber nehmen Sie das Beispiel Corona-Impfstoff. Manche meinen, dass es besser gewesen wäre, die besten Leute hätten sich zusammengesetzt und gemeinsam geforscht. Ich denke, das ist eine romantische Vorstellung. Es ist gerade deswegen so schnell gegangen, weil an verschiedenen Orten verschiedene Leute am selben Thema gearbeitet haben. Die Konkurrenz setzt enorme Motivation frei. Der Beste und der Schnellste sein zu wollen.
Wettbewerb, Durchblick... Wie machen Sie das zu Hause? Beim Spielen mit den Kindern?
Scholl: Da funktioniert das anders, das stimmt. Andererseits kann ich meine Natur nur begrenzt zurücknehmen. Erziehung besteht ja auch viel aus dem, was man seinen Kindern vorlebt. Aber die beiden sind ja schon älter, kennen mich und können es einordnen. Ich denke, das ist schon in Ordnung, keines der Kinder will genau so werden wie sein Vater und keines komplett anders. Zu Hause gibt es außerdem ein wichtiges Korrektiv.
Welches?
Scholl: Meine Ehefrau. Sie ist Lehrerin, ich bewundere das. Meine Passion wäre das nicht, auch wenn ich in der Schule und im Studium ganz gut im Nachhilfe geben war. Sie holt mich ab und zu auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Übertreib's nicht, sagt sie dann. Manchmal wünsche ich mir einen längeren Weg zur Arbeit. Um besser abschalten zu können. In Basel ist es nur ein kurzer Weg, wie überall in der Schweiz.
Hendrik Scholl wurde am 27. Februar 1969 in Mainz geboren. Nach dem Abitur am Heilbronner Theodor-Heuss-Gymnasium 1988 studiert er von 1989 bis 1997 Medizin und Philosophie an der Universität Tübingen. Nach Stationen unter anderem an der Universitäts-Augenklinik Tübingen, dem University-College London, der Universitäts-Augenklinik Bonn und ab 2010 an der Johns-Hopkins-University in Baltimore ist er 2018 Mitbegründer und wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Molekulare and Klinische Ophthalmologie Basel (IOB). Hendrik Scholl ist verheiratet und hat zwei Kinder.
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