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Programmierschule 42 Heilbronn will 2021 starten

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Die Coding School 42 Heilbronn will im Februar mit Aufnahmeprüfungen beginnen. Ihr Standort ist das ehemalige Gebäude der Innovationsfabrik. Das Lernkonzept der Programmierschule ist ungewöhnlich.

von Annika Heffter
Thomas Bornheim (l.), Geschäftsführer der 42 Heilbronn, besucht die Baustelle der Schule mit Projektleiter Carl-Michael Weipert von Schwarz Campus Services, dessen Familie das Gebäude früher als Maschinenfabrik genutzt hat.
Foto: Berger
Thomas Bornheim (l.), Geschäftsführer der 42 Heilbronn, besucht die Baustelle der Schule mit Projektleiter Carl-Michael Weipert von Schwarz Campus Services, dessen Familie das Gebäude früher als Maschinenfabrik genutzt hat. Foto: Berger  Foto: Berger, Mario

Das Studium an der Programmierschule 42 Heilbronn ist wie ein Abenteuer-Rollenspiel aufgebaut: Man bekommt eine Aufgabe und Erfahrungspunkte für dessen Lösung. Ist man erfolgreich, wird der nächste "Level", die nächste Herausforderung, freigeschaltet. Es gibt keine Dozenten oder Lehrer, keine Theorie-Vorlesungen, keine Fachliteratur oder sonst etwas, das man traditionellerweise mit einer höheren Bildungseinrichtung verbinden würde. Nur Rätsel, die es selbstständig zu lösen gilt. Zum Beispiel: Baue ein 3D-Spiel oder einen Sudoku-Löser. Je nach Komplexität des Projekts hat man Tage, Wochen oder Monate Zeit, um es fertigzustellen.

Studierende brauchen keinen Schulabschluss oder Vorkenntnisse

Wer nun laut "Ja, ich fange sofort an! Lass mich gleich einmal nach Lösungen googeln" ruft, für den ist das Konzept der Programmierschule 42 wahrscheinlich genau richtig. "Es ist etwas anderes, spannend und inklusiv", sagt der neue Geschäftsführer der 42 Heilbronn, Thomas Bornheim, begeistert. Inklusiv? "Ja, man braucht kein Abitur, keine Ausbildung, gar keinen Abschluss. Man muss nur herausfinden: Passt dieses Lernmodell zu mir und habe ich die Veranlagung fürs Coding", sagt er. Vorerfahrung mit Programmiersprachen brauche man aber nicht.

Als Programmierer gibt es verschiedene Spezialbereiche

Ziel des ungewöhnlichen Modells ist es, möglichst viele gute Programmierer auf den Markt zu bringen. "Egal was man im Leben macht, es ist immer sinnvoll, programmieren zu können", sagt Bornheim. Dabei könne das Studium in viele verschiedene Richtungen gehen: "Die Level sind wie eine Mindmap aufgebaut", erklärt der 44-jährige Geschäftsführer. Die einen Verästelungen der Map führten zu einer bestimmten Spezialisierung, andere zu einer anderen Expertise. "Wir geben Wege vor, die die Studierenden dann selber gehen", sagt Bornheim.

Wenn ein bestimmtes Problem oder Spezialgebiet nicht das ist, was man möchte, könne man sich auch umorientieren. "Manche erstellen gerne 3D-Grafiken oder wollen in Richtung künstliche Intelligenz, andere gehen zum Beispiel in den IT-Sicherheitsbereich", sagt Bornheim. Die Möglichkeiten seien vielzählig.

Studierende sollen voneinander lernen

Ursprünglich stammt das pädagogische Konzept aus Frankreich, wo sich die École 42 schon etabliert hat. In Heilbronn ist die Programmierschule noch eine Baustelle: In der Weipertstraße, wo früher die Innovationsfabrik ihre Räumlichkeiten hatte, entstehen nun Coworking Spaces, Pausen-, Ess- und Spielbereiche und viele Reihen mit Computern für die 42 Heilbronn. Denn obwohl es keine klassischen Vorlesungen oder Lehrer gibt, sollen sich die Studenten in diesem Gebäude austauschen und voneinander lernen können.

