Die Analyse vor der Bürgermeisterwahl in Weinsberg
800 Zuhörer machen sich beim Stimme-Wahlforum in der Weibertreuhalle ein Bild vom amtierenden Bürgermeister und seinem Herausforderer. Wie haben sich die beiden vor der Wahl am 2. Februar in Weinsberg präsentiert?

Rein am Applaus gemessen, erfährt Amtsinhaber Stefan Thoma (60) beim Stimme-Wahlforum in der Weibertreuhalle mehr Zustimmung von den 800 Zuhörern als sein Herausforderer Lutz Ronneburg (55). Doch so einfach ist es nicht. Auch der Geschäftsführer einer Finanzgesellschaft aus Tamm bei Ludwigsburg schlägt sich die meiste Zeit tapfer.
Oft dieselbe Antwort
Lutz Ronneburg ist angriffslustig, und man nimmt ihm ab, dass er es ernst meint. Auch hat er auf alle Fragen der Redakteure Anja Krezer und Simon Gajer eine Antwort parat. Allerdings ist es oft dieselbe: erst einmal alles analysieren, dann die Akteure "ins Boot holen".
Stefan Thoma wirkt da wesentlich eloquenter. Er hat aber auch den Vorteil, auf Erfahrungen aus 16 Jahren Amtszeit zurückgreifen zu können. Somit punktet der amtierende Bürgermeister mit Fakten und Ortskenntnissen, die Ronneburg nicht haben kann.
Qualitätsmanagement im Kindergarten
Aber natürlich hat auch der Herausforderer Ideen für die 12.300-Einwohner-Stadt. Beifall bekommt er zum Beispiel für sein Vorhaben, die Betreuungszeiten in den Kindergärten verlässlicher zu gestalten. Es soll ein Qualitätsmanagement geben. Auch eine höhere Bezahlung für sogenannte Springerinnen bringt er ins Gespräch.
Bei anderen Themen lehnt sich Ronneburg zum Teil aber weit aus dem Fenster. Er will eine Bürgerbeteiligungs-Plattform online installieren und rechnet dabei mit 500 Ideen im Monat. Das bringt ihm einige Lacher aus dem Publikum ein.
Lacher aus dem Publikum
Seine Lösung für die zu erwartende Verkehrsbelastung während der Sperrung des Schemelsberg-Tunnels 2022? "Wir holen alle ins Boot", um eine Lösung zu finden. Auch hier schütteln einige Zuhörer nur den Kopf.
Thoma stellt klar, dass die Kommune in diesem Fall niemanden ins Boot holen könne und vielmehr der Spielball des Bundes und des Landes sei. Thoma gibt den Zuhörern sein Wort, dass die Tunnelsperrung erst komme, wenn alle vier Umleitungsstrecken ertüchtigt seien.
Als Simon Gajer nach Thomas" Führungsstil im Rathaus fragt, wird es zeitweise unruhig im Saal. Der Bürgermeister betont, dass die Stimmung in der Belegschaft gut sei und es lediglich eine Handvoll Mitarbeiter gebe, die mit ihm ein Problem habe.
Eigentor geschossen
Hier wittert Ronneburg seine Chance, das fehlende Fachwissen zu kompensieren und Thoma zu übertrumpfen. Er will in Gesprächen mit Bürgern von einem schlechten Klima im Rathaus erfahren haben. Das soll sich mit ihm als Bürgermeister ändern. Er will mit klaren Aussagen für mehr Zufriedenheit sorgen. Als Ronneburg dann aber versucht, Thoma wegen eines Behinderten-Parkplatzes am Weinsberger Rathaus in Misskredit zu bringen, verspielt er Sympathiepunkte. Er kann es auch nach einer Erklärung von Thoma nicht gut sein lassen. Damit schießt der Herausforderer ein Eigentor.
Thoma sitzt indes recht entspannt auf seinem Stuhl. Grundsätzlich zeigt er sich an diesem Abend ruhig und souverän. Er lässt sich weder von kritischen Fragen der Journalisten, etwa zum extremen Wachstum der Stadt, aus der Ruhe bringen, noch locken ihn die Attacken seines Gegners aus der Reserve. An wirklich neuen Visionen für die Stadt fehlt es dem Amtsinhaber aber. Ein Ass hat er nicht im Ärmel.
