Schlimme Krawalle bleiben aus

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Heilbronn - Mit rund 3.900 Beamten hatte die Polizei zur 1.-Mai-Demo eine zahlenmäßige Übermacht in der Stadt aufgeboten. Sie stand in der Bahnhofsvorstadt rund 740 Neonazis und etwa 1000 linken Gegendemonstranten gegenüber.

Von unserer Redaktion






Heilbronn - Zum Schluss wird es noch einmal kritisch. Gegen 17 Uhr zieht der Protestzug der Rechtsradikalen auf dem Busbahnhof neben dem Heilbronner Hauptbahnhof ein. Da stürmen etwa 500 linke Demonstranten von der Bahnhofsstraße her auf den Bahnhofsvorplatz, prallen dort auf eine Wand aus Polizisten. Die Beamten wehren die Protestler ab, auch Schlagstöcke kommen zum Einsatz.

Mehrere hundert linke Demonstranten harren schon seit dem Morgen von Absperrgittern und Polizisten umstellt vor dem Bahnhofsgebäude aus: „Erster Mai, nazifrei“, rufen sie jetzt den Rechten zu. Die leitet die Polizei währenddessen, weit von den Linken entfernt, auf die Bahnsteige, wo Züge für sie bereitstehen. Bis dahin war der Tag der Neonazi-Demo mit dem Aufzug linker Gegendemonstranten relativ störungsfrei verlaufen.

Am Morgen löste die Polizei nach dreimaliger Aufforderung zum Gehen eine Blockade von rund 50 Gegendemonstranten in der Karlsruher Straße auf. Gegen 9.30 Uhr meldete die Polizei eine Gewahrsamnahme von rund 50 Protestierern, die eine Absperrung durchbrochen und mit Stöcken und brennbarem Material unterwegs waren. In einem mit Metallzaun umgebenen Sportplatz einer Schule setzten die Einsatzkräfte Störer fest.

Vergittert

Überall in der Bahnhofsvorstadt sind Straßen durch Metallgitter abgesperrt. Massen von Beamten, in voller Schutzmontur mit Helmen, Schlagstöcken, Tränengas, schirmen den Bahnhof ab. Rund 300 linke Gegendemonstranten aus der Region Stuttgart sind gegen 10 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz aufgezogen und bleiben in einem durch Gitter abgetrennnten Areal. Auf Transparenten steht oft das Wort Klassenkampf. Vereinzelt knallen Böller aus dem Block. Die Linken merken spät, dass die Polizei die Neonazis nicht durch den Bahnhofsausgang, sondern über den gesperrten Taxiplatz zum Aufzugsort westlich des Bahnhofs leitet.

„Wir kriegen euch alle“ schallen Rufe der Linken herüber, „Nieder mit der roten Pest“ antworten die Rechten. „Und diese Parolen laufen unter Meinungsfreiheit“, ärgert sich Bürgermeister Harry Mergel. Der Aufmarsch verzögert sich um mehr als zwei Stunden, weil Neonazis verspätet mit Zügen und Bussen ankommen. „Es ist doch erschreckend, wie jung die sind“, entfährt es einem Polizisten.

Übermacht

Von „Versklavung und Ausraubung unserer Völker“ spricht ein Redner der Rechten, muss später ausgerechnet beim Motto „Fremdarbeiterinvasion stoppen“ die Worte eines tschechischen Redners übersetzen.

Als der Tross der Rechten gegen 14.15 Uhr losmarschiert, wird er von starken Polizeikräften begleitet. An jeder Zufahrt sind Gitter aufgebaut, vor denen Polizeibeamte und Einsatzfahrzeuge stehen. Linke Gegendemonstranten stehen hinter den Gittern, pfeifen, rufen „Faschistenpack“ und „Nazis raus“; die Rechten winken hämisch, auf beiden Seiten werden Stinkefinger gezeigt. Doch niemand durchbricht bis dahin Barrieren, es bleibt ruhig. Die Polizei ist in der Übermacht: Rund 3.900 Beamte sind im Einsatz. Ein Polizeisprecher schätzt, dass 740 Neonazis und etwa 1.000 linke Gegendemonstranten in der Bahnhofsvorstadt sind.

Im Rosenberghochhaus steht Anwohner Peter Selig und blickt auf den Aufzug der Rechten. Er ärgert sich maßlos über die „schwachsinnigen Parolen“. „Das ist volksverhetzend“, sagt er. Er war vor drei Jahren in Auschwitz. Er versteht nicht, „dass es in diesem Land keine Möglichkeit gibt, so etwas verhindern“.


Bahnhofsvorstadt: Anwohner fühlen sich eingesperrt

Die Bewohner der Bahnhofsvorstadt mussten wegen der Absperrungen zum Teil starke Beeinträchtigungen hinnehmen. So wollten die Beamten einen Anwohnernicht passieren lassen, als dieser am frühen Sonntagmorgen die Bahnhofsvorstadt mit dem Auto verlassen wollte. Erst nach eindringlichem Hinweis auf seine hochschwangere Frau ließen die Beamten den 44-Jährigen wegfahren. Er kritisiert bei allem Verständnis für die Polizeiarbeit, dass die Anwohner in der Bahnhofsvorstadt nicht vorab über die massiven Mobilitätsbeschränkungen informiert wurden.

