Dem Talheimer Ostfriesen fehlt im Unterland die Teekultur seiner Heimat
Dort, wo Stefan Feldmann aufgewachsen ist, ist Teekonsum allgegenwärtig - und zu jeder Tageszeit gängig. Aber hier im Unterland und drumherum? In Süddeutschland erlebt der Ostfriese wenig Begeisterung für das Heißgetränk - und zudem einige Unsitten.

Mit Getränken kennt sich Stefan Feldmann aus. Der 34-Jährige ist Barchef im Wüstenroter Raitelberg Resort, er ist Whisky-Liebhaber und – er ist Ostfriese. „Ich habe wahrscheinlich schon von klein auf mehr Tee als Muttermilch gekriegt“, sagt der Norddeutsche schmunzelnd.
Seit rund fünf Jahren lebt Feldmann in Talheim. Die Unterschiede zwischen dem Unterland und seiner Heimat sind bei der Teekultur fundamental.
„Jeden Tag wird in Ostfriesland mindestens zwei Mal Tee getrunken, wenn Besuch kommt öfter. Ist man irgendwo zu Besuch, wird einem grundsätzlich Tee angeboten – egal zu welcher Uhrzeit.“ Minimum drei Tassen seien dann Pflicht. „Weniger wären eine Beleidigung des Gastgebers.“
Eine Unsitte in Hotels in Süddeutschland
Hierzulande gleiche es hingegen einer Seltenheit, überhaupt mal einen Tee angeboten zu bekommen. Das ist bei weitem nicht der einzige Unterschied, den Feldmann in diesem innerdeutschen Nord-Süd-Gefälle ausgemacht hat. „In Hotels in Süddeutschland fällt mir immer wieder auf, dass dort keine spezielle Tasse für Tee auf dem Zimmer bereitsteht.“ Vielmehr steht eine gemeinsame für Kaffee und Tee parat. „Das ist eine Unsitte“, wie er findet. Denn zum Teegenuss gehört das passende Prozedere. In Ostfriesland sieht das so aus:
Den losen Tee in einer Kanne aufbrühen, ziehen lassen, ein Stück Kandiszucker („Kluntje“) auf den Boden einer flachen, feinwandigen Teetasse legen und aufgießen. Das erzeugt ein Knistern. „Das Geräusch ist ganz wichtig für die Teezeremonie“, betont Feldmann. Zum Schluss kommt ein Löffel Sahne auf den Tee, das sogenannte Wulkje, ein Wölkchen. Ganz wichtig: Nicht umrühren.

„Der Löffel ist nicht zum Verrühren da“, macht Feldmann deutlich. „Der Löffel symbolisiert ausschließlich, dass man keinen Tee mehr möchte.“ Und zwar dann, wenn er in der Tasse platziert wird. Wie eben gelernt, erlaubt die Konvention das erst nach mindestens zweimaligem Nachschenken. Liegt der Löffel neben dem Trinkgefäß, fließt fortlaufend Nachschub - "das ist dann ähnlich wie beim Kölsch in der Kneipe".
Auch auf das Wasser kommt es an
Auch das Geschirr spielt eine entscheidende Rolle. Feldmanns Service hat die abstrakt gehaltene ostfriesische Rose als Motiv abgebildet – handbemalt wohlbemerkt. „Das ist mein Stück Ostfriesland in Heilbronn.“ Benutzt wird es nur zu besonderen Anlässen. Auch auf das verwendete Wasser kommt es einem eingefleischten Ostfriesen an. Das geht so weit, dass „früher das Teewasser bei uns zu Hause in Kanister abgefüllt wurde, bevor es in den Familienurlaub ging“. In Ostfriesland ist das Wasser besonders weich.
All das zeigt: So ein Teegenuss ist keine triviale Angelegenheit. Die traditionelle Vorliebe seiner Landsleute führt der 34-Jährige auf die Seefahrer, die Küstenlage und die Nähe zu England und Schottland zurück, wo dieselbe Neigung besteht. Und da zeigt sich eine bei Feldmann eine weitere Parallele. Bei aller Liebe zum Tee: Feldmanns Lieblingsgetränk ist und bleibt dann doch der Whisky.
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