Was die Weinsberger Bürger von den Kandidaten fordern: Themen sind Bürgerbeteiligung, Integration, Senioren, Verkehr und die Innenstadt im Mittelpunkt.
Rainer Steger und Anastasia Hranovschi haben ihre Standpunkte gefunden: "Es war gut, beim Wahlforum zu hören, wie sich die Kandidaten zu bestimmten Themen geäußert haben", sagt Reiner Steger. Er wünscht sich mehr Offenheit und Bürgerbeteiligung: "Mir ist wichtig, dass die Entscheidungen nachvollziehbar sind", berichtet der Weinsberger und nennt zwei Beispiele: "Es gibt eine Bürgersprechstunde um 16 Uhr. Niemand, der einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgeht, kann da erscheinen."
Auch bei den Informationsveranstaltungen zum Tunnelbau habe er den Eindruck gehabt, dass es sich nicht um einen Termin für die Bürger gehandelt habe. "Es wurde gar nicht auf unsere Punkte eingegangen." Eine Internetplattform, auf der die Menschen eigene Vorschläge einbringen können, hält er daher für sinnvoll.
Willkommenskultur gefordert
Anastasia Hranovschi kritisiert, dass ein Teil der Weinsberger nicht wahrgenommen wird. "Viele Geflüchtete und Ausländer kennen die Hilfsmöglichkeiten nicht, die ihnen durch Ämter, Behörden und das Rathaus zu Verfügung stehen", berichtet sie und denkt dabei an Dolmetscher. "Viele Menschen benötigen diese Hilfe, aber da sie von dem Angebot nichts wissen, können sie es auch nicht nutzen." Hranovschi fordert ein eigenständiges Integrationsmanagement im Rathaus.
Das Paar ist sich einig, dass Weinsberg gegen Provokationen und Einschüchterungen von rechts wehrhaft ist. "Wir leben in einer starken Demokratie, und Kandidaten wie Samuel Speitelsbach haben sich daher bereits vorab für uns disqualifiziert." Speitelsbach, der dritte Kandidat, war wegen mutmaßlich rechtsextremer Äußerungen und Gesten bei einer städtischen Wahlkampfveranstaltung des Saales verwiesen worden.
Auch wenn das Stimme-Forum für Hranovschi und Steger sehr informativ war, waren die beiden irritiert, dass keine Publikumsfragen gestellt werden konnten. "Im Nachhinein fand ich das gut, da die Fragen sonst vielleicht zu einseitig geraten wären", erklärt Rainer Steger. Auch Klaus Unfried und Detlef Vogel finden wichtig, dass "mit der Heilbronner Stimme eine neutrale Stelle" das Wahlforum moderiert hat. "Sehr gerne hätte ich aber einige Fragen am Ende gestellt", sagt Vogel.
Kritik an Bürgermeister geübt
Sein Bekannteter Unfried ist Vorsitzender des Stadtseniorenrats und der Meinung, dass Bürgermeister Thoma Tatsachen verdreht habe. "Für die Seniorenarbeit gibt es zu wenig finanzielle Unterstützung." Viele Projekte würden auf ehrenamtlicher Initiative fußen. "Zum Beispiel wird der Bürgerbus für Senioren vom Stadtseniorenrat finanziert." Eine Rathausmitarbeiterin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, fordert, dass "die Hauptstraße zur Einbahnstraße wird". Bedenklich sei, dass der Bereich Weissenhof bei der Debatte wenig Erwähnung fand. "Die Menschen dort sind besonders von der Tunnelsperrung betroffen."
Für die Innenstadt wünscht sie sich neue Cafés. "Dass eines nach dem anderen schließt, finde ich sehr problematisch." Zudem könnten Nahversorger wie Ihr Platz, DM und Rossmann das Zentrum zusätzlich beleben. Die Stadtteile Gellmersbach, Grantschen, Wimmental und das Klinikum Weissenhof dagegen würden insgesamt lokalpolitisch zu wenig berücksichtigt.
Stimme.de
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