"Ganz ehrlich, ich hatte panische Angst"

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Heilbronn - Rund 750 Neonazis demonstrierten am 1. Mai in Heilbronn. Mehrere tausend Gegendemonstranten wurden von deren Route abgeschirmt. Ein 20-jähriger Abiturient wählte einen ungewöhnlichen Weg, die Rechten bloßzustellen: Er mischte sich unter sie und forderte "Schützt deutsche Äpfel!".


In dem Moment, in dem er Fotografen erblickte, hielt Lukas sein Plakat hoch. Sicher fühlte er sich dabei nicht, und er möchte jetzt unerkannt bleiben. Foto: Czub


Heilbronn - Mitten im Neonazi-Block propagierte Lukas während der 1. -Mai-Demo in Heilbronn "Schützt deutsche Äpfel". Im Interview mit unserem Jugendportal Stimmt! schildert er seine Gefühle und sein Motiv.


Du hast dich dafür entschieden, allein in einen Nazi-Aufmarsch reinzugehen und die Demo ins Lächerliche zu ziehen. Wie hast du das angestellt?

Lukas: Der Gedanke, das so zu machen, kam mir eigentlich erst kurz vorher. Ich habe mir ein Transparent gemalt und ein schwarzes Shirt angezogen. Weil meine Haare ohnehin blond sind und mein Pony auf der rechten Seite liegt, dachte ich mir schon, dass ich bestimmt nicht großartig auffalle. Am Hauptbahnhof in Heilbronn wurde ich dann gefragt, ob ich rechts oder links sei.

Fiel es dir schwer, gegen deine Überzeugung mit "rechts" zu antworten?

Lukas: Ja. Ich fühlte mich auch während der Demo schuldig, denn schließlich wurde ich bei der Neonazizählung ebenfalls erfasst.

Wie ging es dann weiter?

Lukas: Alle Demoteilnehmer mussten ein Kontrollzelt passieren. Wir wurden abgetastet, Banner entrollt. Mein Transparent hat im Vorfeld zum Glück nur ein Polizist gesehen. Er hat mich auch nach dem Slogan gefragt, mich aber dennoch durchgelassen.

"Schützt deutsche Äpfel" − woher kam die Idee für den Spruch?

Lukas: Das ist ein Slogan der "Front Deutscher Äpfel", einer satirischen Gruppierung, die sich gegen die rechte Szene richtet. Ich bin dort nicht Mitglied, aber auf jeden Fall Sympathisant.

Hattest du Angst, dass die Rechten dein Plakat entdecken, bevor die Demo losging?

Lukas: Ganz ehrlich − davor hatte ich panische Angst. Aber ich bin wohl kaum aufgefallen und bekam alles mit, was unter den Demo-Teilnehmern so lief. Ungeniert präsentierten die Rechten Tatoos, die aus verfassungsrechtlichen Gründen während der Demo abgeklebt werden mussten: Hitler-Porträts, SS-Zeichen und ähnliches. Die Kundgebung widerte mich an. Es war zum Beispiel von einem Nazi die Rede, der gegenüber einem amerikanischen Fernsehsender Hitler als den "wohl größten Deutschen" bezeichnet hatte und deshalb in Gesinnungshaft sitzt. Dafür gab es tosenden Applaus.

Gegen 14 Uhr begann die Demo − und du warst mittendrin.

Lukas: Ja, ich bin mitgelaufen, habe aber keine Parolen gegrölt. Dafür wurde ich schon schräg angeschaut. Nachdem wir ungefähr einen Kilometer gelaufen waren, kamen wir an Fotografen vorbei. Ich dachte mir: Jetzt oder nie − und hob mein Transparent "Schützt deutsche Äpfel!" hoch. Mir ist klar, dass das an sich total inhaltslos ist. Und genau darum ging es mir: Die Inhaltslosigkeit der Nazi-Parolen während der Demo auf die Schippe zu nehmen.

Das haben sich die Rechten aber nicht gefallen lassen, oder?

Lukas: Die ersten Sekunden hat es noch niemand geschnallt. Dann aber fiel der Begriff "Apfelfront" und sorgte für Unruhe. Plötzlich ging alles schnell, das Transparent wurde mir entrissen und ich wurde von allen Seiten bedrängt. Mir war klar, dass ich da schleunigst raus musste. Also bin ich in Richtung Polizei geflüchtet, hinter mir her flog ein Gegenstand und einige Nazis machten Anstalten, mich zu verfolgen. Die Ordner pfiffen sie aber zurück in ihre Reihen.

Über deine Aktion wurde in der Serie "Mein erstes Mal" auf Spiegel-Online berichtet. Wie waren die Reaktionen?

Lukas: Mehr als 6000 Empfehlungen hatte der Artikel, damit hätte ich nie gerechnet! Spaßeshalber habe ich mich ein bisschen durchgeklickt: Keiner der Artikel, die ich mir angeschaut habe, hatte mehr als 2000. Im Forum darunter ging es heiß her, war aber meinungstechnisch eigentlich ausgewogen. Die einen Leser finden meine Aktion super, die anderen eben nicht. Viel heftiger hingegen geht es seit Erscheinen des Artikels in Nazi-Foren zu...

Was ist dort über dich zu lesen?

Lukas: Naja, die Rechten versuchen, die Tat kleinzureden, stellen mich als Schwächling dar. Und es ist öfters mal davon die Rede, man solle mir doch "mal etwas Gutes tun und einen Blumenstrauß vorbeibringen" − was damit gemeint ist, dürfte auch klar sein. Außerdem könne man auch bei der nächsten Aktion über mich drüber trampeln, so was könne schließlich "ganz aus Versehen" bei einer Demo passieren.

Lässt du dich davon einschüchtern und bleibst der nächsten Neonazi-Demo fern?

Lukas: Ich bin ja kein linker Aktivist. Deshalb kann ich mir auch gut vorstellen, eine linke Demo oder eine Demo der Grünen zu besuchen − denn auch dort wird meiner Ansicht nach viel Mist verbreitet.

Von wem gab's positive Reaktionen statt Drohungen?

Lukas: Die Front Deutscher Äpfel hat mir eine Einladung nach Leipzig zukommen lassen und würde mir gerne persönlich gratulieren. Besonders gefreut haben mich aber auch Freunde mit ausländischen Eltern, die auf mich zukamen: Ihre Familien hätten den Artikel gelesen und fänden es alle toll. Und ich solle jederzeit zum Essen kommen, man würde mich gerne kennenlernen. Bei so einem schönen Feedback weiß ich dann auch, wofür ich das gemacht habe.

Hintergrund

Die "Apfelfront", ein loser Zusammenschluss von Schülern und Studenten, nimmt auf satirische Art und Weise Nazi-Symbolik auf − und macht sich so über Neonazis lustig. Gegründet wurde die "Front deutscher Äpfel" (FDÄ) nach Informationen des Online-Lexikons Wikipedia im Anschluss an die Wahlen zum Sächsischen Landtag im September 2004. Die Jugendorganisation der Front heißt "Nationales Frischobst Deutschlands" (NFD).


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