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Eberstadt

Ein Tag auf der größten Erddeponie der Region

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Die vielen gewerblichen und privaten Baustellen in Stadt- und Landkreis Heilbronn sorgen dafür, dass Lkw zurzeit im Minutentakt die Erddeponie in Eberstadt ansteuern. Die Anlage füllt sich schneller als ursprünglich geplant.

Von Reto Bosch

 

Wer der Wirtschaftsregion Heilbronn den Puls fühlen will, findet mit der riesigen Erddeponie in Eberstadt einen guten Ort, um die Fingerspitzen aufzulegen. Es ist ein schneller Puls. Tack. Tack. Tack. Lkw um Lkw fährt auf das Gelände, kippt tonnenweise Aushub ab. Jenes Material, das die vielen gewerblichen und privaten Baustellen in Stadt- und Landkreis Heilbronn sofort verstopfen würde, könnten es die Lastwagen nicht nach Eberstadt oder zu einer anderen Deponie transportieren. Der Puls rast so schnell, dass die Erddeponien des Landkreises ihre Kapazitätsgrenze früher erreichen als gedacht.

Der Blick aus dem Fenster des Eingangsgebäudes offenbart einen nahenden Lastwagen. Schwer beladen mit Aushub. Mike Hausner, Herr der Waagen, checkt die Daten, identifiziert das Fahrzeug über das Kennzeichen. Schließlich muss der Lkw später noch einmal auf die Waage. Die Differenz aus Voll- und Leergewicht entscheidet darüber, welche Summe das Bauunternehmen zu bezahlen hat. Der Computerbildschirm zeigt: 32,9 Tonnen. Bei der Ausfahrt werden es um die 18 Tonnen weniger sein.

Mike Hausner ist gerade fertig geworden, als auf der anderen Seite ein leerer Lastwagen heranrollt. Er bringt noch 13,9 Tonnen auf die Waage. "Wenn es regnet, ist weniger los", sagt Hausner − und dreht sich schon wieder auf die andere Seite. "Machen Sie bitte die Zigarette aus", sagt er dem Fahrer. Herr der Waagen und Hüter der Regeln. Heute donnern im Ringverkehr die Lastwagen von sechs großen Baustellen nach Eberstadt.

Beginn als Hausmülldeponie

Das neue Empfangsgebäude ermöglicht es, die ankommenden und abfahrenden Lastwagen rasch abzufertigen. Fotos: Dennis Mugler
Das neue Empfangsgebäude ermöglicht es, die ankommenden und abfahrenden Lastwagen rasch abzufertigen. Fotos: Dennis Mugler  Foto: Mugler, Dennis

Klaus Beez hat eine klare Vorstellung davon, welche Rolle die Erddeponien spielen. "Das ist eine Form der Wirtschaftsförderung", sagt der Technische Leiter der Entsorgungsanlagen. Es gehe nicht darum, Gewinne zu erwirtschaften, sondern eine geregelte Bautätigkeit in der Region zu ermöglichen. Ein paar Zahlen: Von 1976 bis zum Jahr 2005 diente Eberstadt als Hausmülldeponie. Dann änderte sich die Rechtslage, Restmüll darf seitdem nur noch verbrannt werden. Der Landkreis beschloss, die gewaltige Fläche zu nutzen und eine Erddeponie anzulegen. Noch ist Platz − aber nicht mehr so viel wie ursprünglich gedacht.

500.000 Kubikmeter oder eine Million Tonnen Material können die Lkw noch abkippen. "Die Kapazität reicht noch für sieben bis neun Jahre", meint Klaus Beez. In welchem Tempo die Anlage derzeit zuwachse, sei "der Hammer". Eberstadt ist als Deponie der Klasse DK0 eingestuft, das Material muss also nahezu unbelastet sein. Die Stadt Heilbronn betreibt mit dem Vogelsang eine Anlage, die auch etwas stärker belastetes Material aufnehmen darf. Der Deal: Der Landkreis akzeptiert DK0-Material aus der Stadt, diese wiederum bis DK2 aus dem Landkreis. Beide Seiten profitieren, müssen nicht alle Deponieklassen vorhalten.

Gase werden zur Energieerzeugung genutzt

Klaus Beez fährt, nein hüpft in zügigem Tempo mit seinem kleinen Auto über die holprige Zufahrt. Oben auf der Deponie angekommen, zeigen sich die Ausmaße der Anlage. Unterteilt in mehrere Bauabschnitte ruhen teilweise 50 Zentimeter Aushub auf dem Hausmüll, an anderen Stellen sind es zehn Meter. Der Restmüll im Untergrund gärt noch munter vor sich hin. Hin und wieder bekommt die Nase einen ungefähren Eindruck davon, wie es bis 2005 hier gerochen haben muss. Die Gase werden aber aufgefangen und zur Energieerzeugung genutzt.

