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Gewalt in Beziehungen

Der lange Weg aus einer gewalttätigen Beziehung: Betroffene aus Heilbronn berichtet

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Die Polizei ermittelt zunehmend in Fällen von Partnergewalt. Eine Frau aus Heilbronn trennt sich von ihrem gewalttätigen Ehemann. Doch so schnell wird sie ihn nicht los.

Eine Frau aus Heilbronn trennt sich von ihrem gewalttätigen Ehemann. Doch so schnell wird sie ihn nicht los.
Eine Frau aus Heilbronn trennt sich von ihrem gewalttätigen Ehemann. Doch so schnell wird sie ihn nicht los.  Foto: Mugler, Dennis

Eine 34 Jahre alte Heilbronnerin wird vom Ehemann misshandelt. "Es ist schwer zu erkennen, dass etwas schiefläuft, irgendwann stehst du vor einem Scherbenhaufen", fasst sie die Zeit zusammen. Sie schafft es, sich von dem Partner zu lösen. Der stellt ihr nach. Obwohl das Amtsgericht Heilbronn ein Annährungsverbot beschließt, geht das Stalking weiter. Die 34-Jährige kritisiert, dass von häuslicher Gewalt betroffene Menschen sich allen Gesetzen und Beratungsangeboten zum Trotz lange Zeit nicht sicher fühlen können.

Gewalt gegen Frauen: Im Krankenhaus ruft betroffene Heilbronnerin die Polizei

Ihr Noch-Ehemann sei suchtkrank, erzählt die Heilbronnerin. Immer sei die Hoffnung da gewesen, dass Entzugstherapien helfen. "Doch es ging immer nur bergab." Bedrohungen - "ich bringe dich um" - , Beleidigungen, Schläge gehören zum Eheleben. In einem Streit bricht er ihr den Finger. Die Behandlung im Krankenhaus besiegelt das Ende der Beziehung. Im Dezember 2021 verlässt sie ihn. Das Gesetz sieht ein Trennungsjahr vor. Im September 2022 reicht die Frau die Scheidung ein.

Die Heilbronnerin findet eine eigene Wohnung. Dort lebe sie mit den beiden Kindern. Der Ex-Partner stalkt sie. Das Annäherungsverbot des Gerichts vom vergangenen Oktober und weitere Unterlagen, die die Aussagen der Frau stützen, liegen der Redaktion vor.

Gericht macht dem Mann klare Ansagen

In einem Schreiben des Gerichts steht, dass der Mann die Vorwürfe einräumt. Er darf sich der Frau nicht nähern. Er darf deren Wohnung nicht betreten. Begegnen sich die beiden zufällig auf der Straße, muss er gehen. Soweit der richterliche Beschluss. Die Praxis sieht nach Angaben der Frau so aus: Er legt ihr Blumen auf die Motorhaube ihres Autos. Er ruft sie unzählige Male am Tag an, klingelt an der Wohnungstür. Er lauert ihr auf, stellt sich in die Autotür, so dass sie die nicht schließen kann. Alle diese Verstöße gegen das Annäherungsverbot meldet sie der Polizei. Die komme jedes Mal rasch. Monatelang geht das so.

Kritik an langen Verfahrenswegen

Damit der Mann das Annäherungsverbot einhält, die Anwältin der Frau einen Antrag auf Ordnungshaft. Das Amtsgericht stimmt dem vor wenigen Tagen zu. Sollte der Mann weiter gegen den Beschluss verstoßen, droht ihm Gefängnis. Ein Etappensieg auf dem langen, zähen Weg zu einem gewaltfreien Leben.

"Man ist nur am Kämpfen", sagt die Frau. Sie habe Unterstützung erfahren durch die Mitternachtsmission des Diakonischen Werks. Sie hilft wie Pro Familia oder der Verein "Frauen helfen Frauen" bei häuslicher Gewalt. Es dauere aber, bis Anzeigen und Anträge bei Polizei, Behörden und Gericht bearbeitet würden. "Der springende Punkt ist, es gibt überall zu wenig Personal und wir von häuslicher Gewalt Betroffenen hängen in der Luft."

