Streaming-Dienste und ihr Einfluss auf die Gesellschaft
Das deutsche Fernsehen hat einen schweren Stand. Immer mehr Zuschauer wandern zu Streaming-Diensten ab. Die Wissenschaftlerin Dr. Daniela Schlütz von der Filmuniversität Babelsberg erklärt, was Streaming-Dienste besser machen und wie wir in 20 Jahren fernsehen.

Wie hat sich Fernsehen in den vergangenen zehn Jahren verändert?
Professorin Daniela Schlütz: Das Mediennutzungsverhalten ist heute anders als früher. Die Menschen schauen sich Filme auf Netflix, Amazon-Prime oder wo auch immer an und möchten nicht mehr warten, bis es 20.15 Uhr ist. Man nennt das auch zeit- und gerätesouverän.
Was bedeutet das?
Schlütz: Neben dem Fernsehgerät werden Filme auf dem Laptop oder Handy angeschaut. Man schaut also wo und wann man möchte, und das verändert die Nutzung dauerhaft. Fernsehen ist flexibler geworden.
Wie steht es um das rituelle Tatort-Schauen, sonntagabends? Wenn jeder streamt, kann ich mich nicht mehr mit meinen Kollegen austauschen.
Schlütz: Bei jungen Leuten fällt das tatsächlich weg. Stattdessen gibt es im Netz, in Online-Foren oder auf Facebook Gruppen, die sich mit ganz speziellen Serien auseinandersetzen. Dort sind die Zuschauerinnen und Zuschauer alles andere als allein. Sie treffen sich eben nicht persönlich, sondern im virtuellen Raum.
Schauen Jugendliche noch Fernsehprogramme?
Schlütz: Jugendliche schauen ab und an sogenanntes Event-Fernsehen: Germanys Next Top-Model ist so ein Beispiel und natürlich Live-Sportveranstaltungen. Das funktioniert dann gut, wenn sich die Sender auf das veränderte Fernsehverhalten einlassen und Hintergrundmaterial im Stream bereitstellen.
Was hält Jüngere vom linearen Fernsehen ab?
Schlütz: Die starre Programmstruktur ist ein Grund, die Synchronisation ein weiterer - viele junge Leute bevorzugen Originalversionen. Zudem kann man im Fernsehen meist nur eine Folge einer Serie sehen. Für junge Menschen undenkbar, sie bevorzugen Marathon-Sitzungen.
Die Programmauswahl samstagabends scheint für Senioren gemacht zu sein.
Schlütz: Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen ihre Zuschauer bedienen. Die sind zumeist etwas älter. Die sehen Volksmusiksendungen oder Krimis gerne. Krimis laufen übrigens in keinem Land der Welt so gut wie in Deutschland. Das hängt wohl damit zusammen, dass für Zuschauer die Welt danach wieder in Ordnung ist.
Serien haben einen hohen Suchtfaktor. Weshalb?
Schlütz: Ich denke, dabei sind zwei wesentliche Dinge wichtig: Gute Geschichten, in denen man sich verlieren kann und Figuren, die einem über lange Zeit ans Herz wachsen.
Wieso tun sich Fernsehanstalten so schwer?
Schlütz: Wer fürs Fernsehen schreibt, ist sehr eingeschränkt. Der Autor oder die Autorin hat für jede Episode einen festgelegten Zeitraum zur Verfügung. Vielleicht redet noch die Redaktion mit rein. Wer für Streaming-Dienste schreibt, hat sehr viel mehr Freiheit.
Handy, Laptop, Fernsehen. Stimmt es, dass junge Menschen mehrere Geräte gleichzeitig benutzen?
Schlütz: Junge Menschen sehen Medien nicht mehr getrennt, sie sind im Handy oder Laptop vereint. Bei der Nutzung geht es dann zwischen den unterschiedlichen Anwendungen hin und her, die Grenzen verwischen.
Wie kommen Menschen damit zurecht?
Schlütz: Nicht so gut. Es geht doch einiges verloren, denn das menschliche Gehirn ist für Multitasking nicht ausgelegt. Es hat begrenzte Ressourcen. Man bekommt nicht alles mit und kann nur bestimmte Dinge aufnehmen. Häufig solche Informationen, die schon bekannt sind, die irgendwo anknüpfen können.
Sind Streaming-Serien Beziehungs-Killer?
Schlütz: Würde ich nicht sagen. Serien-Schauen kann ein Gemeinschaftserlebnis sein. Das kann sogar zu einem sinn- und beziehungsstiftenden Ritual werden. Paare diskutieren hinterher vielleicht darüber. Mutter und Tochter schauen sich die Serie "Gilmore-Girls" an. Familien entscheiden sich für Serien, deren Themen alle interessieren und die sie in den Alltag mitnehmen.
Ein Buch zu lesen ist doch fürs Lernen geeigneter?
Schlütz: Nicht unbedingt. Die Informationsverarbeitung ist bei audio-visuellen Inhalten zwar komplexer, dafür können Bild und Ton einander unterstützen. Die Aufnahme von Informationen kann effektiver sein als bei reinem Text.
Wie sieht das Fernsehverhalten in 20 Jahren aus?
Schlütz: Die Gesellschaft zerfällt noch stärker in einzelne Subkulturen. Früher kannten alle Thomas Gottschalk. Auf ihn und seine Show konnten sich alle einigen. Das ist heute nicht mehr so. Durch das Internet haben unterschiedlichste Gruppen die Möglichkeit, sich zu vernetzen und ihre eigene Popkultur zu leben.
Zur Person
Professorin Dr. Daniela Schlütz lehrt und forscht zu den Themen Digitalisierung und Medienwandel an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Die 52-Jährige hat zu Computerspielen promoviert und sich im Fach Kommunikationswissenschaft zum Thema Quality-TV als Unterhaltungsphänomen habilitiert.



Stimme.de
Kommentare