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"Fliegenfischen ist der Grund, warum ich so entspannt bin"

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Dominik Juchem ist beim Angeln so beschäftigt, dass er alles andere vergisst. Das Fliegenfischen ist eine Kunst für sich. Die Enz in Besigheim ist dafür gar nicht mal besonders gut geeignet. Juchem ist trotzdem gerne dort.

Von Heike Kinkopf
Dominik Juchem trifft sich nach der Arbeit häufig mit zwei Freunden in Besigheim . Dort steigt er in die Enz. Foto: Andreas Veigel
Dominik Juchem trifft sich nach der Arbeit häufig mit zwei Freunden in Besigheim . Dort steigt er in die Enz. Foto: Andreas Veigel  Foto: Veigel, Andreas

Dominik Juchem steht bis zu den Knien in der Enz. Geschickt wirft der 35-Jährige die Rute vor und zurück. Der Physiotherapeut aus Großbottwar angelt, seit dem vierten Lebensjahr. Einzig in der Pubertät lässt er es sein - bei den Mädchen kann er als Teenager damit nicht landen. Die Phase ist vorüber. Ein Gespräch über die Kunst des Fliegenfischens und was es ihm bedeutet.

Was hat Sie heute aufgeregt, Herr Juchem?

Dominik Juchem: Heute? Gar nichts. Es gibt auch Montage, an denen mich nichts aufregt (lacht). Zuletzt habe ich mich geärgert, als ich ein bisschen kränklich, nicht fit war und trotzdem gearbeitet habe. Ich behandelte den ganzen Tag Patienten und empfand sie als fordernd. Aber grundsätzlich bin ich ziemlich ruhig, entspannt und ausgeglichen.
 

Wenn Sie sowieso schon entspannt unterwegs sind, warum gehen Sie dann angeln?

Juchem: Ich denke, es ist der Grund dafür, warum ich so entspannt bin. Fliegenfischen ist der Ausgleich im Alltag. Psychisch, nicht physisch, dafür habe ich einen anderen Sport.


Welchen?

Juchem: Ich habe jahrelang Handball gespielt, bis vor drei Jahren auch im Verein. Jetzt mache ich mehr gesundheitsorientierten Sport, Ausdauer, ein bisschen Geräte. Und ab und zu boxe ich mit einem Kumpel. Da kann ich Dampf ablassen.
 

Was gefällt Ihnen am Fliegenfischen?

Juchem: Zum einen die Ruhe. Zum anderen weiß man trotzdem nicht, was im nächsten Moment passiert. Es ist ein Wechsel von Anspannung und Entspannung. Wenn ich die Fliege richtig präsentiere, kann jeden Moment ein Fisch beißen. Dann ist es mit der Ruhe schlagartig vorbei. Das macht den Reiz aus.


Fliegenfischen ist eine Kunst für sich, oder?

Juchem: So heißt es. Es ist eine besondere Form des Fischens. Man sagt, es ist die feinste Form.


Worin liegt der Unterschied zum normalen Angeln?

Juchem: Beim normalen Angeln benutzt man einen Köder, der ein bestimmtes Gewicht hat. Beim Fliegenfischen liegt das Gewicht in der Schnur. Sie sieht wie eine Wäscheleine aus. Sie ist dicker und schwerer als eine normale Angelschnur. Durch das Vor- und Zurückwerfen hält man sie in der Luft. Dazu braucht man eine besondere Technik.


Klingt anspruchsvoll. Wie weit kann man Fliegenfischen perfektionieren?

Juchem: Es gibt Leute, die machen das sogar als Beruf. Die heißen dann Instructor oder Guides. In Ellhofen zum Beispiel bietet der Inhaber eines Angelgeschäfts Kurse an. Wenn man zum Fliegenfischen gehen will, sollte man sich informieren.


Der Bewegungsablauf beim Fliegenfischer ist anders als beim normalen Angeln.

Juchem: Er ist komplett anders. Es gibt verschiedene Wurftechniken. Wenn ich viel Platz nach hinten habe, kann auch die Schnur weit nach hinten gehen. Wenn das nicht der Fall ist, arbeite ich mit dem Rollwurf. Jede Situation erfordert eine andere Technik. Je mehr man fischt, umso besser bekommt man ein Gefühl dafür, wie man die Fliege sauber präsentiert. Oder was man tun muss, damit sich die Schnur weit streckt. Erfahrung spielt beim Fliegenfischen eine große Rolle.


Sie müssen die Technik beherrschen und viel üben. Wo bleibt da die Entspannung?

Juchem: Die Zeit vergeht dabei unheimlich schnell. Beim Fischen muss ich das Wasser beobachten. Außerdem muss man sich mit Insektenkunde gut auskennen. Welche Fliegen fliegen heute? Welche Farben haben sie? Schwimmen welche auf dem Wasser? Holen sich die Fische die Fliegen von der Oberfläche oder fressen sie unter Wasser? Auf alles das reagiere ich.