"Im Februar beginnen die Aufnahmeprüfungen", erzählt Bornheim. Auch der Auswahlprozess der Studierenden für die Coding School ist ungewöhnlich. Zunächst lösen die Bewerber Online-Logik-Spiele: "Damit können sie herausfinden, ob diese Art zu denken ihnen liegt", sagt der ehemalige Google-Analyst. Wer die Spiele gut meistert, qualifiziert sich für die Vorauswahl, die aus einem vierwöchigen Trainings-Camp besteht. Dort werden Grundlagen vermittelt, zum Beispiel wie man einfache Programme und Algorithmen schreibt.

50 Prozent Frauenanteil angestrebt

Das Studium an der 42 Heilbronn ist wie an den anderen Coding Schools kostenlos, das Mindestalter für Bewerber beträgt 18 Jahre. Thomas Bornheim wünscht sich viele Bewerberinnen. "Unser strategisches Ziel ist gender equality", sagt er, also 50 Prozent Frauenanteil unter den Studierenden. Denn neben der Vermittlung neuer Lernmethoden sei es wichtig, soziale und kulturelle Hürden im Bildungsbereich abzubauen "und zu zeigen: Das hier ist nicht nur ein Jungsding."

 

Zahlen und Fakten

Die École 42 wurde 2013 als private und gebührenfreie Coding School in Paris gegründet. Das pädagogische Modell gibt es schon seit etwa 20 Jahren, es wird stetig weiterentwickelt. Weltweit gibt es 32 Standorte der Programmierschule in insgesamt 20 Ländern. Die Dauer des Studiums beträgt ungefähr drei Jahre. Nach etwa neun Monaten absolvieren die meisten Studierenden ihr erstes Praktikum. In Paris werden mittlerweile etwa 60 Prozent der Studierenden schon nach ihrem ersten Praktikum übernommen. Die Programmierschule 42 Heilbronn will 2021 an den Start gehen, die Aufnahmeprüfungen sollen im Februar beginnen. Das Ziel der 42 Heilbronn ist es, im ersten Schwung zunächst rund 150 Studierende zu begrüßen. Langfristig sollen an der Programmierschule im Dauerbetrieb 600 bis 700 Studierende Platz finde


Kommentar: Zugang gewährt

Von: Annika Heffter

Es gibt 32 von ihnen, in 20 Ländern, verteilt über alle Kontinente der Welt: die renommierten Coding Schools 42. In Deutschland gab es bisher noch keine dieser unkonventionellen Programmierschulen. Bis zum nächsten Jahr: Dann eröffnet die 42 Heilbronn. Eine Bereicherung für die Region. Denn die Coding School 42 fordert das soziale und kulturelle Verständnis von höherer Bildung und wer Zugang zu ihr haben sollte fundamental heraus. Sie steht für ein Peer-to-peer- Lernkonzept. Sie arbeitet auf Hochschulniveau, aber ohne Dozenten oder Vorlesungen. Sie steht allen offen, die das Programmieren lernen wollen, unabhängig von Vorkenntnissen und Abschlüssen.

Es ist ein geradezu abenteuerlich praktisch ausgerichtetes Konzept, zumindest für ein Land wie Deutschland, in dem zum Studium auch immer ein gewisser theoretischer Unterbau gehört und es eine steife Bildungs-Hierarchie gibt. Nur wer den richtigen Abschluss hat, darf in die Hochschule, ansonsten heißt es: Zugang verwehrt. Die 42 Heilbronn will anders sein, soziale Brücken bauen, Möglichkeiten eröffnen. Richtig so. Jeder Mensch lernt anders, hat andere Ziele und Wege, sie zu erreichen, ist auf unterschiedlichen Gebieten besonders schlau, Abitur hin oder her.

In einer eher traditionell ausgerichteten Umgebung wie Heilbronn wird es umso spannender, zu sehen, wie schnell sich die Coding School etabliert und wie sie von anderen Bildungseinrichtungen und besonders den regionalen Unternehmen aufgenommen wird. Denn damit das Konzept dauerhaft greift, braucht es Arbeitgeber, die offen dafür sind und zum Beispiel bei der Höhe des Gehalts nicht unbedingt nur auf den höchsten Bildungsabschluss schauen. Talent, Expertise, Leidenschaft und soft skills sollten sowieso entscheidendere Faktoren sein.

 

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