Heilbronn erhöht Druck auf Bettler

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Heilbronn - Das Heilbronner Ordnungsamt macht Druck auf eine rumänische Bettlergruppe. Durch Ausweiskontrollen und Platzverweise versuchen die Beamten, die Bettler aus Heilbronn zu verbannen.

Von Jürgen Kümmerle

Heilbronn - Victors speckige Jacke ist mindestens zwei Nummern zu groß. In der linken Hand liegt sein grauer Hut, die rechte Hand umfasst den Griff seiner Krücke. Die dunklen Augen liegen tief in Victors (Name geändert) Gesicht. Der schwarze Vollbart wuchert wild um seine Backen und lässt ihn zehn Jahre älter aussehen. Sein Blick erweckt Mitleid. Humpelnd geht der 49-Jährige dicht auf Passanten zu, streckt den Hut vor und murmelt Unverständliches.

"Genau hier fängt die Ordnungswidrigkeit an. Betteln ist erlaubt, aggressives Betteln nicht", sagt Alexander Bürck (48), Vollzugsbeamter der Stadt Heilbronn. Aggressives Betteln ist das offensive Zugehen auf Passanten. Derart bettelnde Menschen sind Bürgern und Stadtverwaltung oft ein Dorn im Auge.

Kontrolle

"Wir möchten, dass das abgestellt wird", sagt Rüdiger Muth, stellvertretender Amtsleiter im Ordnungsamt Heilbronn. Allerdings sind die rechtlichen Möglichkeiten begrenzt. Die Menschen kommen aus EU-Mitgliedstaaten und dürfen sich somit hier aufhalten. So wie Victor. Bei der Ausweiskontrolle stellt sich heraus, dass er aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Sibiu, dem ehemaligen Hermannstadt in Rumänien, kommt. 100 Euro kostet die Busfahrkarte. Für Victor hätte es eine lukrative Reise werden sollen. "In meiner Heimat erzählt man sich, dass man in Heilbronn gute Geschäfte machen kann", sagt er auf Rumänisch. Vollzugsbeamtin Margot Fröhlich (38) ist bei der Kontrolle dabei und übersetzt. Sie ist in Rumänien geboren.

Erfüllt haben sich Victors Hoffnungen anscheinend nicht. Seine Tageseinnahmen schätzt er auf fünf bis zehn Euro. Die Vollzugsbeamten Bürck und Fröhlich haben Zweifel an der Angabe. Victor und die anderen drei aus seiner Gruppe möchten nur noch so lange bleiben, bis sie sich den Preis für die Rückfahrkarte zusammengebettelt haben. Höchstens zwei Euro möchte er täglich für Nahrungsmittel ausgeben. Der Rest werde fürs Busticket gespart.

In der Zwischenzeit beginnt ein Katz- und Mausspiel mit dem Ordnungsamt und der Polizei. Platzverweise werden ausgesprochen und sind 24 Stunden gültig. Danach kehren die Bettler zurück. Platzverweis − 24 Stunden Pause − Platzverweis. Seit zwei Wochen ist Victor mit seiner Gruppe in Heilbronn. Anfangs haben sie auf der Theresienwiese gezeltet. Dann kam die Polizei. Seither schlafen sie unter einer Brücke.

Bettelnde Zehnjährige

Nicht selten sind auch Kinder beim Betteln dabei. "Am Dienstag haben wir ein zehnjähriges Mädchen mit einem ungefähr 70-jährigen Mann angetroffen", sagt Alexander Bürck. "Beide stehen offenbar in keinem familiären Verhältnis." Auch für die Vollzugsbeamten ein schwieriger Fall. Das Mädchen wurde vorübergehend in einer Wohngruppe der Caritas in Heilbronn untergebracht. Mitarbeiter der Behörden prüfen, ob Kindeswohlgefährdung vorliegt.

Am Freitagnachmittag war das Mädchen noch in Obhut der Caritas. Familienangehörige aus der Gruppe wollten die Zehnjährige abholen. Die Verwaltung gleicht zur Sicherheit die Daten ab.

Für Victor ist die Ausweiskontrolle beendet. Er humpelt in Richtung Kilianskirche. Von Heilbronn hat er genug, sagt er. Ob er wirklich bald nach Rumänien zurückfährt, ist allerdings ungewiss. Vollzugsbeamtin Fröhlich weiß: "In Rumänien ist Betteln verboten."

Was erlaubt ist, was nicht

Sitzt ein Bettler nur da und geht nicht offensiv auf Passanten zu, besteht keine Ordnungswidrigkeit. Werden Passanten angesprochen oder kommt es gar zu Körperkontakt, spricht man von aggressivem Betteln. Dies stellt eine Ordnungswidrigkeit dar. Dagegen ist alles erlaubt, was mit Kunst zu tun hat. Dafür gibt es Vorgaben. Ein Musikant darf 15 Minuten an einer Stelle spielen. Danach muss er weiterziehen. Maximal sind zwei Stunden pro Tag erlaubt, Lautsprecher oder akustische Verstärker sind nicht gestattet. Pantomime-Künstler haben es dagegen einfacher. Für sie gelten keine Verbote.

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