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Interview

Wing Tsun-Trainer Jörg R. Wingerter: „Ich frage das Kind: Bist du ein Käsekuchen?“

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Jörg R. Wingerter aus Heilbronn spricht im Interview über den Wert von Selbstverteidigung im Wing Tsun.

Der 6. Meistergrad, das klingt nach etwas. Nach viel Erfahrung und Leistung. Tatsächlich spricht Jörg R. Wingerter aber ungern über Titel. Seit mehr als 30 Jahren lehrt er den Kung-Fu-Stil Wing Tsun. „Weil sich damit Sorgen lösen lassen“, sagt er im Interview. Und weil die Bewegungslehre für ihn ein besonderes Verständnis von Selbstverteidigung hat.

Sie haben mal gesagt, man sollte sich immer so wehren können, dass man sich hinterher auf dem Schulhof noch in die Augen sehen kann.

Jörg R. Wingerter: Das ist unser Credo, ja. Es ist die Herausforderung unserer Selbstverteidigungsschule, die erkennt und annimmt, dass Konflikte stattfinden, dass sie da sind, man aber trotzdem den anderen nicht verletzen möchte.

Das bedeutet: Ich lasse mich nicht auf dasselbe Niveau herunter wie du?

Wingerter: Exakt.

Worum geht es im Kern im Wing Tsun?

Wingerter: Aufrecht zu gehen und Rückgrat zu zeigen. Die Eltern sind dabei immer der Grundstock, der Fels. Wir als Schule stehen quasi auf dem Fels, als Ergänzung, ein Kind zu stärken.

Wie gelingt das – aufrecht zu gehen und Rückgrat zu zeigen?

Wingerter: Die Fähigkeiten, um das hinzubekommen, sind vielfältig. Unter anderem lernen die Kinder, sich mit Worten zu wehren. Wenn man weiß, dass Wing Tsun vor über 300 Jahren von einer Frau – ihr Name war eben: Wing Tsun – entwickelt wurde und sich dazu Fotos der großen Meister des Wing Tsun ansieht, erkennt man schnell, dass es hier nicht um körperliche Größe und Muskelkraft gehen kann.

Es gibt im Wing Tsun einen Satz, der heißt: „Das Schnelle besiegt das Starke.“ Wenn Sie Fahrrad fahren und eine Fliege landet in Ihrem Auge, ist die zwar körperlich unterlegen, nervt aber ganz schön – und darum geht es: Wie kann ich mich schnell so bewegen und verhalten, dass der andere nicht zum Zuge kommt.

Ist das ein Unterschied zu Judo oder Karate?

Wingerter: Der wesentliche Unterschied ist, dass Judo und Karate Kampfsportarten sind. Und das impliziert: Wettkampf. Dabei wiederum gibt es Schiedsrichter, Regeln und Gewichtsklassen – beides gibt es auf dem Schulhof, Spielplatz oder Schulweg nicht. Ich persönlich halte es auch psychologisch für bedenklich, dass man dafür, jemanden auf die Matte zu legen oder schneller zu boxen, eine Urkunde, Medaille oder einen Gürtel bekommt. Das ist aber auch ein gesellschaftliches Thema.

Was passiert im Wing Tsun?

Wingerter: Wing Tsun ist ein reines Selbstverteidigungssystem, das man nur für sich lernt.

Wie definieren Sie für sich, in Ihrer Sportschule, Selbstverteidigung? Was bedeutet es, mich selbst verteidigen zu können?

Wingerter: Wenn man unser Konzept anschaut, wird es ein Stück weit deutlich – da sagen wir: Sicherheit nach Noten. Wenn ich keine Ahnung habe, wie ich mich verteidigen könnte, ist das die Note 6. Wenn ich es trotzdem versuche, wird es nicht von Erfolg gekrönt sein, dann ist es eine 5. Und auch eine richtige Einstellung ist nur ausreichend, Note 4, um meine Gesundheit schützen zu können.

Note 3 wäre, dass ich das Schlimmste verhindern kann, aber es ist trotzdem noch körperlich. Wenn ich es vorher schaffe, laut zu sagen „Lass mich in Ruhe, halt, stopp“, so wie wir es mit den Kindern üben, und der Angreifer tatsächlich aufhört, dann ist das Selbstbehauptung, eine 2. Bei Note 1 schließlich spricht sich in der Schule herum, dass sich dieses Kind verteidigen kann. Es wird nicht mehr herausgesucht als vermeintlich Betroffener – man spricht manchmal von Opfer, aber ich sage lieber Betroffener. Das ist das Ziel. Deshalb ist Selbstverteidigung im Grunde Intervention. Weil ein Angreifer sich immer wieder den Schwächsten aussuchen würde.

Aber wie sieht das auf dem Schulhof oder Spielplatz dann konkret aus – mit einem stärkeren, größeren Gegenüber?

