Flagge zeigen gegen den Fremdenhass

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Heilbronn - Mehrere tausend Teilnehmer bei friedlicher Gegendemonstration in der Heilbronner Innenstadt. Der OB betont in seiner Mai-Rede das friedliche Zusammenleben von 130 Nationen in der Stadt.

Von Stefanie Sapara



Heilbronn- Virginia Perry ist in Leipzig geboren, doch ihre Wurzeln liegen in Afrika. Die Frau, die seit mehr als 20 Jahren in Heilbronn lebt, ist nur eine von vielen ausländischen Mitbürgern, die an diesem Tag mit vielen anderen Menschen für ihre Stadt auf die Straße gehen. Seit Jahrzehnten habe sie nicht demonstriert, „aber in diesem Jahr ist es besonders wichtig. Es ist ein Statement erforderlich.“

Auch wenn Virginia Perry wegen ihrer dunklen Hautfarbe im Vorfeld schon Bedenken hatte. Deshalb ist sie bewusst nicht alleine in die Stadt gekommen. Doch die Nazis sind abgeschirmt, in der Innenstadt wird friedlich protestiert. Virginia Perry freut sich über „das riesige Gemeinschaftsgefühl“.

Protestzug

Sie war nur eine von anfangs 1800 Teilnehmern, die sich gegen 10.30 Uhr beim Gewerkschaftshaus in der Gartenstraße einfanden, um sich dem langen Protestzug gegen die Nazis anzuschließen. Mehr als 100 Institutionen, Parteien, Vereine, Kirchengemeinden und Verbände haben sich dem friedlichen Bündnis „Heilbronn sagt Nein“ angeschlossen und setzten damit ein Zeichen gegen den Naziaufmarsch im Bahnhofsviertel.

Die Bündnisteilnehmer liefen in gut einer Stunde in einem langen Zug über Weinsberger Straße, Oststraße, Wollhausstraße und Allee bis zum Kiliansplatz – wo sich noch zahlreiche weitere Demonstranten anschlossen. Tausende schwenkten Fahnen, hielten Plakate in die Höhe, trugen Stirnbänder mit der Aufschrift: „Heilbronn sagt Nein“. Sie alle machten deutlich: In dieser Stadt leben Menschen aus 130 Nationen friedlich zusammen, Heilbronn ist eine fremdenfreundliche Stadt und daran soll sich auch in Zukunft nichts ändern.

Kundgebung

„Es gab Zeiten, da hat man nichts gegen die Rechten gesagt, jetzt müssen wir Flagge zeigen“, findet Karin Bauer aus Untergruppenbach. Mit so vielen Leuten hat sie nicht gerechnet. „Das ist klasse.“ Angst in die Stadt zu gehen hatte sie nicht. „Ich wusste, dass die Polizei die Demos trennt.“

Hüseyin Icöz kommt aus der Türkei, lebt seit 35 Jahren in der Stadt. „Ich bin fast Heilbronner“, sagt er. „Ich habe mich hier immer wohl gefühlt.“ Frust über den Naziaufmarsch sei da, Wut bringe aber nichts. Statt dessen müsse man sich wehren. „Der Protest ist wichtig.“


Auf dem Kiliansplatz

„Einfach zu schweigen und diesen Tag nur für einen Ausflug ins Grüne zu nutzen, wäre der falsche Weg gewesen“, bringt es Prälat Hans-Dieter Wille bei seiner Rede auf dem Kiliansplatz auf den Punkt. „Wir hätten den rechtsradikalen Parolen alleine das Feld überlassen. Sie allein hätten alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen.“

Mehrere tausend Teilnehmer hatten sich an der Gegendemonstration des Heilbronner Aktionsbündnisses „Heilbronn sagt Nein“ beteiligt und mit ihrem Zug durch die Innenstadt genau das verhindert: dass die Aufmerksamkeit den Falschen zukommt. Statt sich zu verbarrikadieren gingen die Menschen auf die Straße, demonstrierten Gemeinschaftlichkeit.

OB betont friedliches Zusammenleben

Die vielen Demonstranten auf dem Kiliansplatz – der DGB schätzte die Teilnehmerzahl auf mindestens 4000, der OB gar auf 5000 Personen – seien ein klares Zeichen dafür, dass „unsere Demokratie lebt“. Wille erinnerte die Zuhörer an die Geschichte Deutschlands. Daran, dass nicht zuletzt aufgrund der bitteren Erfahrungen mit dem menschenverachtenden Nazi-Regime, aber auch mit dem schmerzlichen Eingeständnis mangelnder eigener Zivilcourage, die Grundrechte der Demokratie formuliert worden seien. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, zitierte er den ersten Satz des Grundgesetzes.

Wie der Prälat äußerte auch Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach Unverständnis über die Entscheidung des Verwaltungsgerichts, die Nazidemo zu genehmigen. Umso mehr freute er sich über das Interesse an der Gegendemo. Wohl noch nie zuvor hätten sich so viele Heilbronner und Gäste unterschiedlicher Altersstufen, Nationalitäten, politischer Orientierung oder Religionszugehörigkeit zusammengefunden, um für eine Sache gemeinsam zu demonstrieren. Er betonte, „wir Heilbronner wollen gute Nachbarschaft pflegen, mit anderen Staaten genauso wie mit den über 130 Nationen, die in unserer Stadt ihr Zuhause haben.“

Mairede und Bürgerfest

DGB-Regionsvorsitzender und Bündnisorganisator Bernhard Löffler betonte in seiner Mairede die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn „nicht unter 8,50 Euro“ sowie eine wirksame Regulierung der Finanzmärkte. „Und die Reichen und Vermögenden müssen endlich ihren Beitrag zur Bekämpfung der Krisenfolgen und für unseren Sozialstaat leisten.“ Darüber hinaus betonte auch Löffler seine große Freude darüber, dass so viele Menschen an diesem Tag geschlossen zeigten: „Rassistische Tendenzen und fremdenfeindliches Gedankengut haben bei uns – in unserer Stadt – keinen Platz. Heilbronn gehört uns und nicht den Rechtsradikalen!“

Viele Demonstranten schauen nach der Kundgebung beim Bürgerfest in der Sülmerstraße vorbei – dort gibt es internationale Speisen und Informationsstände der Bündnisteilnehmer. Schon am frühen Nachmittag löst sich der friedliche Protest in der Stadt auf, viele Menschen verteilen sich auf die gut gefüllten Cafés – es sind nur wenige, die an diesem Tag geöffnet haben. Leer ist es hingegen im Ambulanzzentrum im Rathausinnenhof. Zelte und Betten hätten Platz für 20 Verletzte geboten. Benötigt wurden die Pritschen zum Glück nicht


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