Prozessauftakt: Selbstmordversuch gefährdet sechs Leben (24.10.2010)
Heilbronn - Was treibt einen Mann dazu, sein Auto mit voller Absicht in den Gegenverkehr zu lenken? Seit Freitag muss sich deshalb ein 61-Jähriger vor dem Landgericht Heilbronn verantworten. Der Prozess wird an diesem Montag fortgesetzt.
Heilbronn - Was treibt einen Mann dazu, sein Auto mit voller Absicht in den Gegenverkehr zu lenken? Warum nimmt ein 61-Jähriger, der seinem Leben ein Ende setzen will, den Tod anderer Menschen in Kauf? Diese zentralen Fragen kann auch der beschuldigte Heilbronner Rentner nicht beantworten, der sich seit Freitag vor dem Landgericht Heilbronn verantworten muss. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm fünffachen versuchten Totschlag vor, hält ihn aber nicht für schuldfähig.
Fakten
Es ist der 28. April. Gegen 6.15 Uhr fährt Claus B. auf der B 27 von Heilbronn kommend in Richtung Neckarsulm. In einem Bogen steuert er sein Fahrzeug in den Gegenverkehr. Ohne zu bremsen, ohne gegenzulenken. Ein mit vier Personen besetzter Sprinter kann ausweichen, wird aber trotzdem touchiert. Das Auto des Beschuldigten prallt frontal in das Fahrzeug einer Frau, die schwerste Verletzungen erleidet und der Spätfolgen drohen. Soweit die Fakten, die alle am Freitag gehörten Zeugen bestätigen.
Der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann will von dem 61-Jährigen wissen, ob er mit der festen Absicht ins Auto gestiegen ist, einen tödlichen Unfall zu verursachen. Ja, er habe sich umbringen wollen. Dass er damit andere in Mitleidenschaft ziehe, habe er aber nicht registriert. In der ersten Vernehmung nach dem Unfall hörte sich das klarer an.
Damals gab der Mann zu Protokoll, dass ihn andere Menschen nicht interessieren und man manche Dinge eben in Kauf nehmen müsse. Bis zur Verhandlung hatte sich Claus B. bei der Frau nicht entschuldigt. Vor Gericht beteuert er, dass ihm sein Verhalten sehr leid tue. Er könne sich nicht erklären, warum „ihm der Gaul durchgegangen ist“. Derzeit ist der Mann im Weinsberger Klinikum am Weissenhof untergebracht.
Leben
„Das ist alles nichts“ – Claus B. zeichnet im Großen Strafkammersaal ein düsteres Bild seines Lebens. Häufige Kündigungen, eine Scheidung, eine andere Frau, die ihn nach sechs Jahren verlässt. „Nicht akzeptiert zu werden, das macht einen fertig“, erklärt er und sagt: „Ich kenne keinen Menschen, der schlechter dran ist als ich.“ Die Frage ist, wie die schwer verletzte Frau darüber denkt: Sie erlitt Frakturen im Gesicht, einen Milzriss, verlor einen Teil ihres Sehvermögens, hat Probleme beim Laufen. Sie wird von ihrem Anwalt als Nebenklägerin im Prozess vertreten.
Claus B. macht eine Schizophrenie für seine Tat verantwortlich, die von den häufigen Schicksalsschlägen ausgelöst worden und wegen der er seit 1971 in Behandlung sei. Stimmen in seinem Kopf würden ihm befehlen, was er zu tun habe. Die Staatsanwaltschaft geht ebenfalls davon aus, dass er vor dem Hintergrund einer chronischen Schizophrenie gehandelt hat. Sie will in einem Sicherungsverfahren erreichen, dass der 61-Jährige in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht wird. Der Prozess wird am Montag fortgesetzt. Dann sollen Sachverständige zu Wort kommen.
Hintergrund: Aggression
Hans-Jürgen Luderer ist Chefarzt für Allgemeine Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum am Weissenhof. Er kann auf Stimme-Nachfrage zum konkreten Fall nichts sagen. Generell seien Suizide, bei denen das Leben anderer gefährdet wird, aber selten. Häufig träfen ein hohes Aggressionspotenzial gegen sich selbst und gegen andere zusammen. Meist seien Menschen betroffen, die unter schweren psychischen Problemen leiden.

Stimme.de