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Interview

Ex-Eishockeyspielerin Maren Valenti im Interview

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Die ehemalige Eishockeyspielerin Maren Valenti spricht darüber, wie starker Wille und Pop-Art-Kunst ihr über Zeiten der Krankheit geholfen haben.

Von Alexander Klug
Nicht nur ihre Malerei, auch das Atelier von Maren Valenti sieht nach Pop-Art-Kunst aus. Zu finden ist es in den Mannheimer Quadraten. Foto: Matthias Heibel
Nicht nur ihre Malerei, auch das Atelier von Maren Valenti sieht nach Pop-Art-Kunst aus. Zu finden ist es in den Mannheimer Quadraten. Foto: Matthias Heibel  Foto: Heibel, Matthias

Maren Valenti und Eishockey, das ist eine Verbindung der besonderen Art. Trikots, Pokale, und so mancher Türstopper auf dem Boden, der verdächtig an einen Puck erinnert. Doch hat sich ihr Leben seit der Erkrankung an Multipler Sklerose völlig gewandelt, die Krankheit betrifft das zentrale Nervensystem. Statt Trainingszeiten, Ligaspielplan und Nationalmannschaft dominieren heute Acrylfarben und Leinwände ihren Alltag. Doch dieselben Eigenschaften, die sie schon als Eishockeyspielerin groß gemacht haben, retten sie auch in dieser schweren Zeit der Krankheit: Mit starkem Willen, Ehrgeiz und Lebensfreude stürzte sie sich zwar nicht ganz freiwillig, aber entschlossen in die neue Aufgabe als Pop-Art-Künstlerin. Die heute 41-Jährige erklärt, warum Profieishockey wie Pop-Art-Kunst nur mit Einsatz und reichlich Fantasie funktionieren.

 

Was ist Ihre Lieblingsfarbe, Frau Valenti?

Maren Valenti: Blau.

 

Die Antwort kam schnell.

Valenti: Ich male von Kindesbeinen an, da hat sich im Laufe der Zeit eine Lieblingsfarbe herausgebildet. Schon meine Schulhefte habe ich mit Bildern verziert. Manchmal zum Ärger der Lehrer, die dachten, ich passe nicht auf. Dabei konnte ich mich schon damals besser konzentrieren, wenn ich male. Ich bin nicht abgelenkt, sondern bei der Sache. Ich konnte immer wiederholen, was der Lehrer zuletzt gesagt hatte.

 

Man braucht schon ein bisschen Fantasie, um darauf zu kommen, dass die kleine Malerin zum Eishockeyprofi wird.

Valenti: Ich habe auch als Profi nicht mit dem Malen aufgehört und ständig Gästebücher bei den Vereinen, bei denen wir gespielt haben, mit Bildern verziert. Mein Weg zum Eishockey war auch gewissermaßen kurz, das mit dem Eishockey liegt bei uns einfach in der Familie. Schon mein Vater hat Eishockey gespielt. Und mein Bruder. Mein Neffe spielt auch. Da konnte ich gar nicht anders.

 

Wie passen harter Eishockeysport und weiche Kunst zusammen?

Valenti: Ich finde, dass beides etwas Körperliches hat. Beim Eishockey ist das ja offensichtlich. Aber auch beim Malen geht es um körperliches Erleben. Farbe an den Fingern, auf den Kleidern. Leinwände selber bauen. Das gehört für mich dazu.

 

Wie sieht es mit Fantasie und Kreativität aus? Eishockey versus Malerei?

Valenti: So einen großen Widerspruch sehe ich da gar nicht. Um gut Eishockey zu spielen, braucht man auch viel Fantasie. Das ist nicht nur ein sehr schneller, sondern auch ein sehr komplexer Sport. Die Koordination aus Armen, Händen, Beinen und auch den Mitspielern ist schwieriger als Schlagzeugspielen. Sicher, früher habe ich fünf, sechs Stunden am Tag trainiert. Auf eine Art hart und diszipliniert sein muss man aber auch als Künstler. Ich bin Perfektionistin und ziemlich ehrgeizig.

 

Woran merkt man das?

Valenti: Ich habe schon immer mit Männern zusammen Eishockey gespielt. Das war kein Problem, ich bin damit groß geworden, immer ein bisschen schneller sein zu müssen. Sich nichts gefallen zu lassen, sich durchzuboxen. Ich bin schon damals mit meinem Bruder jeden Tag nach der Schule ins Freiburger Eisstadion gegangen und abends um sieben nach Hause gekommen. Fragen Sie meine Mutter. So etwas wie Wochenende kannte ich lange Zeit gar nicht. So mit Freunde treffen und Freizeit. Hart war die Zeit, als ich parallel zum Sport meine Ausbildung zur Mediengestalterin gemacht habe. Vor der Arbeit Training. Nach der Arbeit Training. Da kamen regelmäßig 13- oder 14-Stunden-Tage dabei heraus.

 

Aber verloren haben Sie doch bestimmt auch mal.

Valenti: Klar. Aber verlieren ist nicht gleich verlieren. Nehmen Sie ein Kartenspiel. Kartenspiele sind mir egal, das kann ich sowieso nicht so gut. Da macht es mir nichts aus, wenn ich verliere. Aber im Eishockey war ich gut, da habe ich mich eingesetzt. Da hat es mir immer weh getan, zu verlieren.

 

Ist das mit dem Nicht-verlieren-Können nicht wenigstens ein bisschen besser geworden mit den Jahren?

Valenti: Doch. Ein bisschen. Ich lerne es mit den Kindern. Bei den Mannheimer Jung-Adlern trainiere ich U 9- und U 11-Spieler. Denen bringe ich bei, dass es zunächst um das Spielen geht, erst in zweiter Linie ums Gewinnen. Und dass es nicht schlimm ist, wenn es mit dem Gewinnen gar nicht klappt.

 

Ihre Krankheit hat Sie gezwungen, mit Ihrer Leidenschaft Eishockey aufzuhören. Welche Rolle haben Kunst und Fantasie bei der Verarbeitung gespielt?

Valenti: Als ich krank wurde, war ich 29 Jahre alt. Es gab damals nur zwei Wege für mich. Den Kopf hängen zu lassen und die Trauer gewinnen zu lassen. Oder sich zu sagen, dass das jetzt eine wirklich bittere Situation ist, es aber weitergehen muss. Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden und lasse die Krankheit nicht meinen Alltag bestimmen, habe aber gelernt, mehr auf mich zu achten. Wenn ich erschöpft bin, lege ich mich hin, ich trinke keinen Alkohol. Ich sehe die Kunst nicht als Therapie, sondern als meine neue Aufgabe, die ich ernst nehme. Geschenkt gibt es gar nichts, man muss hinter dem stehen, was man tut und Aufwand betreiben. Auch, wenn es um Kreatives geht.

 

Klingt nach dem starken Willen einer Sportlerin.

Valenti: Ja. Aber starke Wille war schon vor dem Sport da. Ich war schon immer so. Auch wenn ich weiß und schon erlebt habe, dass seinen Willen durchzusetzen oft nicht der einfachere Weg ist. Der einfache Weg war bisher selten der meine, nicht erst seit der Krankheit. Dafür nehme ich auch unangenehme Konsequenzen auf mich. Immer, wenn jemand gesagt hat, dass schaffst du eh nicht, hat mich das erst recht motiviert.

 

Reicht Fantasie zum Leben?

Valenti: Es gab schwierige Zeiten, auch finanziell. Das hat sich mittlerweile geändert, es geht mir gut. Ich habe mein Atelier hier in Mannheim, hier kann ich arbeiten und mich entfalten. Mitten in der Stadt, wo Action ist, das mag ich. Ich komme aus Freiburg und habe in vielen Städten gelebt, aber ich habe meine Begeisterung für Mannheim entdeckt. Mannheim ist eine bunte Stadt, die Leute sind offen, der Lifestyle gefällt mir. Und ich mag meine Unabhängigkeit hier. Zum Beispiel sind viele Leute heutzutage die ganze Zeit mit ihrem Handy beschäftigt, schauen ständig drauf. Ich finde die Technik auch toll und nutze sie. Aber die Verrücktheit danach finde ich blöd. Ich will immer noch in meiner eigenen Welt leben. Das mache ich gern.

 

Und Sie malen, was Sie wollen?

Valenti: Wenn es um den Style geht, schon. Aber ich übernehme auch Auftragsarbeiten und male Bilder für Unternehmen und Privatpersonen. Die Spanne ist sehr groß. Neulich habe ich den Internetauftritt eines Energieversorgers neu gestaltet. Einige Kunden sind Mitte 20, mein ältester Kunde ist Mitte 80.

 

Passt Ihr Pop-Art-Stil in die Wohnung eines 80-Jährigen?

Valenti: Für manche macht gerade das den Reiz aus. Dass es nicht passt. Sich ein Bild danach zu kaufen, wie man sich gerade fühlt, nicht so sehr danach, wie man bisher wohnt. Einen grellen Blickfang in einer ansonsten konventionellen Wohnung zu haben. So ein Farbspiel finden manche geil.

 

Wie fantasievoll dürfen Sie dann noch sein? Wie konkret sind die Instruktionen?

Valenti: Die Kunden erzählen mir oft eine Geschichte über sich. Was ihnen wichtig ist, was ich wissen soll, über ihr Leben, ihren Alltag. Dann beginnt mein Teil der Arbeit. Ich recherchiere Informationen und Eindrücke um das gewünschte Thema herum. Ich kann nicht ein Blatt nehmen und drauf los malen. Das braucht seine Zeit und ist durchaus aufwendig. Fantasie alleine reicht da nicht.

 

Was machen Sie denn, wenn sie mal gar nicht will, die Fantasie?

Valenti: Mir hilft es, in so einem Fall einfach etwas ganz anderes zu machen und es nicht krampfhaft immer wieder zu versuchen. Dann klappt es meistens auch wieder mit den Ideen.

 

Zur Person

Maren Valenti wurde am 15. Oktober 1976 in Freiburg geboren. Sie spielte in Ravensburg, Freiburg, Mannheim, Heilbronn, Esslingen, Bülach (Schweiz), Vancouver (Kanada), Laval (Kanada), Berlin und Kornwestheim. Sie wurde fünf Mal Deutsche Meisterin und vier Mal Vizemeisterin. Maren Valenti hat in 164 Länderspielen 86 Tore erzielt. Sie nahm an fünf Welt- und vier Europameisterschaften teil - sowie 2002 an den Olympischen Spielen. 2006 beendete sie ihre Spielerkarriere wegen einer Multiple-Sklerose-Erkrankung.

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