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Vortrag in Heilbronn: Wie sich die digitale Reizüberflutung auf das Gehirn auswirkt

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Prof. Dr. Martin Korte war am Dienstagabend in der Experimenta, um einen Vortrag über die Auswirkungen der digitalen Reizüberflutung auf das Gehirn , das Denken und das Verhalten zu halten.

Binnen 17 Jahren ist das Konzentrationsvermögen der Menschen dramatisch zurückgegangen. Das legen zumindest Studien nahe. In einer kanadischen Firma betrug die durchschnittliche Konzentrationszeit der Mitarbeiter im Jahr 2000 noch 22 Sekunden, 2017 war es nur die Hälfte. Das berichtete Professor Martin Korte am Dienstag in der Experimenta.

„Hier gibt es eine Korrelation mit den hohen Verkaufszahlen von Smartphones und auch der Art, wie Bildschirme benutzt werden“, sagte der 59-jährige Biologe und Autor, der im Rahmen der Robert Mayer Lecture einen Vortrag vor 150 Zuhörern hielt.

Wann hilft und schadet die digitale Reizüberflutung dem Gehirn? 

Im Fokus dabei: die Auswirkung der digitalen Reizüberflutung auf das Gehirn, das Denken und das Verhalten. Korte stellte die neusten Forschungsergebnisse zu dieser Frage vor und räumte dabei mit einigen Mythen auf. Er zeigte unter anderem, wann digitale Mediennutzung dem lernenden Gehirn hilft, wann sie es fördert und warum Multitasking dem Gehirn sogar schadet.

"Je mehr Smartphones verkauft wurden, umso mehr ist der IQ gesunken"

Eine Firma aus Australien hat sich alle IQ-Tests seit dem Jahr 1930 angeschaut. Dabei, so Korte, fiel auf, dass bis zum Jahr 2000 die Menschen in Industrieländern einen steigenden IQ aufwiesen. „Wenn die Schulausbildung Pflicht wird, steigt auch der IQ.“ Allerdings: Zwischen 2007 und 2010 seien die Werte nach unten gegangen, sieht der Wissenschaftler klare Zusammenhänge. „Je mehr Smartphones verkauft wurden, umso mehr ist der IQ gesunken.“

Mittlerweile hat sich das wieder stabilisiert. Der Befund bleibt, die Frage liege auf der Hand: „Kann es sein, dass durch die schnelle und große Ablenkbarkeit unser Konzentrationsvermögen leidet?“ Dann zeigte Professor Korte ein Video auf der Leinwand: Ein Experiment, bei dem ein zweijähriger Schimpanse und ein Student ein Memory mit Zahlen auf einem Bildschirm lösen sollen.

Gehirne wollen Informationen abspeichern, wenn sie bedeutsam sind

Die Zahlen werden für 220 Millisekunden gezeigt, und sie müssen es danach in der richtigen Reihenfolge anklicken. Diese Aufgabe wiederholt sich, und der Schimpanse meistert es jedes Mal und bekommt als Belohnung Nüsse.

„Wir können dem Schimpansen so lange zuschauen, bis er keinen Hunger mehr hat“, sagte Korte. Das Publikum lachte lautstark. Der Student macht das Memory nur ein Mal richtig, bevor er immer wieder scheitert.
„Ich wollte damit vor Augen führen, wie selektiv unser Filterprozess in unseren Gehirnen ist. Denn unsere Gehirne wollen dann Informationen abspeichern, wenn wir was damit assoziieren können und wenn wir glauben, dass sie zukünftig bedeutsam sein können.“

Problem des Gehirns ist der Abruf

Unser Gehirn könne enorme Mengen abspeichern, verdeutlichte der Autor: „Erst 2018 hat man in Utah einen einzelnen Rechner gebaut, der mehr Speicherkapazitäten als ein menschliches Gehirn im Laufe einer Lebensspanne hat.“

Das Problem des menschlichen Gehirns sei der Abruf. „Unser Gehirn muss schon beim Abspeichern bedenken, nur einen Bruchteil dessen abzuspeichern, was wir erleben, damit wir in verschiedenen Lebenssituationen die Informationen auch schnell abrufen können und nicht in einem Datenmeer ertrinken.“

Fehleranfälligkeit nimmt um 40 Prozent zu, wenn Handy auf dem Tisch liegt

Multitasking könne unser Gehirn nicht gut. Auf mehrere Bildschirme gleichzeitig schauen, im Gespräch mit anderen das Handy im Blick haben – das sei zu viel Input auf einmal, das Wichtigste gehe da schnell mal verloren. „Denn wenn das Gehirn mehrere Ziele parallel verfolgt, ist es am Ende zufällig, was im Gehirn abgespeichert wird. Bitte kein Multitasking, das schadet Gehirnen“, betonte Korte.

Ein weiteres Problem beim Thema digitale Reizüberflutung ist, dass die Fehleranfälligkeit um 40 Prozent zunimmt, wenn nur ein Handy auf dem Tisch liegt – selbst wenn es ausgeschaltet ist. „Der Grund dafür ist, dass wir dem Impuls widerstehen müssen, das Handy in die Hand zu nehmen und es wieder einzuschalten“, sagt der Biologe und Autor Martin Korte.

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