Zahl der Fälle steigen seit Jahren

965 Fälle von Partnergewalt bearbeitet das Heilbronner Polizeipräsidium im Jahr 2022. Die Zahl steigt seit fünf Jahren kontinuierlich an. Wird der Polizei eine akute Bedrohung oder Gewalttätigkeit gemeldet, reagiert jeder Streife sofort. Für die weiteren Ermittlungen in diesen Fällen seien auf jeder Polizeidienststelle speziell geschulte Sachbearbeiter vorgesehen, erklärt Polizeisprecherin Petra Rutz.

Wie lange eine Fallbearbeitung dauert? Darauf gibt die Polizei keine konkrete Antwort. Die Sachverhalte bei Partnergewalt seien grundsätzlich unterschiedlich und hätten unterschiedlich umfangreiche Ermittlungen und Betreuungen zur Folge, sagt Rutz. Je nach Fall seien Absprachen mit anderen Stellen wie Jugend- und Ordnungsämtern oder Gerichten nötig.

Polizei, Ordnungsamt und Gericht sind beteiligt

170 Anträge nach dem Gewaltschutzgesetz gehen vergangenes Jahr ein, teilt Familienrichterin Iris Wüst vom Heilbronner Amtsgericht mit. 92 Anträge seien es im ersten Halbjahr dieses Jahr.

Einen Gewalttäter aus dem gemeinsamen Leben zu verbannen, ist ein bürokratischer Akt. Die Polizei kann prügelnde Menschen in akuten Situationen ad hoc für vier Werktage aus der Wohnung verweisen. Die Ordnungsämter können diesen Verweis auf Antrag der Geschädigten um 14 Tage verlängern. Das Heilbronner Ordnungsamt erfasst vergangenes Jahr 210 Fälle häuslicher Gewalt, 61 Wohnungs-, Kontakt- und Annäherungsverbote sind nach Angaben der Pressestelle ausgesprochen worden. In diesem Jahr (bis 31. Juli) seien es 129 Fälle häuslicher Gewalt mit 44 entsprechenden Verboten. Möchte ein Opfer Schutz über die 14 Tage hinaus, muss es bei Gericht ein Gewaltschutzverfahren beantragen.

Opfer ist ständig auf der Hut

"Es liegt nicht am Willen aller Beteiligten", sagt Ulrike Allinger vom Verein "Frauen helfen Frauen". Die Hilfe für Betroffene genieße hohe Priorität. Aber: "Das System ist unterfinanziert und personell überlastet." Täter nutzen das aus, meint die 34-jährige Heilbronnerin. Sie schließt stets alle Türen ab. Bevor sie die Wohnung verlässt, schaut sie, ob er draußen rumlungert. "Ich möchte nicht warten, bis die Situation eskaliert." Dem Bundeskriminalamt nach wird statistisch gesehen nahezu jeden Tag in Deutschland eine Frau vom Partner oder Ex-Partner getötet.

Hilfsangebote sollen weiter verbessert werden

Der Verein "Frauen helfen Frauen" koordiniert die Heilbronner Arbeitsgruppe (AG) Platzverweis. Die AG vernetzt Institutionen und Ämter, die mit häuslicher Gewalt zu tun haben. Polizei, Jugend- und Ordnungsämter aus der Stadt und dem Landkreis Heilbronn, die Opferhilfeorganisation Weißer Ring und Beratungsstellen arbeiten darin zusammen. "Die AG läuft richtig gut", sagt Ulrike Allinger von "Frauen helfen Frauen". Die Heilbronner Stadtverwaltung plant ein neues Konzept, um die Hilfen und Unterstützung für betroffene Menschen zu verbessern und erweitern, teilt Pressesprecherin mit. 58 Prozent der Hilfe finanziere die Stadt, 42 Prozent der Landkreis.

 

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