Es scheint, dass Sie viel zu beachten haben.

Juchem: Ich bin sehr fokussiert. Ich muss mich auch in den Fisch hineindenken. Wo könnte ein guter Standort für Nahrung sein? Dadurch vergisst man, was einen im Alltag beschäftigt hat. Ich bin so mit dem Fischen beschäftigt, dass ich alles andere vergesse.


Haben Sie schon den großen Fang gemacht?

Juchem: (lacht) Ja. Wobei ich sagen muss, es ist mir eigentlich egal, ob ich was fange oder nicht. Ich sehe es so: Wenn einer beißt, ist das ein Bonus. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm, ich gehe trotzdem zum Fischen. Es geht nicht darum, tatsächlich etwas zu fangen. Deshalb komme ich zum Beispiel auch hierher an die Enz in Besigheim. Hier ist es schön, zum Fliegenfischen aber nicht prädestiniert. Da müsste ich eigentlich in Bayern oder in Österreich leben, wo es klare Bergseen und Bäche gibt. Aber theoretisch kann man überall fischen. Auch hier. Dann kann man sich sogar mehr freuen, wenn man mal einen Fisch überlistet.


Es geht Ihnen also um die Tätigkeit?

Juchem: Genau. Ich finde es manchmal viel schöner, wenn ich einen Fisch beobachte. Wenn ich sehe, wie er frisst, wie er sich im Wasser bewegt. Das hat etwas Beruhigendes. Wasser ist doch eh schon beruhigend. Wenn man dazu noch drin steht und es spürt, sind andere Sinne beteiligt, als wenn ich am Ufer stehe und gucke.


Wenn es aufs Fischefangen gar nicht ankommt ...

Juchem: Na ja, wenn ich jeden Tag hier wäre und in einer Woche absolut nichts fangen würde, wäre das schon frustrierend. Ich würde mich fragen, was ich verkehrt mache (lacht). Es ist grundsätzlich schön, wenn einer anbeißt, das muss ich ehrlicherweise sagen.


Wenn ein Fisch beißt, werfen Sie den zurück oder nehmen Sie ihn mit nach Hause und essen ihn?

Juchem: In Deutschland ist es gesetzlich so geregelt: Fange ich einen Fisch, der nicht in der Schonzeit ist, muss ich ihn mitnehmen. Es kann aber passieren, dass er kurz vorm Ufer verloren geht, dann hat er Glück gehabt und darf weiter schwimmen. Was es auch gibt, ist Catch and Release (zu Deutsch: Fangen und Freilassen). Es dient der Bestandsregulierung. Eine große Forelle beispielsweise könnte ja noch für Nachwuchs sorgen. Es ist auch eine ethische Frage, ob ich sie wieder schwimmen lasse oder sie mitnehme. Es ist außerdem verantwortungsvoll, einen seltenen Fisch wieder freizulassen.
 

Zum Fliegenfischen zieht es Sie an entfernte Orte. Was ist dort anders?

Juchem: Die Landschaft und die Natur sind anders. An anderen Orten gibt es manchmal noch einen Urbestand an Fischen, den es hier an der Enz so nicht mehr gibt. Einmal im Jahr gehe ich zum Beispiel in die Fränkische Schweiz. Das Besondere ist, dass es in Oberfranken sehr viele Maifliegen gibt. Bei den vielen Fliegen drehen die Fische völlig durch. Da sieht und hört man es nur noch platschen. Es ist ein Spektakel.


Welchen Promi würden Sie gern mal mit zum Fischen nehmen?

Juchem: Da fällt mir spontan keiner ein. Meine Freundin käme bestimmt mit, wenn ich sie bitten würde. Aber sie sagt, das sei unser Männerding und voll okay. Wenn ich abends nach Hause komme, fragt sie immer, wie es war.

Was antworten Sie?

Juchem: Ich sage immer, dass es schön war. Letztens beim Fischen fragte ein Passant: Ist heute ein guter Tag zum Fischen? Und ich habe gesagt: Jeder Tag ist ein guter Tag zum Fliegenfischen.


Vervollständigen Sie bitte folgenden Satz: Wenn ich nicht mehr Fliegenfischen darf...

Juchem: ... also erstmal: Verbieten lassen würde ich es mir ohne triftigen Grund nicht. Und ansonsten: Fliegenfischen ist nicht mein ganzes Leben, aber ohne würde mir echt was fehlen.


Zur Person

Dominik Juchem, 35, stammt aus dem südhessischen Heppenheim und lebt in Großbottwar. Der Physiotherapeut macht zurzeit den Master in Bewegungswissenschaft. Er leitet das Therapiezentrum in Ilsfeld, eine Außenstelle des Therapie- und Reha-Zentrums Bottwartal. Juchem ist freiberuflicher Dozent an der Kolping-Fachschule in Stuttgart.

 

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