Stimme+
Heilbronn

Ganz anderer Blick auf die Mülldeponie Vogelsang

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

In der aktuellen Folge unserer Videoserie "Von oben" zeigen wir die Deponie am Wartberg aus der Vogelperspektive und, wie sie funktioniert.

Von Alexander Klug

 

 

Aus luftiger Höhe sieht es aus, als hätte ein Kind im Sandkasten gespielt. Hier ein paar Häufchen in einer Reihe, dort eine Grube, hier ein vergessenes Eimerchen, dort eine mit der kleinen Plastikschaufel flach geklopfte Fläche. Doch hat das, was auf der Heilbronner Deponie Vogelsang passiert, nichts mit Spielen zu tun: Jahrzehntelang luden Menschen aus der Region auf der Heilbronn abgewandten Seite des Wartbergs ihren Hausmüll ab, seit einigen Jahren bringen die Lkw nur noch Bauschutt und Erde. Was die Sandkastenförmchen aus der Vogelperspektive am Boden für Funktionen haben, erklärt Markus Hohmann. Er ist Abteilungsleiter Abfallwirtschaft bei den Entsorgungsbetrieben der Stadt Heilbronn.

Leitungen im Berg

Denn die Deponie ist bei weitem nicht nur ein Berg, an dem Müll abgelagert wird, sondern ein komplexes Bauwerk. Große Teile der Bergflanke, die die Deponie beherbergt, sind von Leitungen durchzogen. "Damit erfassen wir das Sickerwasser, es läuft in einem Hauptsammler zusammen", sagt Markus Hohmann. Über eine Druckleitung wird es zur Heilbronner Kläranlage an der Austraße gepumpt. Ein Speicherbehälter verhindert bei starkem Regen, dass die gesamte Wassermenge auf einmal Richtung Anlage fließt - er fasst 700 Kubikmeter. Was weiter unten im Berg liege, sei zwar nicht erfasst worden. "Es werden aber regelmäßig Proben aus Grundwasser und Brunnen genommen."

Auch Gas, das durch chemische Reaktionen im Abfall entsteht, wird eingefangen. "Wir wollen verhindern, dass es sich einfach in der Luft verflüchtigt", sagt der Abteilungsleiter. Vor allem Methan entsteht am Vogelsang, ein farb- und geruchloses, aber brennbares Gas. Was an Gas in die Leitungen gesaugt wird, wird untersucht. Enthält es viel Methan, wandelt es das Blockheizkraftwerk der Heilbronner Versorgungsgesellschaft (HVG) durch Verbrennen in Elektrizität um - bei geringem Gasanteil wird es entsorgt.

Abdichtung schützt Grundwasser

Gut aus der Luft zu erkennen sind zwei Areale, auf denen gebaut wird. Das eine ist der neue Recyclinghof, an der Zufahrt - er bekommt ein Dach und ermöglicht die ebenerdige Anlieferung der Wertstoffe. Das andere ist deutlich größer und am Hang gelegen. "Dieses Gebiet wird derzeit abgeschlossen, hier wird nichts mehr eingelagert", sagt Hohmann. Das ist aufwendig: Die Oberflächenabdichtung besteht aus mehreren Schichten, es soll kein Wasser mehr in den Untergrund dringen können. Die oberste Schicht bilden 120.000 Kubikmeter Erde, die beim Bau des Audi-Standorts auf den Böllinger Höfen angefallen sind, eine andere verglaste Schlacke aus der Müllverbrennung. Drei Jahre lang sollen die Arbeiten noch dauern.

Der eigentliche Einlagerungsbereich, der sogenannte "Ausbauabschnitt Nord", liegt einen Steinwurf entfernt. "Früher ist dort alles mögliche abgeladen worden. Seit 2005 kommt aber nur noch mineralischer Abfall hierher, zum Beispiel Bauschutt und Erde", erläutert der Fachmann. Bei der derzeitigen Geschwindigkeit, mit der Lkw Material anliefern, bietet die Deponie noch Platz für die nächsten 30 Jahre. 1,3 Millionen Kubikmeter Platz stehen noch zur Verfügung - eingelagert werden zwischen 40.000 und 50.000 Kubikmeter pro Jahr.

Viele Tiere leben hier

Der Wartberg ist der Hausberg Heilbronns − seine Rückseite Richtung Nordosten war jahrzehntelang der Ort, an dem die Bewohner der Stadt und umliegender Orte Abfall aller Art entsorgten.
Foto: Manuel Maier
Der Wartberg ist der Hausberg Heilbronns − seine Rückseite Richtung Nordosten war jahrzehntelang der Ort, an dem die Bewohner der Stadt und umliegender Orte Abfall aller Art entsorgten. Foto: Manuel Maier

Als Ausgleich für den Eingriff in die Natur durch die Baumaßnahme wurden ein Teich und eine Wiese angelegt - der Teich als Laichbecken für mehrere Tiere, zum Beispiel die Wechselkröte. "Auf der Deponie leben aber auch mehrere Eidechsenarten, Falter und Vogelarten wie der Wendehals", sagt Hohmann. "Manche Arten sind nur wegen der besonderen Lebensbedingungen hier." In der Grube sammelt sich mal Wasser, dann trocknet sie wieder aus - manche Teilgebiete sind sehr ruhig, hier grasen Schafe.

In den 25 Jahren, die er bei der Stadt beschäftigt sei, habe sich viel am Ablauf geändert, meint Markus Hohmann. "Früher rollten die Laster hoch, es kam ein Strich auf eine Liste, es wurde abgeladen, wegfahren, fertig." Dann begann die Ära von Gelbem Sack und Mülltrennung - Altpapier, Biomüll, Recyclinghöfe. "Da ist viel Volumen vom Restmüll weggefallen." Im Gewerbe werde mittlerweile viel Abfall getrennt und über verschiedene Kanäle entsorgt. "Früher hatten wir in der Abfallbilanz des Landesumweltministeriums immer die rote Laterne. Das hat sich geändert."

Rote Laterne abgegeben

Doch weniger geworden ist der anfallende Müll deswegen nicht, im Gegenteil. "Die Menge ist unterm Strich eher gestiegen. Er kommt nur nicht mehr bei der Deponie an", sagt Hohmann. So manchen Trend sieht er kritisch - von Kaffeepads bis zu einzeln verpackten Spülmaschinentabs. Beim Papierabfall steigt das Volumen und das Gewicht sinkt. "Das kommt durch den gestiegenen Internethandel mit seinen vielen relativ leichten Kartons." Auch Glasmüll gehe zurück - der Popularität der Plastikflasche sei Dank.

 

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben