Eine messerscharfe Hasenmahl-Rede, gepfeffert und gehaltvoll
Politik, Wirtschaft, Journaille waren am Freitagabend im Ratskeller im Visier von Hasenmahlrednerin Iris Baars-Werner. Die erklärte in einem scharfzüngigen Rundumschlag, wie der Hase läuft.
Die falschen Fährten haben nichts genützt. Der Name Iris Baars-Werner (62) lag für viele auf der Hand. Die Hasenmahlrednerin 2018, Lokalchefin und stellvertretende Chefredakteurin der Heilbronner Stimme, beendet nächsten Monat ihre journalistische Laufbahn.
Das Podium im Ratskeller nutzt sie für einen scharfzüngigen Rundumschlag zum schwierigen Verhältnis von Politik und Journalismus. In den Block diktieren, sei das für manchen nicht gleich die Definition von Journalismus?
"Gegenseitige Missachtung, gar Verachtung, schadet der Gesellschaft und der Demokratie"
Werde ein Politiker im Artikel erwähnt, käme es darauf an, ob ihm die Erwähnung gefalle. Wenn nicht, sei er "zu kurz gekommen, aus dem Zusammenhang gerissen oder falsch zitiert" worden. Das Schlimmste für einen Heilbronner Lokalpolitiker sei es, nicht in der Sofie-Kolumne in der Stimme erwähnt zu werden, scherzt sie. "Wer hier nicht vorkommt, kann einpacken."
Baars-Werner appelliert daran, dass Politiker und Journalisten ihren Umgang miteinander überdenken. "Gegenseitige Missachtung, gar Verachtung, schadet der Gesellschaft und der Demokratie." Auch die eigene Zunft wollte sie nicht schonen: "Wenn jeder Austausch von Argumenten, jedes Abwägen der eigenen Meinung und die Suche nach dem Kompromiss als Umfallen, Einknicken, Zurückrudern abqualifiziert wird, dann müssen wir uns übers Taktieren, Hinhalten und über nichtssagenden Politikersprech nicht wundern."
Schön-Redner und Tatsachen-Vernebler
Andererseits sei der Lügenpresse-Vorwurf lange vor Pegida und AfD gewachsen. Diese hätten "nur zusammengekehrt, was von den Tischen der anderen politischen Akteure gefallen war" − eben dass "die Schreiberlinge, die Journaille", mal wieder böswillig verfälsche oder nicht richtig zugehört habe.
Den "Damen und Herren Unternehmern" im Ratskeller, die sich bisher "allzu genüsslich" zurückgelegt hätten, gibt die Rednerin mit auf den Weg, dass "die Intransparenz Ihrer Wirtschaft, das Agieren Ihrer Lobbyisten und die Schön-Redner und Tatsachen-Vernebler in Ihren Kommunikationsabbteilungen", zur Meinung beigetragen haben, dass die Welt käuflich sei.
Rückblick 2017: Heilbronn repariert, statt vorausschauend zu planen
In den Heilbronn-Rückblick 2017 gehört für Baars-Werner neben Buga und Feinstaubalarm auch, dass "unser aller Vorzeigefirma am Abgasbetrügen eifrig mitgetüftelt hat, anstatt sich nachhaltig mit sauberer Mobilität zu beschäftigen". Ebenso die Frage, ob Heilbronn nicht immer eine "nachträglich reparierende", statt einer "vorausschauenden Verkehrspolitik" habe und die Bekanntgabe der Bahn, "dass sie im Buga-Jahr am liebsten gar keine Züge mehr hierher fahren lassen möchte".
2017 ist auch das Jahr, in dem "die Unverschämten noch mehr Gehör fanden". Die Mehrheit der 84 Prozent Nicht-AfD-Wähler bei der Bundestagswahl in Heilbronn dürfe sich nicht Themen und Wortwahl der Minderheit diktieren lassen.
So läuft der Hase 2018
Und der Ausblick 2018? Baars-Werner vermisst, dass aus dem Entsetzen übers Wahlergebnis nichts folgte. "Wie wäre es mit einer großen Koalition der besonnen Nachdenkenden", wie die Stadt ihre "gefühlt Abgehängten und offensichtlich Ängstlichen" wieder einbeziehen könnte? Die "Wohlfühlzone der Gemeinderatssitzungen" öfter aufgeben und rausgehen in die "Hochburgen derer, die Sie und wir nicht mehr erreichen", rät die Rednerin.
Der Appell findet sich in der Rede von OB Harry Mergel wieder, der sich einen ideellen Pakt wünscht, dem sich zugehörig fühlen darf, wer sich unter anderem einsetze für Solidarität zwischen Wohlhabenden und Bedürftigen, und wer "sich beteiligt am Nachdenken über die besten Wege in die Zukunft". Sich gegenseitig darin zu bestärken, für das Wohl der Stadt und ihrer Bewohner zu arbeiten, das ist für den OB der tiefere Sinn des Hasenmahls.
Meister Lampe hat die Rednerin übrigens außen vor gelassen, was die gespannt lauschenden und häufig applaudierenden Hasenmahlgäste kaum vermisst haben dürften. Denn wer gut aufgepasst hat, weiß auch ohne dessen Erwähnung sehr genau, wie der Hase läuft.
Aufgetischt beim Hasenmahl
Mit Feldsalat und gerösteten Blutwurstscheiben, einem Sauerbraten vom bayrischen Feldhasen mit Spätzle, Marillenknödel und Wintergemüse und zum Dessert Walnussparfait mit Birnenkompott verwöhnten Ratskellerchef Rainer Mosthaf und sein emsiges Team in Küche und Service die Gäste. Das Wildbret wurde wieder, auch das ist Tradition, von den Heilbronner Jagdpächtern gestiftet. Die Jagdhornbläser sorgten für musikalische Umrahmung.
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Kommentare
Peter Henschel am 20.01.2018 17:42 Uhr
Vieles von dem Gesagten kann man unterschreiben! Vermisst habe ich
den Punkt der teilweise zu großen Nähe von Journaille und politisch, wirtschaftlich Handelnden.
Jedes Jahr gibt es beim Hasenmahl gute Reden, nur welche Konsequenzen werden
bislang real daraus gezogen? Offensichtlich zu wenige, sonst hätten wir nicht z.B.
das grenzwertige Bundestagsxergebnis gehabt, was auch eben für Heilbronn gilt!
Bislang ist demzufolge das Hasenmahl, mehr oder weniger nur noch eine Alibi-Ritual-Veranstaltung in
welcher man Jahr für Jahr rein theoretische Appelle von sich gibt und dennoch weiter macht wie bisher!