Laut brummend machen eine Raupe und eine Walze auf sich aufmerksam. Von der anderen Seite rumpelt ein Lkw heran. Ein Deponie-Mitarbeiter weist den rückwärts fahrenden Truck ein, gibt Handzeichen. Kurze Zeit später jault der Motor auf, die Hydraulik wuchtet die Ladefläche fast in die Senkrechte. Knapp 20 Tonnen Aushubmaterial donnern auf den Boden. Ein paar Meter nebenan geschieht dasselbe. Immer wieder. Von einem Ruhepuls weit entfernt.

Belastetes Material hat hier keinen Platz

Alles im Blick: Klaus Beez ist Technischer Leiter der Landkreis-Deponien.
Alles im Blick: Klaus Beez ist Technischer Leiter der Landkreis-Deponien.  Foto: Mugler, Dennis

Roger Fröhlich schnappt sich einen weißen Eimer und ein Schäufelchen, das in seiner großen Hand fast verschwindet. Es sieht nur ganz kurz so aus, als ob er Sandburgen bauen will. Tatsächlich sticht Fröhlich etwas Material aus dem Haufen heraus und füllt es in den Eimer. Diesen Vorgang wiederholt er an anderen Lkw-Ladungen, die aber von derselben Baustelle kommen. "Wir ziehen regelmäßig Gegenproben", erklärt Klaus Beez. Der Landkreis will sicher gehen, dass die Deponie frei bleibt von belasteten Stoffen. Wenn Bauunternehmer Material anliefern wollen, müssen sie dieses von einem unabhängigen Labor untersuchen und klassifizieren lassen. Mit diesen Informationen melden die Unternehmer den Aushub an, erhalten dann die Freigabe. 

Und jetzt kommt die Gegenprobe ins Spiel: Sollte das vom Landkreis beauftragte Labor Schadstoffe finden, bekommt das Bauunternehmen Probleme. Bei gravierenden Verunreinigungen müsste das Material auf Kosten der Firma wieder ausgebaut werden. Zudem darf sie nichts mehr anliefern. "Das ist aber noch nie vorgekommen", sagt Beez.

Roger Fröhlich hat nicht nur ein Händchen für kleine Schäufelchen, sondern auch für schwere Walzen. Ihre elf Tonnen Gewicht pressen das Erdmaterial zusammen. Bahn um Bahn zieht Fröhlich, verdichtet die Oberfläche. Kollege Artur Krause verteilt derweil den frisch angelieferten Aushub. "Wichtig ist, dass Walze und Raupe immer in Kombination arbeiten", sagt Klaus Beez. Ziel ist, die Hänge zu modellieren und Setzungen zu vermeiden.

Naturschutz spielt eine wichtige Rolle

 Foto: Mugler, Dennis

Die Eberstädter Deponie liegt im Wald. Auch deshalb kümmern sich die orangerot gekleideten Mitarbeiter nicht nur um Schaffußwalze und Materialproben, sondern auch um Gelbbauchunken und Zauneidechsen. Sichtbare Belege finden sich an entgegengesetzten Enden der Anlage.

Quartier für geschützte Amphibien

Im Norden zeigt Beez auf einen Wassertümpel. Dort saugt eine Pumpe so lange, bis alles Wasser verschwunden ist. Er rechnet nämlich damit, dass sich angesichts steigender Temperaturen bald die Gelbbauchunken auf den Weg machen, um nach einer Laichstätte zu suchen. Und haben es sich die streng geschützten Amphibien gemütlich gemacht, kann Beez seinen Leuten erst einmal unbefristeten Urlaub geben. Im Süden der Anlage hat der Landkreis zwei nahezu quadratische Schotterbecken angelegt: Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer für Gelbbauchunken. "Die Becken werden sehr gut angenommen. Entscheidend ist, dass wir die Population so lange am Leben erhalten können, wie der Deponiebetrieb läuft."

Zurück am Empfangsgebäude. Der Herr der Waagen und Hüter der Regeln erfasst noch immer einen Lkw nach dem anderen. Wenn Mike Hausner und seine Kollegen heute Feierabend machen, haben sie 1200 bis 1500 Tonnen Aushub angenommen, verteilt, beprobt, eingebaut. Als Teil einer Wirtschaftsregion mit erhöhter Pulsfrequenz. Tack. Tack. Tack.

 
 
 
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