Für Gehörlose hat sich in den vergangenen Jahren vieles geändert - doch noch ist nicht alles barrierefrei
Der zweite Teil des Volo-Projektes "So spricht Heilbronn" der Heilbronner Stimme befasst sich mit dem Alltag von Gehörlosen. Die 80 000 Gehörlosen in Deutschland müssen sich vielen Problemen im Alltag stellen. So wurden sie zu Beginn nicht über die Pandemie informiert. Einiges hat sich jedoch positiv verändert in den vergangenen Jahren.

80 000 Gehörlose und Teile der 150 000 schwerhörigen Menschen in Deutschland stehen oft vor Problemen, welche sich Hörende, die die Lautsprache nutzen, gar nicht vorstellen können. Einiges dreht sich dabei um das Schlagwort "Barrierefreiheit", also die Möglichkeit, an dem Leben teilzuhaben, welches Hörende ganz selbstverständlich leben. Vom Zugang zu Informationen bis zum Absetzen eines Notrufes gibt es viele Probleme, denen sich Gehörlose im Alltag stellen müssen. Doch einige Dinge haben sich auch zum Positiven verändert
Die Gesellschaft grenzt aus
"Ich fühle mich nicht ausgegrenzt oder gar behindert," stellt Markus Fertig, Lehrer an der Lindenparkschule in Heilbronn und selbst seit Geburt gehörlos, klar. "Ich kommuniziere in der Gebärdensprache und mit anderen Gehörlosen kann ich mich super unterhalten. Das ist nicht das Problem. Aber die Gesellschaft begrenzt mich und grenzt uns aus."
Keine Informationen über Corona
Und diese Ausgrenzung kann zu großen Problemen führen. So wurden zu Beginn der Pandemie die Informationen zu Corona kaum an Gehörlose weitergegeben. "Ganz am Anfang waren alle irritiert", erinnert sich Fertig. "Irgendwas war mit einer Pandemie, aber keiner von uns wusste, was los ist. Dann hat der Landesverband der Gehörlosen dafür gekämpft, dass Kretschmann einen Dolmetscher zur Seite bekommt."
Höchst umstrittener Unterricht
Fertig war einer der ersten gehörlosen Lehrer in Baden-Württemberg. Er möchte, dass die Kinder es besser haben als er zu seiner Schulzeit. "Damals war Gebärdensprache verboten", erzählt er. "Wir mussten auf den Händen sitzen, oder uns wurde auf die Hände geschlagen, wenn wir Gebärden nutzten." Das war lange Zeit die Erziehungsmethode für gehörlose Kinder, denn sie sollten an die hörende Welt angepasst werden. "Sie müssen sich mal vorstellen: Alle Inhalte im Unterricht muss man erst einmal vom Mund ablesen. Das ist wie in einer Fremdsprache dem Unterricht folgen zu müssen." Dieser sogenannte lautsprachorientierte Unterricht für Gehörlose ist heutzutage höchst umstritten. Stattdessen wird oft auf einen Mittelweg gesetzt. Die Gebärdensprache ist dabei die Muttersprache, die Lautsprache die Zweitsprache.
Das Voloprojekt der Heilbronner Stimme
Dieser Text ist Teil des Volo-Projektes "So spricht Heilbronn" der Heilbronner Stimme. Eine Woche hatten unsere Volontäre Zeit, selbst gewählte Themen anzurecherchieren und die Ergebnisse anschließend in journalistische Darstellungsformen zu gießen. Features, Reportagen, Interviews und Listicles zu den Themen Religion in Zeiten von Corona, Die Polizei und Social Media, Die politische Kommunikation der Bundesgartenschau in Heilbronn, Dialekte in der Region Heilbronn-Franken und den Lebens- und Lernbedingungen von Geflüchteten in der coronabedingten Isolation finden sich unter https://projekte.stimme.de/sosprichtheilbronn.


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