Wingerter: Wing Tsun nutzt die Kraft des Angreifers. Das kann man besser live zeigen als erklären. Aber wir haben im Wing Tsun eine Verteidigungsposition, bei der die Hände vor dem Körper gehalten werden und eine Art Keil darstellen. Wenn ein körperlicher Kontakt zustande kommt, gibt es viele, die abblocken oder eben schlagen. Das wäre Muskelkraft. Wenn sich die Hand und die Schulter dagegen nur drehen, wie wir es im Wing Tsun tun, kann ich die Kraft des Angreifers umleiten und von einer anderen Seite zurückgeben. Das ist nur ein Beispiel. Im Grunde ist es ein betriebswirtschaftlich-ökonomisches Konzept, bei dem man mit wenig Aufwand viel erreichen will. Umgesetzt wird es mit fließenden Bewegungen. Kraft spielt keine große Rolle.

Worte wie „Lass mich in Ruhe“ dagegen schon, sagten Sie eben. Haben die Kinder von Anfang an einen starken Praxis- oder Alltagsbezug?

Wingerter: Ob sie den in der Tiefe verstehen, wage ich zu bezweifeln. Das kommt sicher erst später. Aber ich glaube schon, dass sie die Dinge, die wir lehren, verinnerlichen. Dazu zählen Worte. Denn auch mit Worten kann man Kraft an den Angreifer zurückgeben und sich abgrenzen. Später lernen die Kinder, den Namen dazu zu sagen: „Lass mich in Ruhe, Fridolin, hör auf, mein Mäppchen auszuräumen!“ Damit wird die Qualität der verbalen Verteidigung wesentlich besser. Man hat auch schneller Zeugen, wenn andere den Namen des Angreifers hören. Dazu lernen die Kinder Dinge wie: Was tun, wenn mich jemand an den Haaren packt? Oder in den Schwitzkasten nimmt? Wenn ein Kind weiß, wie es sich zur Not wehren könnte, bewirkt das, dass es ganz anders dasteht und sich auch verbal ganz anders ausdrücken kann. Das stärkt das Selbstbewusstsein. Wir dürfen immer wieder erleben, wie sich Kinder verändern und eine ganz neue Haltung entwickeln – aber nicht nur sie, auch Erwachsene, die zum Beispiel ein neues Selbstbild aufbauen und Ängste besiegen konnten.

Kann man mit Wing Tsun auch gegen Cybermobbing, also Gewalt, die sich online abspielt, wirken?

Wingerter: Ja. Vereinfacht gesagt durch das Käsekuchenprinzip. Wenn ein Kind erzählt, dass es beleidigt worden ist, frage ich: Bist du ein Käsekuchen? Dann runzelt sich die Stirn, es kommt ein Nein. Ich frage weiter: Dann bist du vielleicht ein Kirschkuchen? Ich frage so lange, bis klar ist, dass ein Kind kein Kuchen ist. Und wenn es weiß, dass es kein Kuchen ist, sollte genauso klar sein, dass es – egal ob online oder real – auch kein Blödmann, keine dumme Kuh oder sonst etwas ist. Und dass solche Bemerkungen nichts über einen selbst aussagen, sondern nur über denjenigen, der sie macht.

Sie haben auch Erwachsene angesprochen – was macht Wing Tsun mit ihnen?

Wingerter: Wing Tsun macht – allgemein – ein Angebot auf allen drei Ebenen: Ebene 1 ist das Körperliche. Ebene 2 dreht sich darum, wie man diese Strategien, alles, was man auf Ebene 1 lernt, im Alltag, im Miteinander, im Füreinander umsetzen kann. Und Ebene 3 ist das, was wir unter Selbstverwirklichung verstehen oder was manch einer als spirituellen Aspekt bezeichnen würde. Ich erläutere das in philosophischen Lesenächten. Da geht es darum, bei sich zu sein, zu überlegen, wie ich mit meinen eigenen Gefühlen umgehe – Neid, Gier, was auch immer.

Worin sehen Sie Ihren Auftrag?

Wingerter: So viele Menschen wie möglich in die Verteidigungsfähigkeit zu bringen. Die schönsten Geschichten sind für mich die, wenn es Kinder, Jugendliche, Erwachsene schaffen, Dinge umzusetzen, aus Mobbing, Angst- oder Gewaltspiralen herauszukommen und man damit ein Stück weit für Frieden sorgen konnte.

Zur Person

Jörg R. Wingerter (53) trägt den 6. Meistergrad und ist Sifu – ein im Wing Tsun verliehener Ehrentitel, der besagt, dass der Träger des Titels Menschen unterrichten und führen kann. Seit 1995 leitet er die Wing Tsun-Schule in Heilbronn mit Außenstellen etwa in Neckarsulm, Bad Friedrichshall, Erlenbach und Beilstein. Sie ist unter anderem Partner des Polizeipräsidiums Heilbronn im Projekt „Wehr Dich, aber richtig!“ sowie Partner des Kinderschutzbundes Heilbronn im Projekt „Bodyguard“. Jörg R. Wingerter hat Sportpsychologie und Sportpädagogik mit Schwerpunkt Kampfkünste studiert.

 

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