"Ich fühle mich eingesperrt", sagt Salvatore Terrasi (26), als er Verwandte vom Bahnhof abholt. Sein Auto sei von Polizeifahrzeugen zugeparkt. Ob er in einer ausgewiesenen Parkverbotszone steht, sagt er nicht. "Furchtbar" findet eine 20-Jährige das massive Polizeiaufgebot in der Stadt. "Wer hat die Demonstration überhaupt zugelassen?" Ihre Mutter Angelina Losardo (40) ist mit dem Zug angekommen, hat sich durch die Spaliere von Polizeibeamten und die Absperrgitter gekämpft. "Das ist ja wie im Krieg. Ist das nicht übertrieben?", fragt sie.

Mit dem Rad ist Anwohner Andreas Strauch ins Bahnhofsareal gekommen, beobachtet als "schaulustiger Anwohner" den Aufzug. Demonstrationsfreiheit ist für ihn "ein hohes Gut". Doch für extreme Seiten von Rechts oder Links hat er kein Verständnis. Sicherheit geht vor, sagt er zum Polizeieinsatz. "Man weiß nicht, was passiert, wenn es nicht so wäre".

Trommel-Lärm

Ein Lob zollt Konstantin Tsatsakis der Polizei. "Das war gute Arbeit, sie waren freundlich", sagt er. "Gott sei Dank" sei es nicht so aggressiv wie befürchtet geworden, findet Ehefrau Eleni Galani. Sie ist zwischen sechs und sieben Uhr vom Lärm aufgestellter Gitter und Trommeln von Demonstranten wach geworden.

Ida Müller wohnt schon seit über 40 Jahren direkt gegenüber vom Bahnhof: "So eine Sauerei habe ich wirklich noch nicht gesehen." Schon seit den frühen Morgenstunden habe es Krawall gegeben. Besonders ärgert sich die 77-Jährige darüber, dass einige der Demonstranten über den Zaun in ihren Hinterhof hüpfen und dort "alles vollpinkeln." Angst hat die Rentnerin nicht: "Es ist ja so viel Polizei da." Trotzdem findet sie es nicht richtig, dass eine Großdemonstration in diesem Ausmaß mitten in der Innenstadt genehmigt wird.


Großes Verkehrschaos bleibt aus

"Hier kommen Sie nicht durch", sagt die Beamtin vom Ordnungsamt einer Mutter mit drei Kindern im Auto. Der Verkehrskontrollpunkt auf der Südstraße, Ecke Wilhelmstraße ist einer von fünf rund um die Innenstadt. "In Richtung Bahnhof lassen wir im Moment niemanden durch, auch Anwohner nicht", erklärt die Beamtin.

Trotz zahlreicher Sperrungen bleibt das befürchtete Verkehrschaos am Tag der Großaufmarschs von Rechtsradikalen in der Heilbronner Innenstadt aus. Tausende Teilnehmer des friedlichen Protestzugs des Bündnisses "Heilbronn sagt Nein" kommen gegen 10.30 Uhr ohne Probleme zum Gewerkschaftshaus in der Gartenstraße. "Wir haben außerhalb geparkt und sind reingelaufen", sagt ein 44-jähriger Bretzfelder. Ein großer Teil der Demoteilnehmer ist aus Stadtteilen oder Landkreisgemeinden mit dem Fahrrad zum Startpunkt gekommen − bei schönem Wetter für viele die beste Alternative zu Bus, Bahn und Auto.

Eine Gruppe IG-Metallerinnen hat in der Harmonietiefgarage geparkt: "Die ist noch fast leer", erzählt eine 45-Jährige. Auch die Theatertiefgarage hat um 11.30 Uhr noch viele freie Stellplätze.

Problematischer ist die Anreise für einige Zugreisende, die zur Kundgebung am Kiliansplatz wollen: "Wir sind etwa eine halbe Stunde im Bahnhofsgebäude festgehalten worden", erzählt eine Lauffenerin. "Aus Sicherheitsgründen", das hätten Polizisten gesagt. Auch Fußgänger berichten von Behinderungen. Ein 52-jähriger Mann aus Böckingen sagt, dass er bis in die Stadt hinein über eine Stunde gebraucht habe: "Weil wir am Neckar entlang nirgends durchgelassen wurden." Als er schließlich am DGB-Haus ankommt, hat sich der Protestzug schon auf den Weg gemacht.

Vergebliches Warten

An den Bus- und Stadtbahnhaltestellen warten am Sonntag einige Passanten vergeblich. Auch eine 82-Jährige. Sie wollte zum Friedhof fahren und sitzt schon seit 50 Minuten an der Haltestelle. Von den gestrichenen Fahrten hat sie nichts mitbekommen. "Ich habe mich nur gewundert, dass weder in die eine noch in die andere Richtung ein Bus fährt." ssp, fur, cf, jüp

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