Historische Gewänder werden von der Menge bejubelt
Beim Reichsstadtfest in Bad Wimpfen lernen Besucher viel über Ritter, Lager und Landsknechte, und auch, warum der Schwertkampf ganz schön gefährlich ist.
Vor dem Rathaus in Bad Wimpfen ist um 19 Uhr kein Halten mehr. Als "Modenschau des Mittelalters" kündigt Moderator Michael Oehler auf der Rathaustreppe den erstmals stattfindenden Gewandungswettbewerb beim Reichsstadtfest an.
Applaus für die hübsch ausstaffierten Leinenweber aus Bad Wimpfen, deren Oma alle Kleider genäht hat. Dafür wird es auch den dritten Preis als Gruppe und den zweiten für die Töchter Jasmin und Annika geben. Musketier Mika räumt den ersten Platz bei den Kindern ab.
Napoleon und Josephine waren auch dabei
Begeisterung auch für Helga und Karlheinz Hofmann. Er geht heute als Napoleon, begleitet von seiner Josephine. Hut und Schulterklappen hat er auf dem Sperrmüll gefunden, geschneidert hat die Kostümpracht Inge Retter, Schöpferin der meisten prämierten Gewänder.
"Napoleon ist heute in Wimpfen, übermorgen ziehen wir nach Moskau", ruft er gut gelaunt. Der Jubel der Menge ist der Gradmesser beim Wettbewerb. Und der fällt in der Kategorie "Gruppe" für die mutigen Jaekleins Spieße besonders laut aus. Sieben Schwaben und ein Has", wie Jörg Kador als Landsknecht von 1525 seinen Trupp ankündigt, jagen in Zeitlupe dem Langohr hinterher - um letztendlich Reißaus zu nehmen. Der erste Platz ist ihnen sicher.
Zuschauer amüsieren sich
Die Zuschauer amüsieren sich und erfahren, dass ein Musketier wie Hauptmann Peter Kesel im 30-jährigen Krieg durchaus 25 Kilogramm Kleidung am Leib trug. Dicker Lederwamst inklusive.
"Im 12. Jahrhundert wiegt allein die Kettenhaube 1,5 Kilogramm, dazu kommen zwei Kilo Gewicht für den Helm" berichtet Niels Wittmershaus als Cornelius Aquarius, der mit der Gruppe Opus Manus aus dem Zabergäu und der Schlosswache Kirchhausen am Roten Turm lagert. Gern zeigt er Besuchern sein "Reisebett" im Zelt, Strohsäcke sorgen als Matratzenersatz für gute Nachtruhe.
Schwertkampf ist sehr schweißtreibend
"Auf Hals, Schulter, Knie, Gedärm": Trotz 30 Grad Celsius führen Dominik Hohly und Bernhard Baumgärtner einen Schwertkampf vor. Konzentration ist das A und O. "Wenn ich mich verschlag, fliegt ihm der Kopf runter," stellt Baumgärtner nüchtern fest.
Zehn Gruppen haben ihre Lager aufgeschlagen, vom Alten Friedhof bis zum Birkensee. Das Schöne? "Die Gemeinschaft, und dass es keine Standesunterschiede gibt, nur die gespielten", sagt Nicolai Knauer von der Schlosswache. Familie Ostermeier, die seit neun Jahren mittendrin, im Burgviertel wohnt, genießt das historische Treiben.
Klar, sind die Musikzüge laut. "Aber es ist ok. Wimpfen ohne Feste, das wäre schrecklich", sagt Isabell Ostermeier. "Ich find"s gut, weil man so viel lernen kann", überlegt Clara (7). "Ich durfte heute schon eine Armbrust halten." Auch Bruder Vincent(5) ist stolz: Er hat beim Kinderreigen im Wormser Hof mitgetanzt.
Drei Wochen haben die Erzieherinnen Bettina Mendel und Margit Fackler-Schnell die Drehungen und Schritte mit den Kindern vom Kindergarten Weimarstraße einstudiert. "Das war schon eine Herausforderung," sagt Margit Fackler-Schnell. Gewandet in historische Kostüme, die Mädchen mit eingeflochtenem Haar unterm Schleier, die Jungs mit Kappen, haben sie nicht nur die Eltern verzückt.
Böllervorführungen, Renaissance-Tänze, Fechtstücke oder Turmbläser: An verschiedenen Orten in der Stadt erleben Besucher Sehenswertes zum Verweilen. In der Stauferpfalz zeigt Antje Speer als Anne vom Ottilienberg ihren Borten-Webstuhl und Bildstickerei im Bayeux-Stich. Gewanderin Dorothea Claßen präsentiert ihre Kleider und freut sich. "Ich habe mit meinem Mann ein gemeinsames Hobby gefunden. Wir sind im Partnerlook."
Stolz deutet sie auf den Brokatstoff, 79 Euro der Meter. "Bei mir sind die Reste verarbeitet", erklärt Manfred Claßen. Macht nichts. Beim Gewandungswettbewerb holen sie als Dame und Herr von Kimbern den ersten Platz bei den Paaren.

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